Rheinland-Pfalz
Warum im Saarland suchtkranke Ärzte praktizieren dürfen
Die Ärztekammer des Saarlandes hat gegenüber der RHEINPFALZ bestätigt, dass Teilnehmer ihres „Interventionsprogrammes“ für suchtkranke Mediziner unter bestimmten Voraussetzungen weiter ärztlich tätig sein dürfen.
Ein saarländischer Pathologe steht im Verdacht, bei gesunden Patienten Krebs diagnostiziert zu haben. Die Staatsanwaltschaft hat bestätigt, dass der 60-Jährige im März 2014 unter Medikamenteneinfluss einen Verkehrsunfall gebaut hat und deshalb zu einer Geldstrafe und zu zeitweisem Führerscheinentzug verurteilt wurde. Laut „Saarbrücker Zeitung“ soll er an einem Interventionsprogramm der Ärztekammer des Saarlandes zur Betreuung von suchtkranken Ärzten teilgenommen haben.
Betreuung durch Suchtmediziner
Laut Ärztekammer existiert ein solches Programm. Es sehe „gegebenenfalls“ eine stationäre Entgiftung sowie eine Betreuung durch einen suchtmedizinisch erfahrenen Mediziner vor. Außerdem seien „regelmäßige Rückmeldungen an die Ärztekammer und engmaschige Kontrollen“ Bestandteil des Programmes. Und: „Unter diesen Voraussetzungen ist auch eine weitere ärztliche Tätigkeit während der Teilnahme an diesem Programm möglich.“ Zur Frage, ob der aktuell in Verdacht geratene Pathologe an dem Programm teilgenommen hat und wie engmaschig er kontrolliert wurde, dazu machte die Kammer keine Angaben.
Auf der Internetseite des 60-Jährigen war bis Mittwochabend nicht zu erkennen, dass ihm die Approbation entzogen wurde. Kunden werden vielmehr eingeladen, das Serviceangebot des Instituts zu studieren. Man versorge derzeit über 200 niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser, Versicherungen Gerichte und Staatsanwaltschaften, heißt es dort.
Erinnerungen an Essener Skandal
Die Vorwürfe gegen den 60-Jährigen wecken böse Erinnerungen an den Fall des Essener Pathologen Josef Kemnitz. Der offenbar überforderte Mediziner hatte bei bis zu 300 Frauen fälschlicherweise Brustkrebs diagnostiziert. Als Folge ließen sich die Patientinnen die Brüste amputieren und oft auch gesunde Lymphknoten entfernen. Kemnitz flog 1997 nach der Intervention eines Gynäkologen auf, weil Gewebeproben nicht den entsprechenden Patientinnen zugeordnet werden konnten.