Rheinland-Pfalz
Warum flächendeckende Corona-Tests in Schulen und Kitas kaum taugen
Können regelmäßige und flächendeckende Tests auf das Corona-Virus den Schutz vor einer gefährlichen Covid-19-Infektion erhöhen? Die CDU-Opposition gibt sich überzeugt davon und hat am Donnerstag im Landtag dafür gestritten. In einem Antrag der Christdemokraten heißt es: Reihentests würden „dem Schutz der Kinder, Eltern, Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer dienen“. Die Landesregierung wird aufgefordert, die Möglichkeiten für regelmäßige Reihenuntersuchungen zu schaffen.
4000 Tests, um einen Infizierten zu finden
Gesundheitsministerin Bätzing-Lichtenthäler (SPD) bestreitet, dass auf diese Weise große Erfolge im Kampf gegen das Virus möglich wären und verzichtet deshalb bisher auf Reihentests ohne direkten Anlass. Sie hat diese Auffassung zuletzt am Mittwoch bekräftigt: Die Verbreitung des Covid-19-Erregers sei derzeit so gering, dass man statistisch 4000 Menschen testen müsste, um einen Infizierten zu finden. Die niedrige Anzahl von schwer Erkrankten sei ein mindestens ebenso verlässliches Zeichen. Rheinland-Pfalz verfolgt deshalb bisher die Strategie der „anlassbezogenen Populationstestung“. Ein Beispiel: Wird in einem Seniorenheim ein Infektionsfall bekannt, werden alle Bewohner und alle Beschäftigten des Hauses getestet.
Bei den Kapazitäten beginnt das Problem
Der Streit geht um die sogenannten PCR-Tests: Es wird ein Rachenabstrich genommen. In diesem wird nach Erbinformationen des Virus gesucht. So lässt sich eine akute Infektion mit dem Erreger nachweisen. Insgesamt sind in Rheinland-Pfalz derzeit 6200 Tests täglich möglich. Und bei den Kapazitäten beginnt das Problem: Nimmt man (unrealistischerweise) an, dass alle Tests nur für Kita-Kinder reserviert würden, dauerte es mehr als dreieinhalb Wochen bis jedes der 160.000 Kinder nur einmal getestet wäre. In die Schulen gehen mehr als 500.000 junge Leute, hinzu kämen Zehntausende Lehrer und Erzieher.
Ein einziger Blick aus dem Fenster genügt nicht
Und selbst wenn in Schulen und Kitas einmal pro Woche getestet würde, bliebe viel Unsicherheit. Die Testergebnisse sind immer nur eine Momentaufnahme zum Zeitpunkt der Rachenabstriche. Schon am nächsten Tag könnte das Bild ein anderes sein – so wie der Blick aus dem Fenster an einem Vormittag alleine keinen Aufschluss über das Wetter der ganzen Woche geben kann. Dennoch hat die Landesregierung angekündigt, 1500 Personen aus Kitas in Schulen einmal vor und einmal nach den Ferien als Stichprobe testen zu lassen. Das diene jedoch alleine dazu, eine zusätzliche Einschätzung zu bekommen, ob das Ansteckungsrisiko nach der Reisezeit größer sei.
Wie in der Bundesliga?
Der Vorschlag, vorsorglich Menschen in großem Stil auf das Coronavirus zu testen, taucht immer wieder auf. Auch ein Vater von vier Kindern in Ludwigshafen hat diese Woche dazu einen Vorstoß gemacht. „Ähnlich wie in der Bundesliga“, sagt Charles Schommer, sollten Schüler zweimal die Woche auf Covid-19 geprüft werden. Dann könnten alle wieder „normal zum Unterricht“ zurück. Der promovierte Chemiker hat vier Kinder, eines hat gerade das Abitur gemacht. Auch über die Logistik hat sich der Geschäftsmann den Kopf zerbrochen: „Es könnte Pooltests geben.“ Dabei würde Rachenmaterial einer ganzen Gruppe zusammengeführt und dann untersucht. Nur wenn es ein Positiv-Signal gebe, würde jede einzelne Person der Gruppe getestet.
Dem Virologen stockt der Atem
Virologe Bodo Plachter von der Universitätsmedizin in Mainz, der auch die Landesregierung bisweilen berät, stockt erst einmal der Atem, als er auf die Idee aus Ludwigshafen angesprochen wird. „Das ist logistisch überhaupt nicht zu machen“, findet er. Und: „nicht zu bezahlen, nicht sinnvoll“. Das würde nur eine „falsche Sicherheit“ vorgaukeln. Auch Antikörpertests seien als große Testreihen nicht umzusetzen. Außerdem, so Plachter, seien die Schulen bisher nicht die „Hotspots“ der Übertragung. Der Mann ist vorsichtig in seinen Äußerungen. Er will sich weder festlegen auf einen Termin, bis zu dem ein Covid-Impfstoff auf dem Markt sein könnte, noch ist er sicher, dass Schule ab Herbst so sein wird, wie wir sie alle kannten. Die Entwicklung des Impfstoffs brauche einfach Zeit. Und bis dahin gilt wie immer: „Null-Risiko“ gibt es nicht. Nirgends.