Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Wünschewagen für Todkranke: Ausfahrt zum Abschied

Fahrbereit für die letzten Wünsche von Todkranken: Christina Kunde und Olaf Deichelmann.
Fahrbereit für die letzten Wünsche von Todkranken: Christina Kunde und Olaf Deichelmann.

„Ein letztes Mal das Meer sehen“ – diesen Wunsch äußern viele todkranke Patienten. Der „Wünschewagen Rheinland-Pfalz“ macht das möglich. Doch während der Corona-Krise starben Menschen, ohne dass der Arbeiter Samariter Bund sie noch auf eine kleine Reise mitnehmen konnte.

Nicht ans Meer wollte ein 49-jähriger schwer kranker Mann aus einem Hospiz, sondern in den Heidelberger Zoo. Mit dem Wünschewagen, der in Worms stationiert ist, fuhren sie den 49-Jährigen in den Zoo, wo er auch seine Familie traf. Die Elefantenpfleger zeigten der kleinen Reisegruppe, wie sie mit Gefühl und Tierliebe den Dickhäuter Tarak täglich untersuchen. Nach Lockerungen und Erstellung eines Abstands- und Hygiene-Konzepts konnten die haupt- und ehrenamtlichen ASB-Mitarbeiter Ende Juni die erste Wunschfahrt nach der Zwangspause unternehmen.

„Die schönsten Fahrten sind oft die kleinen. Noch einmal auf dem Marktplatz der Heimatstadt Eis essen und Freunde treffen. So etwas wollen viele Gäste“, berichtet Olaf Deichelmann (72), der nach seiner Pensionierung als Beamter des gehobenen technischen Dienstes der Post eine Ausbildung als Rettungssanitäter ablegte. In den dreieinhalb Jahren, seit es den Wünschewagen des ASB in Rheinland-Pfalz gibt, hat er bereits 33 Fahrten begleitet.

Weit über 100 Touren

Insgesamt war der Wagen bereits rund 130 Mal im Einsatz. Seit 2019 haben alle Bundesländer Wünschewagen. Die verschiedenen ASB-Bundesverbände unterstützen sich bei den Fahrten gegenseitig. Auch während des Lockdowns versuchte Deichelmann mit rund hundert Ehrenamtlichen Wünsche zu erfüllen. Nach Wacken wollte ein schwerkranker Heayy-Metal-Fan. Als das legendäre Festival abgesagt wurde, bekam er Post. Aufnäher, Plakate, Festival-Becher und -Trinkflaschen waren in den Paketen von anderen Fans, die über einen Aufruf von der Situation erfahren hatten.

Auch ohne Corona-Auflagen ist bei der Planung solcher Fahrten vieles zu bedenken. „Die Karten für das Musical, das unser Gast besuchen will, muss ich besorgen. Aber ich muss auch bedenken, wo das Team übernachten kann, wo der Wünschewagen parken darf, wo Nachschub für die Sauerstoffflasche herkommen soll“, berichtet Christina Kunde über ihre Arbeit. Sie ist eine der hauptamtlichen Koordinatorinnen für die Fahrten.

Die Partymaus ging noch mal über die Reeperbahn

Ins Tina-Turner-Musical nach Hamburg wollte eine sterbenskranke Frau. „Ich war doch so eine Partymaus“, erzählte die junge Frau. Also ging es spontan mit dem Rollstuhl über die Reeperbahn. „In der Planung lassen wir ganz viel offen. Mit kleinen Puffern sind die Kennenlern- und Abfahrtszeiten geplant. Die Uhrzeit für die Rückfahrt wird dagegen nicht festgelegt. Wir wollen unseren Gästen ein Stück Selbstbestimmung ermöglichen“, erklärt Kunde.

„Da kommt jemand, der schenkt einem Zeit, der hilft einem, aus dem Krankheitsalltag auszubrechen“, sagt Manuela Stebel. Weite Wege und viel Freizeit steckt die 49-jährige Palliativ- und Hospizfachkraft aus Höhr-Grenzhausen im Westerwaldkreis in die Durchführung solcher Fahrten. Man könne zwar einen Krankenwagen mieten, „doch das ist ein Riesenkostenfaktor. Kranke Menschen haben oft ein riesiges Problem mit der Finanzierung“. Deshalb ist so ein Wünschewagen, der für die Todkranken kostenlos ist, eine Alternative.

Ein letztes Mal das eigene Kind ins Bett bringen

Auch Manuela Stebel berühren oft die kleinen Fahrten am meisten. „Die 40-jährige Mutter, die ihr zehnjähriges Kind ein letztes Mal ins Bett bringen wollte“, bleibt unvergessen.

Neben dem Gast ist in dem Wagen Platz für eine Begleitperson – ein Sanitäter fährt das Auto. Eine weitere Person, meist eine Fachkraft wie Stebel, sorgt für seelische und medizinische Unterstützung. Ein Beatmungsgerät, Blutdruckmesser und vieles mehr – alles, was auch in einem normalen Krankenwagen zu finden ist – ist im Wünschewagen in Schränken versteckt. Die Trage ist gut gepolstert und gefedert. Blaue Bettwäsche mit silbernen Sternen liegt ordentlich zusammengelegt darauf.

An den Panoramascheiben, aus denen man anders als bei normalen Krankentransporten die Landschaft sehen kann, hängt ein kleines Sträußchen aus Kornblumen. Christina Kunde öffnet stolz die Schranktüren und Schubladen. Eine Piccoloflasche Sekt und bunte Schokoladentafeln kommen zum Vorschein. „So eine Minibar hat sonst kein Krankenwagen“, erzählt die Koordinatorin und lächelt.

Und zum Abschied ans Meer

Vielleicht verschönern sie den nächsten Gästen die Fahrt. Auf dem aktuellen Terminplan steht: Ein schwer krankes Kind und seine Familie wünschen sich eine kleine Reise ans Meer.

Info

ASB Kreisverband Worms/Alzey, Christina Kunde, Christina Wickert , Tel.: 06241-97 87 90, E-Mail: wuenschewagen@asb-rp.de, www.wuenschewagen.com

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