Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel USA: Die Rückkehr der Dunkelheit

Erinnert an die Gegenwart: Auf das im Jahr 1884 verhängte Einreiseverbot für Chinesen für die Dauer von 40 Jahren antwortete Nas
Erinnert an die Gegenwart: Auf das im Jahr 1884 verhängte Einreiseverbot für Chinesen für die Dauer von 40 Jahren antwortete Nast mit der Illustration »The Chinese Wall« und zeigt gewalttätige Aktionen weißer Horden. Foto: Harpweek

Umweltverschmutzung und Wettrüsten, Korruption und Rassismus – der aus Landau stammende Karikaturist Thomas Nast kämpfte in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts gegen Phänomene, die heute wieder so brisant wie damals erscheinen. Ein aktueller Blick in die Vergangenheit.

Mit der Präsidentschaft von Donald Trump haben sich die Vereinigten Staaten von Amerika dramatisch verändert oder – zurückhaltend ausgedrückt – die Gräben und die Probleme der US-Gesellschaft werden mit ihm sichtbarer. Ein Präsident, der den Wahn der weißen Überlegenheit („white supremacy“) nicht vehement bekämpft oder diesen gar schürt, war in dieser Form lange nicht denkbar gewesen. Ein Einreiseverbot für Menschen aus muslimischen Staaten war der Anfang, es folgte eine Mauer an der Grenze zu Mexiko. Massaker an Afroamerikanern oder Mexikanern oder Aufmärsche von Radikalen sind heute offen rassistisch motiviert und die Täter greifen dabei auf eine Sprache zurück, die der US-Präsident prägt, sowie auf Argumente des Hasses und der Spaltung, die Trump anführt, meist in Tiraden über „Twitter“. Die US-Gesellschaft der Gegenwart erinnert damit erschreckend an jene in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als dort ein aus der Pfalz stammender Karikaturist mit Zeichnungen für eine gerechte Gesellschaft kämpfte: der in 1840 in Landau geborene und 1902 in Ecuador gestorbene Thomas Nast.

Kampf gegen den weißen Mob

In den USA gilt Nast als Vater der politischen Karikatur. Während seiner 24-jährigen Tätigkeit für die New Yorker Wochenzeitung „Harpers Weekley“ war er journalistischer Wegbegleiter von sieben US-Präsidenten, von denen zwei der demokratischen und fünf der republikanischen Partei angehörten. Zu Lebzeiten Nasts galt die Partei der Republikaner als die fortschrittlichere. Nast, selbst Republikaner, kämpfte mit seinen Karikaturen gegen Wettrüsten, Umweltverschmutzung und Korruption, aber auch für die Rechte von Afroamerikanern, Chinesen und Indianern, damals die drei größten nicht-weißen Minderheiten. Jede Form von Rassismus war für Nast Verrat an den republikanischen Werten. Er unterstützte republikanische Präsidenten, wenn sie wie Abraham Lincoln oder Ulysses S. Grant entschlossen für Menschenrechte eintraten und politisch konsequent danach handelten. Vor allem in späteren Jahren kritisierte er aber auch Präsidenten, wenn ihre Innenpolitik republikanischen Grundsätzen widersprach oder sie zu wenig unternahmen, um dem weißen Mob in den Straßen Einhalt zu gebieten. Vor allem aber: Die Illustrationen von Thomas Nast, des Moralisten und Streiters für Recht und Gerechtigkeit, dokumentieren Gesellschaft und Politik der Vereinigten Staaten von Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch damals war nicht jeder willkommen.

Schlechte Verpflegung, geringer Lohn

Mit gesenkten Häuptern, resignierend und im Bewusstsein, nicht zu dieser Gesellschaft zu gehören, erscheinen ein Afroamerikaner, ein Chinese und ein Indianer auf einer Titelseite von Harpers Weekly. Ausgrenzung wird sichtbar, ein Appell an Politik und Gesellschaft. Von Anfang an sah sich die chinesische Bevölkerung in den Vereinigten Staaten Übergriffen von Weißen ausgesetzt. Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich im Rahmen eines Seehandelsabkommens Chinesen in den USA angesiedelt. Sie trugen wesentlich zur Verbesserung von Fischfang und Landwirtschaft bei und zeigten sich erfahren beim Anlegen großflächiger Bewässerungsanlagen in Trockengebieten. Als der Bau der ersten transkontinentalen Eisenbahn nach Beendigung des Bürgerkriegs im Jahr 1865 wieder aufgenommen wurde, fehlte es den Unternehmen an qualifizierten Arbeitskräften. In den USA lebende Chinesen waren plötzlich willkommen. Mehrere tausend im Eisenbahnbau erfahrene Arbeiter wurden zusätzlich aus China in die USA geholt. Etwa 12.000 Weiße und 10.000 Chinesen schufteten unter äußerst harten Bedingungen bei tropischer Hitze und in Eiseskälte. Sie sprengten Felsen, gruben Tunnels und verlegten Gleise von West nach Ost und umgekehrt. Die Benachteiligung der Chinesen zeigte sich in notdürftigen Unterkünften, schlechterer Verpflegung und geringerem Lohn.

Menschen zweiter Klasse

Weiße Arbeiter waren in allem bessergestellt. Nicht gerade zimperlich gingen die weißen Aufseher an den Gleisen mit den Chinesen um. Viele Asiaten starben während der vierjährigen Bauzeit an Erschöpfung oder Krankheit. Der Bau der ersten transkontinentalen Eisenbahn in USA war in erster Linie das Verdienst der Chinesen. Doch sie galten als Menschen zweiter Klasse. Bereits ein Jahr nach der Einweihung der Eisenbahnlinie im Bundesstaat Utah (1869) häuften sich Repressalien. Der Chinese hatte seine Schuldigkeit getan. Er konnte – sollte – gehen. Es kam zu Demonstrationen in den Großstädten. Geschäfte von Chinesen wurden niedergebrannt. Massaker mit Hunderten von Toten häuften sich. Chinesen durften schließlich nicht mehr im Herzen der Städte leben und wurden in Vorstadtbezirke gedrängt. Die „Chinatowns“ entstanden. Den Asiaten wurden besondere Steuern auferlegt. Untersagt war ihnen die Heirat mit Weißen, aus Europa stammenden Partnern. Die us-amerikanische Staatsbürgerschaft konnten sie nicht erwerben. Und immer wieder schlug der weiße Mob zu.

Nast prangerte Verbrechen an

Nast wurde nicht müde, die gesellschaftliche Ausgrenzung und die Verbrechen an den Chinesen anzuprangern. Schützend stellt sich Columbia, die weibliche Symbolfigur des edlen, wahren Amerikas, vor einen bedrohten Chinesen. Im Hintergrund lauert eine Horde aufgebrachter Männer. Wird der Chinese nicht gleich erschlagen oder erstochen, wartet bereits der Galgen. Auf das im Jahr 1884 verhängte Einreiseverbot für Chinesen für die Dauer von 40 Jahren antwortete Nast mit der Illustration „The Chinese Wall“ und zeigt darin die gewalttätigen Aktionen der weißen Horden. Diese hatten schon Jahre zuvor die afroamerikanische Bevölkerung heimgesucht. Schwarze, besonders Sklaven, galten ebenfalls als Menschen zweiter Klasse. Von höchsten Repräsentanten des Militärs wurde Präsident Abraham Lincoln scharf kritisiert, als er in dem von den Südstaaten begonnenen Bürgerkrieg Afroamerikaner rekrutieren und zu Soldaten ausbilden ließ. Sie erwiesen sich dann allen Vorurteilen zum Trotz oft als tapfere Kämpfer. Nast zeichnete Soldaten eines schwarzen Regiments, mutig und entschlossen im Kampf. Auch in der Folgezeit begleitete und würdigte er die Emanzipationspolitik von Abraham Lincoln. Trotz rechtlicher Gleichstellung als freie Menschen und Staatsbürger mit Wahlrecht blieben die Afroamerikaner von der Gesellschaft ausgegrenzt. Massaker an ihnen gehörten zur Tagesordnung.

„Warum dürfen wir nicht wählen?“

„Gebt dem roten Mann eine Chance“, forderte Nast in einem Bild, das einen Indianer zeigt, dem bereits die Schlinge um den Hals gelegt ist. Für Nast war es der Schritt in die richtige Richtung, als US-Präsident Rutherford B. Hayes ein Büro für Indianerfragen einrichtete. Doch der zuständige deutschstämmige Innensenator und spätere Innenminister Carl Schurz agierte zögerlich und zeigte sich im Umgang mit Vertretern verschiedener Indianerstämme meist wenig einfühlsam. Thomas Nast griff die Problematik auf und fasste nach. Mit den Worten „Move on“ (Verschwinde!) pöbelt ein schwarzer Aufseher vor einem Wahllokal einen Indianer an. Der wiederum äußert sich ratlos: „Die Eingewanderten dürfen nun wählen, warum nicht auch wir, die Ureinwohner dieses Landes?“

Ein Traum von einem anderen Amerika

Wie Jahrzehnte nach ihm der Bürgerrechtler Martin Luther King hatte auch der gebürtige Pfälzer und Wahlamerikaner Thomas Nast den Traum von einem anderen Amerika. Er illustrierte ihn visionär als „Uncle Sam’s Thanksgiving Dinner“. Es sitzen gemeinsam am Tisch, frei und gleich, Personen aus vielen Ländern und unterschiedlichen Kulturen. Es sind überwiegend Menschen mit weißer Hautfarbe, doch integriert in die Runde sind Afroamerikaner, Indianer und Chinesen. Heute säßen wohl Moslems und Mexikaner mit an Nasts Festtagstafel.

Thomas Nast

Thomas Nast ist es in seiner Zeit gelungen, mit seinen Karikaturen und Zeichnungen Einfluss auf die us-amerikanische Politik zu nehmen. Im Bewusstsein der Menschen überlebt haben aber vor allem seine Illustrationen: der Elefant als Parteisymbol der Republikaner und der Esel als Symbol für die Demokraten. Er gilt auch als Vater des „Santa Claus“ – der US-Version des Weihnachtsmanns.

Der Autor

Unser Autor war Mitglied im Thomas-Nast-Verein. Er leitete die Landauer Thomas-Nast-Grundschule von 1984 bis 1990.

Thomas Nast.
Thomas Nast. Foto: New York Public Library – Digital Gallery
Erinnert an die Gegenwart: Nast als Vorbote der Klimadebatte.
Erinnert an die Gegenwart: Nast als Vorbote der Klimadebatte. Foto: Harpweek
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