Rheinland-Pfalz Total abgefahren
«Ludwigshafen». Es ist eine faszinierende Zeitreise zu einem der wohl ungewöhnlichsten Arbeitsplätze in Rheinland-Pfalz. In einem verwaisten Tunnel rund 24 Meter unter der Erde sitzt Verkehrsmeister Thomas Sachs und überwacht in Ludwigshafen die Straßenbahnen auf der Erde über ihm. Eine dicke Schicht aus Beton und Stein staut sich auf dem unterirdischen Stellwerk in der gelb gekachelten C-Ebene. „Das hier ist ein Stück Verkehrsgeschichte“, sagt Sachs. Dann prüft der 36-Jährige auf den Monitoren, ob alle Strecken frei sind und der Verkehr in der Industriestadt am Rhein ungehindert fließen kann. Aber hier, im einst ersten stillgelegten Stadtbahntunnel Deutschlands, fährt seit fast elf Jahren niemand mehr ab. Letztmalig öffnete eine Tram der Linie 12 im Dezember 2008 ihre Türen an der Haltestelle Rathaus. Hunderte Pendler fuhren auf Gleis 6 zur BASF oder entgegengesetzt in den Ludwigshafener Süden. Doch sinkende Passagierzahlen machten die Strecke unrentabel, der Rolltreppenabgang wurde zugemauert. Heute führt eine unscheinbare Eisentür in den meist totenstillen Schacht. „Wenn alles läuft, wie es laufen soll, schaue ich zu – ansonsten greife ich ein“, sagt Sachs. Falls Straßenbahnen entgleisen, Weichen und Stoppsignale ferngesteuert werden oder Fahrgäste randalieren, muss er sofort handeln. Entfernt sich der Verkehrsmeister für eine Pause von den Monitoren, nimmt er ein Funkgerät mit. „Bei Problemen muss alles andere stehen und liegen bleiben“, sagt Sachs. Dazu ist er mit der Leitstelle der Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (rnv) auf der anderen Rheinseite in Mannheim verbunden. „Wir haben zwei Leitungen - eine muss immer frei bleiben“, sagt der gebürtige Ludwigshafener. Sachs ist gelernter Schreiner. „Auch das hat Spaß gemacht, aber ich wollte nicht immer in der Werkstatt sein.“ Schließlich wechselte er zur rnv, wo bereits sein Vater als Verkehrsmeister arbeitet und sein Großvater im Gleisbau tätig war. Zunächst fuhr er Bus und Tram, dann wurde er selbst Verkehrsmeister und saß im Januar 2017 im Stellwerk – nicht zum ersten Mal: „Ich war schon als Kind hier, als mein Papa schaltete und waltete“, erzählt Sachs. Nun tritt er in die Fußstapfen seines Vaters. „Schicksal – es musste offenbar so sein“, sagt er. Plötzlich trillert ein hoher Stakkato-Ton durch den Raum. Ein Zugführer meldet ein ungewöhnlich langes Stoppsignal. Sachs schaltet die Strecke frei, die Bahn rollt weiter. „Das würde technisch nicht gehen, falls da noch ein Zug stehen würde“, erzählt der 36-Jährige und zeigt auf die roten, gelben und grünen Linien auf dem Monitor. Die Bildschirme wirken modern, andere Teile sind deutlich älter. „Überbleibsel aus der Gründerzeit“, meint Sachs. „Einiges hat locker 50 Jahre auf dem Buckel.“ Auch deswegen wird das Stellwerk in Kürze zur Leitstelle nach Mannheim umziehen. „Da ist schon Wehmut. Alles zurückzulassen, fällt nicht leicht“, sagt Sachs. Prinzipiell sei er für den Fortschritt. „Aber hieran hängen Erinnerungen, es ist ein Stück eigene Geschichte, das kann man kaum in Worte packen.“ Wenn über der Erde das Megabauprojekt Hochstraße anläuft, wird auch unter der Erde kaum ein Stein auf dem anderen bleiben. Das „Stück Verkehrsgeschichte“ wird wohl verschwinden. Für die historisch letzte Schicht im Stellwerk gebe es bei den Verkehrsbetrieben sicher mehrere Kandidaten, sagt Sachs. „Ich hoffe aber, dass ich das machen darf.“