Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Tödliche Wanderung: Der Tag, den ein pfälzisches Dorf nie vergessen wird

WarnenEntlang des Westwalls wurden in der Pfalz 60.000 Minen verlegt, schätzt der Landauer Historiker und Westwall-Experte Rolf
WarnenEntlang des Westwalls wurden in der Pfalz 60.000 Minen verlegt, schätzt der Landauer Historiker und Westwall-Experte Rolf Übel. Noch immer tauchen ab und an explosive Hinterlassenschaften des Krieges auf. foto: VG-Archiv Bad Bergzabern/Bildsammlung Westwall

Am 18. April 1948 gerät der Ausflug einer Jugendgruppe aus Oberotterbach auf den Gipfel der Hohen Derst zum Fiasko: Bei der Explosion einer vergessenen Schützenmine sterben ein Mädchen und eine junge Frau. Nun soll ein Gedenkstein die Erinnerung wachhalten.

Aus der Rheinpfalz vom 24. April 1948: „Oberotterbach. Einen traurigen Ausgang nahm am Sonntag ein Spaziergang, den eine kleinere Gruppe junger Leute in den Bienwald unternahm. Infolge der Explosion einer Mine wurden ein 21 und ein 12 Jahre altes Mädchen getötet. Drei weitere Personen mussten mit erheblichen Verletzungen ins Bergzaberner Krankenhaus eingeliefert werden.“ Der Tod ist ein ungebetener Gast, und er kommt aus heiterem Himmel: Der 18. April 1948 ist ein Pfälzer Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch. „Das Wetter war herrlich“, erinnert sich Elfriede Neff. Die Wetteraufzeichnungen künden von bis zu 25 Grad Celsius in der Südpfalz. Ein Morgen wie gemalt für das Unterfangen, das der neue protestantische Pfarrer von Oberotterbach bereits im Gottesdienst angekündigt hatte: einen gemeinsamen Wanderausflug.

Hoffnungsfroher Auftakt

Walter Patenge hat erst im Spätjahr 1947 seine Stelle angetreten in dem Ort, der zu der Zeit knapp 1100 Seelen zählt und etwa auf halbem Weg liegt zwischen Bad Bergzabern und dem französischen Weißenburg. Noch ist ihm vieles, sind ihm viele fremd. Um die jüngeren Mitglieder seiner Kirchengemeinde besser kennenzulernen, soll es einen „Jugendsonntag“ geben, eine Wanderung über die Randhöhen des Pfälzerwaldes. Erst hinauf auf die Hohe Derst und zurück über die Burgruine Guttenberg. Für den ambitionierten Gottesmann der hoffnungsfrohe Auftakt für vielleicht weitere künftige Freizeiten dieser Art.

Auf zur Hohen Derst!

„Getroffen haben wir uns am Pfarrhaus“, erzählt die 86-jährige Elfriede Neff: „Um 10 Uhr sind wir losgelaufen.“ 30 bis 40 Personen, so schätzt die Oberotterbacherin, satteln Schusters Rappen. Sie selbst ist damals 14 Jahre alt – Glück gehabt, denkt sie. Denn wer jünger ist als zwölf Jahre, darf auf die beschwerliche Strecke nicht mit. Mag die Tour auch anstrengend werden – die Vorfreude ist groß. Die Hohe Derst gehört mit ihren 561 Metern zu den höchsten Erhebungen des Wasgaus, der Ausblick verspricht fantastisch zu werden. Zumal die Kuppe waldfrei ist. Im Krieg hatte man sie abgeholzt, um von dort eine gute Sicht und ein freies Schussfeld zu haben, galt der Berg doch als Eckpfeiler der Verteidigung des „Otterbach-Abschnittes“. So heißt der Teil des einstigen Westwalls, der den Alliierten den Zugang zur Pfalz zwischen Haardtrand und Bienwald versperren sollte.

„Es besteht Minengefahr“

Doch die Schrecken des Krieges sind drei Jahre her, die Gedanken der Wanderer gelten diesem strahlenden Tag. Bevor die frohgemute Gruppe am Ortsausgang auf die bergan führende „Pionierstraße“ einbiegt, passiert sie das Anwesen des Schäfers Albert Hey. „Ich war damals fünf“, erzählt dessen Sohn Otto: „Ich weiß das noch genau, weil ich auch mit wollte, aber nicht durfte, weil ich zu jung war.“ Sehnsüchtig schaut der Knabe aus dem Fenster der Truppe hinterher, während sein Vater Albert den Pfarrer noch mahnt: „Bleiben Sie auf dem Weg, es besteht Minengefahr.“ Als militärisch wichtiger Punkt war die Hohe Derst stark befestigt. Bunker und ein V-förmiger, wohl drei bis vier Meter tiefer sowie mehrere Meter breiter Panzergraben schützten den Gipfel. Davor hatten deutsche Soldaten Minen verlegt. Erbittert war das Ringen nach dem Angriff amerikanischer Truppen am Morgen des 20. März 1945. Es gab Dutzende Tote auf beiden Seiten.

„Ein blutiger Ort“

Nach den Kämpfen sollen laut einem Zeitzeugenbericht deutsche Soldaten von den siegreichen GIs kreuz und quer durchs Gelände gejagt worden sein – angeblich, um die vergrabenen Minen zur Explosion zu bringen. „Ob das so stimmt oder ob es nur so erzählt wurde, ist unklar“, sagt der Historiker und Stadtarchivar von Bad Bergzabern und Annweiler, Rolf Übel. Sicher ist: Es gab viele Gefallene und notdürftig angelegte Friedhöfe. Ein blutiger Ort, dieser Berg. Auch Frieda Daum, 21, kennt die Warnungen, ihr Vater ist von der Idee, einen Ausflug auf die Hohe Derst zu machen, nicht begeistert. „Aber Frieda wollte unbedingt mal rauf“, berichtet ihre Schwester Erna Feindel, damals zwölf Jahre alt und erkältet, „sonst wäre ich auch mit.“

Dann: ein Knall

Die Worte des Georg Daum und die des Schäfers Hey – offenbar nimmt sie niemand so richtig ernst. Der Pfarrer nicht, der sich nicht auskennt. Die Kinder und Jugendlichen nicht, die sich aufs Abenteuer freuen. Und auch die ortskundigen Presbyter nicht, welche die Jugendgruppe begleiten. Niemand habe den Pfarrer gebremst, erzählt Elfriede Neff. Aber warum auch? „Die Minensucher waren ja da, der Berg war freigegeben“, sagt sie, während sie auf Bergeshöhe im Gestrüpp die Stelle von damals sucht. Sie gehörte später zu jenen, die mithalfen, die Hohe Derst wiederaufzuforsten. Heute deckt dichter Wald die Walstatt von einst. Wir liefen im Gänsemarsch“, erinnert sich Hilde Speyrer, die den verhängnisvollen Ausflug als Zwölfjährige erlebte. „Den Panzergraben überquerten wir auf einem schmalen Pfad.“ Dann – ein Knall.

„Minen!“

„Ich wusste nicht, was passiert ist“, sagt Elfriede Neff. Es hat gekracht und auf einmal liegt der Körper eines Mädchens im Panzergraben. „Steh doch auf!“, ruft sie: „Ich habe geglaubt, sie ist einfach abgerutscht.“ Doch die Zwölfjährige steht nicht auf, nie mehr. Voller Entsetzen blickt Elfriede Neff auf die Kopfverletzung des Mädchens. Kriegskindern ist der Anblick von Toten nicht fremd, unwillkürlich schießt der 14-Jährigen ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf, als sie auch schon von allen Seiten die Rufe hört: „Minen!“ Und als wüsste sie nicht besser, wie man sich in einem früheren Kampfgebiet bewegt, spurtet sie los: „Wir sind in alle Richtungen davongerannt. Niemand hat mehr geschaut, wo er hinläuft, wir wollten nur noch weg von dort.“

„Wir waren kopflos“

„Wir waren kopflos. Wir sind ins Tal gerannt, so schnell wir konnten“, bekräftigt die 83-jährige Hilde Speyrer. „Ich war völlig geschockt.“ Kein Wunder: Gerade noch ist das Mädchen, das nun leblos im Panzergraben liegt, nur wenige Meter vor ihr gelaufen. Augenblicklich wirbelt Hilde herum und läuft um ihr Leben. Fast hätte die Flucht sie das Leben gekostet, denn der Untergrund ist – wie sich später herausstellt – immer noch mit den Todesbringern gespickt. Die 16-jährige Emma Westermann macht es instinktiv richtig: erst den sicheren Pfad zurück und dann auf der Straße den Berg hinab. „Ich bin am Schluss gelaufen, da knallte es vorne und ein Mädchen stürzte in den Graben“, erinnert sich die 88-Jährige. „Unten bin ich in den alarmierten Krankenwagen gestiegen und mit hochgefahren, um die Stelle zu zeigen“, sagt sie: „Der Wagen war vollgestopft mit Verletzten, wohl wegen der Splitter.“ Mindestens drei Schwerverletzte müssen ins Krankenhaus gebracht werden, etliche Wanderer haben kleinere Wunden davongetragen.

Es hätte noch viel schlimmer kommen können

Die am Westwall verlegten deutschen Schützenminen sind tückische Dinger. Die S-35 beispielsweise ist vollgepackt mit Metallsplittern. Wird sie ausgelöst durch Druck oder Zug, springt sie hoch auf Hüft- oder Brusthöhe und explodiert erst dann, wobei sie im Umkreis von Dutzenden Metern ihre zerstörerische Wirkung entfaltet. Wer oder was die Mine ausgelöst haben mag – wer weiß? Ein unachtsamer Tritt, ein geringes Abweichen vom Pfad – und schon regnet es den Tod. Später werden 60 der Teufelseier gefunden, 13 davon in unmittelbarer Nähe zum Unglücksort. Es hätte sehr viel schlimmer kommen können an diesem Tag.

Tot im Panzergraben

Doch auch so ist das Unglück furchtbar. Die kleine Else Nehrer liegt tot im Panzergraben, nicht weit von ihr, noch auf der Freifläche, liegt Frieda Daum, so erinnern sich zumindest diejenigen, die dabei waren. „Zwei Mädchen kamen zu uns nach Hause gerannt“, berichtet Erna Feindel, die noch heute Fotos ihrer knapp zehn Jahre älteren Schwester sorgsam verwahrt. Später wird aus dem Gestammel der Kinder Gewissheit: „Der Pfarrer selbst hat uns dann die Nachricht überbracht.“

„So eine Beerdigung war noch nie“

Die Trauer ist unermesslich, als die tote Tochter und Schwester daheim aufgebahrt wird. „Meine Mutter sagte zu meinem Vater: ,Dein Feger kommt nicht mehr heim.’“ Noch heute, nach mehr als 71 Jahren, liegt Schmerz in Erna Feindels Stimme. So wie auch in der Stimme des Pfarrers Walter Patenge, die Erna Feindel noch immer im Ohr hat und der selbst die Trauerfeierlichkeiten am 21. April leitet: „Er wäre am liebsten mit ins Grab gesunken. Er konnte kaum sprechen.“ „So eine Beerdigung war noch nie“, schildert Emma Westermann. Der Trauerzug ist so lang, dass er sich fast durch das gesamte Dorf schlängelt. „Alle waren vom Unglück geschockt.“ „Das vergesse ich mein Leben nicht“, kann Otto Hey nur beipflichten. Sein Vater Albert holte mit dem Pritschenwagen die beiden Toten vom Berg und brachte sie ins Dorf. „Ich war 35 Jahre lang Jagdpächter da oben und habe viele Reste aus dem Krieg gefunden. Für uns Kinder war das ein Spielplatz, wir haben Gewehre und Munition entdeckt. Es hätte viel passieren können“, sagt Hey. Viel mehr, um genauer zu sein.

Heute gibt es Lehrtafeln

Denn alte Oberotterbacher erzählen sich so einige Geschichten von Unglücksfällen mit Minen, die sich in dem Ort ereigneten. Heute weisen Lehrtafeln entlang des Westwall-Wanderweges auf die leidvolle Geschichte der Gegend hin, allerdings zu Heys Unmut nicht auf die Menschen, die noch lange nach dem Krieg dessen gefährlichen Hinterlassenschaften zum Opfer fielen. Ein Gedenkstein mit einer Bronzetafel soll diese Gedächtnislücke füllen, meint Hey, der für die CDU im Ortsgemeinderat sitzt.

Steinernes Mahnmal

Und er hat Gehör gefunden. Am Donnerstagabend stellte Hey seine Idee dem Dorfparlament vor, Ortsbürgermeister Heinz Oerther (FWG) hatte bereits zuvor Rückendeckung signalisiert. Nun soll es tatsächlich ein steinernes Mahnmal geben, jedoch nicht am abgelegenen Unglücksort, sondern mitten in der Gemeinde, auf einem Rasenstück hinter der protestantischen Kirche. Dort stehen passenderweise auch Betonzähne der früheren Höckerlinie herum. „Da müssen wir noch mit der Kirche reden“, meint Oerther. Und dann fehle noch ein angemessener Text, denn: „Wir wollen niemanden vergessen.“ Elfriede Neff und Emma Westermann jedenfalls beschäftigt immer noch, was damals geschah. Viele Jahre, so erzählen sie, haben sie die Hohe Derst oder zumindest deren Gipfel nicht mehr betreten.

BesinnenDeutsche Soldaten marschieren durch eine sogenannte Höckerlinie, die feindliche Panzerangriffe aufhalten soll. Zwischen
BesinnenDeutsche Soldaten marschieren durch eine sogenannte Höckerlinie, die feindliche Panzerangriffe aufhalten soll. Zwischen Oberotterbach und dem Bienwald finden sich noch immer Relikte dieser Hindernisse. Foto: VG-Archiv Bad Bergzabern/Bildsammlung Westwall/Sammlung Haas
TrauernViele Tote der Kämpfe um den Westwall wurden auf provisorischen Friedhöfen wie Tannenteichel bei Oberotterbach begraben.
TrauernViele Tote der Kämpfe um den Westwall wurden auf provisorischen Friedhöfen wie Tannenteichel bei Oberotterbach begraben. Foto: VG-Archiv Bad Bergzabern/Bildsammlung Westwall/W. Fischer
GedenkenFrieda Daum, 21, aus Oberotterbach starb am 18. April 1948 durch eine Mine.
GedenkenFrieda Daum, 21, aus Oberotterbach starb am 18. April 1948 durch eine Mine. Repro: van
ErinnernWaren an jenem verhängnisvollen 18. April mit dabei auf der Hohen Derst: Elfriede Neff (86), Emma Westermann (88) und Hi
ErinnernWaren an jenem verhängnisvollen 18. April mit dabei auf der Hohen Derst: Elfriede Neff (86), Emma Westermann (88) und Hilde Speyrer (83) aus Oberotterbach (von links). Ein Gedenkstein mit einer Bronzetafeln soll bald an die Minenopfer erinnern. Foto: van
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