Interview
Star-Psychologin Stefanie Stahl: Wie Glück gelingen kann
Es ist nicht einfach, mit Stefanie Stahl einen Interviewtermin zu bekommen. Bis zum Erscheinen ihres neuen Buches Mitte Oktober war wochenlang nichts zu machen. Die 58-Jährige ist nach Angaben ihres Verlags die bekannteste Psychologin Deutschlands. Sie vergleicht sich selbst gern mit Eckart von Hirschhausen, dem Mediziner und Fernsehmoderator. Was er für die Medizin sei, sei sie für die Psychologie: Infotainment, wissenvermittelnde Unterhaltung.
Auf Kritik reagiert Stahl mitunter dünnhäutig. Im Besprechungszimmer ihrer Trierer Praxis: knarzender Holzdielenboden, hohe Decken, zwei ockerfarbene Samtpolstersessel und eine große Couch. Auf der nimmt sie zusammen mit ihrem Pflegehund, einem weißen Schäferhund, Platz.
Frau Stahl, woher kommt das Rieseninteresse der Menschen an der Psychologie?
Ich frage mich eher, warum haben wir uns nicht – die Philosophen ausgenommen – seit Anfang der Menschheit mehr damit beschäftigt?
Im Spiegel wurde kürzlich Ihr Video-Seminare kritisiert, dass es zu oberflächlich sei und Menschen mit echten Problemen nicht weiterhelfe.
Die Nutzer meiner Seminare würden da widersprechen. Die Kritik müsste konkretisiert werden, ansonsten kann ich damit nichts anfangen. Mit einer oberflächlichen Kritik kann ich nichts anfangen. Ich verwende fundierte psychotherapeutische Methoden in meinen Seminaren – ich habe über 30 Jahre Berufserfahrung.
Sie sind Hamburgerin durch und durch. Warum dann Trier?
Ich bin zum Psychologiestudium nach Trier gekommen (über die ZVS-Studienplatzvergabe, Anm. d. Red.), ich wollte nicht hierher, sondern unbedingt in Hamburg bleiben. Dann habe ich mich aber superwohl gefühlt und bin hiergeblieben. Die Großstadt ist etwas ganz anderes als die Provinz, aber ich liebe die Moselgegend.
Sich selbst Komplimente zu machen, fällt Frauen schwerer als Männern, sagen Sie. Ihnen aber fällt das leicht?
Ich habe eigentlich kein schlechtes Selbstwertgefühl. Wenn man ein geliebtes Kind war, kann eigentlich nicht so viel schiefgehen. Schicksalsschläge hatte ich aber auch zu verkraften. Mein Vater starb, als ich 24 war, viele Verwandte starben früh, mein Elternhaus ist abgebrannt, Liebeskummer kenne ich natürlich auch.
Und was hat Ihnen da geholfen?
Der starke Wille, glücklich zu sein.
Und was machen die anderen, die als Kind nicht geliebt wurden?
Im Grunde gibt es nur zwei Richtungen: Ich habe entweder das Gefühl, ich bin okay so, wie ich bin – auch mit meinen Schwächen – oder ich denke, ich bin nicht okay. Welches Gefühl ich entwickle, hängt leider ziemlich wenig von mir selbst ab. Sondern mit welchen Genen ich auf die Welt komme und unter welchen Umständen ich aufwachse. Wobei Eltern ihre Kinder nicht absichtlich schlecht prägen, sondern aus Überforderung und tragischer Unwissenheit.
Was passiert dann mit dem Kind?
Das Kind passt sich stark an die elterlichen Bedingungen an, stellt häufiger eigene Wünsche und Bedürfnisse zurück. Der spätere Erwachsene bleibt entweder überangepasst, oder er macht stur sein eigenes Ding.
Und wann wird einem das bewusst?
In dem Moment, in dem ich anfange zu reflektieren, mich damit auseinanderzusetzen. Das beginnt meist erst mit Leidensdruck, wenn ich merke, dass ich immer wieder in derselben Sackgasse ende.
Sie verwenden als Psychologin die Methodik des inneren Kindes. Die ist alt ...
... Das innere Kind ist die Summe aller Kindheitsprägungen, die als unbewusste Muster wirken. Nein, die Methodik ist nicht neu. Aber ich habe daraus einen neuen Ansatz entwickelt mit Schattenkind-Sonnenkind-Konzept. Mit dem Sonnenkind als klare Vision des geheilten Selbst.
Ist das nicht ungerecht – die, die ein Schattenkind mitbringen, haben es ungleich schwerer ...
... So ein kleines Schattenkind haben wir ja alle. Es gibt keine perfekten Eltern, keine perfekte Kindheit. Der erste Schritt ist das Innehalten.
Was können Benachteiligte machen?
Das Allerwichtigste ist zu lernen, das Vergangene von der Gegenwart zu unterscheiden, damit ich nicht der Sklave meiner frühen Gehirn-Prägungen bin.
Reflektieren wir also nicht genug?
Richtig. Wir können unsere Verantwortung nicht abgeben. Wenn ich mich nicht selbst reflektiere, kann ich eine entsetzliche Vorgesetzte sein oder ein unerträglicher Nachbar, der sich wegen jedem Mist beschwert. Weil er in der Kindheit das Gefühl hatte, zu kurz zu kommen.
Nimmt die Anzahl an Menschen mit einer Depression zu?
Nein, aber die Leute haben einen viel offeneren Umgang damit. Und Depressionen werden auch besser diagnostiziert.
Es ist schwierig, einen Platz in einer Therapie zu bekommen. Was tun?
Jeder kann viel in Eigenhilfe tun. Es schwingt immer so unausgesprochen mit, jeder braucht einen Psychotherapeuten. Bücher aber können viel leisten. Psychotherapie, zumindest, wenn sie über die Kasse läuft, ist Menschen mit psychischen Krankheitsbildern vorbehalten. Die vielen anderen, die einfach starke Lebensprobleme haben, fallen da schnell durchs Raster. Zumal es auch nicht so viele Plätze für Psychotherapie gibt. Aber es gibt auch Beratungsstellen, bei denen geht es oft etwas schneller.
Wie kommen wir psychisch gut durch die aktuellen Krisen?
Es ist immer die Frage, wie nah lasse ich all das an mich heran und wie sehr bin ich etwa finanziell davon betroffen. Abgesehen von persönlichen Schicksalen, haben wir es hier mit einem kollektiven Schicksal zu tun. Das ist immer etwas besser zu ertragen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist Einsamkeit – und das Epizentrum ist das Selbstwertgefühl. Deswegen lohnt es sich, hieran zu arbeiten.
Zur Person
Psychologin Stefanie Stahl, 58, produziert die Podcasts „Stahl aber herzlich“ und „So bin ich eben“. Ihr Mann, ein Informatiker, unterstützt sie in ihrer „Firma“, wie sie sagt. Die Hundeliebhaberin ist glücklich verheiratet – bewusst ohne Kinder. Seit sechs Jahren ist ihr Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ auf der Spiegel-Bestsellerliste. Ihr neuestes Buch: „Wer wir sind“.