Rheinland-Pfalz Sorgen wegen geflügelter Gefahr

NEUSTADT (rö). Ein winziger geflügelter Einwanderer hat nun auch im Obstbau in Rheinland-Pfalz schon erste stärkere Schäden angerichtet: die Kirschessigfliege, die sich hier zunehmend ausbreitet. Sie befällt reife Beerenfrüchte und kann diese binnen kurzer Zeit zum Faulen bringen. Mit wachsender Sorge beobachtet wird die Entwicklung auch im Weinbau, speziell hinsichtlich roter Trauben.
Die Kirschessigfliege wird nämlich nicht nur angelockt von dem Steinobst, nach dem sie benannt ist, sondern vor allem auch von anderen dunkelfarbigen Beerenfrüchten. Gerade machte sie sich an Zwetschgen breit. Einige Pfälzer Obstbauern hätten deshalb bei bestimmten Sorten und in bestimmten Lagen sogar aufgehört zu ernten, sagt Uwe Harzer vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz in Neustadt. In den Versuchsanlagen der Lehranstalt habe der Schädling Totalausfall bei Sauerkirschen und an einem Teil der Johannisbeeren verursacht. Von Befall weiß der Fachmann vor allem auch bei Brombeeren – welche die Fliege offenbar besonders liebe – sowie bei Süßkirschen, Himbeeren und Aprikosen. Zum Ausmaß der Schäden insgesamt kann Harzer – ebenso wie der Bauern- und Winzerverband (BWV) Rheinland-Pfalz Süd – derzeit noch nichts sagen. Zum Glück habe es bisher aber wohl nur lokal welche gegeben. Fest steht für den Pflanzenschutzexperten jedoch auf alle Fälle: „Die Kirschessigfliege ist ein riesiges Problem für den Obstbau.“ Im Vergleich zur herkömmlichen Essigfliege – in der Pfalz gern „Woimiggel“ genannt – kann die etwa gleich große „Drosophila suzukii“ für weit schlimmere wirtschaftliche Schäden sorgen. Denn sie wird nicht erst von überreifem, schon faulendem oder an seiner Haut verletztem Obst angelockt. Sie macht sich vielmehr auf gesunden, gerade schön reifen Früchten breit, deren Haut das weibliche Tier mit seinem sägeartigen Eiablageapparat aufschlitzt, um sein Gelege darunter zu platzieren. Die sich entwickelten Maden tun sich dann am Fruchtfleisch gütlich, das in der Folge innerhalb weniger Tage verfaulen kann. In Deutschland erstmals nachgewiesen worden war der ursprünglich aus Asien stammende Schädling 2011, unter anderem auch im südpfälzischen Siebeldingen. Seit 2013 hat er sich nach Erkenntnissen des DLR (wie bereits berichtet) in der Pfalz stark vermehrt. Begünstigt worden ist dies dem stellvertretenden DLR-Leiter Friedrich Louis zufolge auch durch den vergangenen milden Winter sowie das extrem warme Frühjahr. Nun wird befürchtet, dass die Kirschessigfliege auch im Pfälzer Weinbau zum Problem werden könnte. Was das unter Umständen heißen kann, weiß man aus Südtirol, wo es in den vergangenen Jahren teils bereits verheerende Schäden durch das Insekt gab. „Viele Winzer sind in Habachtstellung“, sagt Louis, der die Abteilung Phytomedizin leitet. In manchen pfälzischen Weinbergen mit roten Rebsorten habe man inzwischen „punktuell schon einen stärkeren Befall festgestellt“. Die größte Gefahr sehe man in der Nähe bereits von der Fliege heimgesuchter Obstanlagen oder Brombeerhecken. Letztere deshalb abzuernten, wäre jedoch kontraproduktiv, betont Louis. Denn dann würde der Schädling sich in der Nachbarschaft nach neuen Wirtspflanzen umsehen. Gerade erst entdeckt wurde das Insekt übrigens auch an den blauschwarzen Früchten des Kirschlorbeers. Eine Möglichkeit, per Spritzmittel gegen die Kirschessigfliege vorzugehen, wurde im Obst- und Weinbau in Deutschland dieses Jahr mit der Zulassung eines speziellen Insektizides eröffnet. Dieses Mittel, das auch nach der EU-Ökoverordnung genehmigt sei, soll Louis zufolge aber erst bei Befall eingesetzt werden. Im DLR, wo Forschungsarbeiten zur Kirschessigfliege laufen, werden derzeit unter anderem auch vorbeugende Gegenmaßnahmen erprobt. So wird beispielsweise die Verwendung sehr engmaschiger, vorbehandelter Netze über Obststräuchern getestet. Für große Bäume eigne sich diese Methode aber nicht, erklärt Harzer. Ein anderer Punkt sei, dass die Netze fürs Ernten angehoben werden müssen, wobei Fliegen darunter gelangen könnten. Und bezahlbar sein müsse die Sache schließlich auch, verweist er auf den Kostenaspekt. Hobbygärtnern raten Harzer und Louis, befallene Früchte nicht im Garten hängen oder liegen zu lassen, sondern sie in schwarze oder möglichst dunkle Plastiktüten zu stecken und diese ein paar Tage in der Sonne zu platzieren. Dadurch werden die Larven abgetötet. Heiß und trocken mag’s die Kirschessigfliege offenbar generell nicht. „Die Tiere halten sich weniger in der prallen Sonne, sondern mehr im Schatten auf“, erklärt Louis. Das ist denn auch ein Ansatzpunkt zum Vorbeugen im Weinbau: Die DLR-Fachleute empfehlen, die Laubwand locker zu halten und die Traubenzone zu entblättern – „Rotweintrauben sollten möglichst frei hängen“. Zum Einsatz des besagten Mittels gegen Kirschessigfliegen wird betont, dass danach eine Wartezeit von 14 Tagen bis zur Lese einzuhalten ist. „Dann ist es abgebaut und es sind keine Rückstände mehr da“, so Louis. Wie im Obstbau wünscht man sich im Übrigen auch im Weinbau, dass die kommende kalte Jahreszeit ihrem Namen Ehre macht und zur Dezimierung der Kirschessigfliegen beiträgt: „Wir hoffen inständig auf einen Winter mit gutem Frost, der den Reben nicht zusetzt, aber diesen Schädlingen den Garaus macht“, sagt Louis. Dafür würden schon wenige Minusgrade ausreichen.