Rheinland-Pfalz
Saarland: Gesunde wegen Krebs operiert?
Ein neuer Medizinskandal bahnt sich offenbar im Saarland an: Ein Pathologe steht im Verdacht, in zahlreichen Fällen Fehldiagnosen abgegeben zu haben. Deshalb sollen Patienten operiert worden sein, die gar nicht an Krebs erkrankt waren.
Zur Dimension des Falles war gestern keine offizielle Stellungnahme zu erhalten. Angeblich sollen die Ermittler am Freitag bei Hausdurchsuchungen in Privatwohnungen und der Praxis des 60-jährigen Pathologen zwei Lkw-Ladungen an Patientenakten und Gewebeproben abtransportiert haben. Der Saarländische Rundfunk berichtete am Montag, dass in dem Institut des niedergelassenen Mediziners im Saarpfalz-Kreis allein im 1. Quartal 2019 rund 8000 Untersuchungen durchgeführt worden seien.
Laut Staatsanwaltschaft Saarbrücken soll der in Verdacht geratene Pathologe bei von ihm untersuchten Gewebeproben „fehlerhafte Klassifikationen von Karzinomen beziehungsweise Fehldiagnosen von Karzinomen vorgenommen haben“. Als Folge seien Patienten in verschiedenen saarländischen Kliniken unnötig operiert worden. Die Staatsanwaltschaft ermittle deshalb gegen den 60-Jährigen wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung.
Bei Routinekontrollen Verdacht geschöpft
Den Stein ins Rollen gebracht hat laut Staatsanwaltschaft die Chefärztin für Pathologie am Klinikum Saarbrücken auf dem Winterberg. Über einen Rechtsanwalt habe sie Strafanzeige gestellt. Zum Verständnis: Bei einer Krebs-Operation wird dem Patienten standardmäßig Gewebe entnommen, das anschließend ebenfalls untersucht wird, wie eine Kliniksprecherin erläuterte. Dies diene der Qualitätskontrolle. Dabei soll sich der Verdacht von möglichen Fehldiagnosen ergeben haben. Laut der Sprecherin habe die Chefärztin am 29. August Strafanzeige erstattet. Der Verdacht erstrecke sich über einen Zeitraum von 2016 bis Mitte dieses Jahres.
Patienten des Klinikums Saarbrücken, die wegen angeblichen Krebsverdachts operiert wurden, wurden „im Rahmen der Behandlung direkt über die korrekten Diagnosen informiert“, so die Kliniksprecherin weiter. Angaben zur Anzahl dieser Betroffenen machte sie nicht: „Wir befinden uns noch in der Analyse.“ Laut dem Saarländischen Rundfunk empfiehlt die Ärztekammer Patienten, sich an ihren Hausarzt zu wenden. Betroffen könnten nicht nur Personen sein, bei denen fälschlicherweise eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde. Denkbar wäre andererseits auch, dass ein Karzinom unerkannt blieb.
Sofortiges Ruhen der Approbation angeordnet
Chefärztin und Klinikum Saarbrücken haben die Krankenhausaufsicht beim saarländischen Gesundheitsministerium, die Ärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung über die Strafanzeige informiert. Nach Angaben des Saarbrücker Ministeriums habe das Landesamt für Soziales bei dem Pathologen das Ruhen der Zulassung als Arzt (Approbation) mit sofortiger Wirkung angeordnet. „Die bisher vorliegenden Erkenntnisse begründen nach Auffassung der Approbationsbehörde die Unwürdigkeit zur Ausübung des ärztlichen Berufes.“ Damit sei dem Mediziner untersagt, weiter als Arzt tätig zu werden. Über den endgültigen Widerruf der Approbation könne erst nach einem rechtskräftigen Abschluss des Strafverfahrens entschieden werden.
Sollten sich die Vorwürfe gegen den 60-Jährigen bestätigen, wäre dies der vierte innerhalb kurzer Zeit bekannt gewordene Medizinskandal im Saarland. Diese Serie begann Ende Juni. Damals wurde bekannt, dass ein inzwischen verstorbener Assistenzarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum in Homburg möglicherweise etliche Kinder sexuell missbraucht hat. Dieser Fall soll durch einen Untersuchungsausschuss des Saarbrücker Landtags weiter durchleuchtet werden. Mitte August wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Saarbrücken im Falle eines Klinikdirektors am Uniklinikum auch Vorwürfen der illegalen Organentnahme und fahrlässiger Tötung nachgeht. Und Ende August bestätigte die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen einen Ex-Krankenpfleger der SHG-Klinik in Völklingen. Der 27-Jährige steht im Verdacht, fünf Patienten eine tödliche Dosis an Medikamenten verabreicht zu haben.