Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Rheinland-Pfalz: Arzt werden auch ohne Abitur

Hat im Sommer das Physikum geschafft: Rouven Höll.
Hat im Sommer das Physikum geschafft: Rouven Höll. Foto: K. Schäfer

Einen Medizin-Studienplatz ergattern meist nur Top-Abiturienten. In Rheinland-Pfalz allerdings darf man sich auch nach einer Ausbildung auf den Arzt-Beruf vorbereiten. Das tut zum Beispiel der junge Pfälzer Rouven Höll. Ein wichtiges Zwischenziel hat er an der Uni schon erreicht.

Wenn Rouven Höll von den Erfolgen in seiner Schulzeit erzählt, fällt ihm wenig Gutes ein: „Ich hatte Lernprobleme“, erinnert sich der heute 29-Jährige, der im vorderpfälzischen Dannstadt-Schauernheim aufgewachsen ist und zunächst in Böhl-Iggelheim, später in Speyer die Realschule plus besucht hat. Ein Wechsel ins Gymnasium sei „nie Thema gewesen“, sagt Höll. Für die sogenannte Mittlere Reife hat es dann doch knapp gereicht: Mathe fünf, Chemie vier, Physik vier. So stand es nach den Worten des Vorderpfälzers im Abschlusszeugnis. Inzwischen studiert Rouven Höll an der Uni Mainz Medizin. Die knochenharte Prüfung (genannt Physikum) nach dem ersten, überwiegend theoretischen Teil des Studiums hat er im Sommer geschafft. Er hat sich dort durchgebissen, wo vom ersten Tag an in allen naturwissenschaftlichen Fächern Verständnis und Wissen auf hohem Abiturniveau als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Jetzt ist der junge Pfälzer zuversichtlich, in wenigen Jahren als Arzt arbeiten zu können.

Nur die Allerbesten kommen zum Zug

Das Medizinstudium ist begehrt, aber trotz drohenden Ärztemangels sind die Studienplätze knapp. Die Folge: Nur die Allerbesten aus den Abiturprüfungen kommen zum Zug. Wer vom Gymnasium direkt zum Medizinstudium an die Uni seiner Wahl will, muss in der Regel ein Abiturzeugnis mit der Abschlussnote 1,1 oder gar 1,0 vorweisen können. Auf Druck des Bundesverfassungsgerichts haben die Länder vereinbart, das Auswahlverfahren zu ändern. Die Abiturnote wird künftig eine etwas geringere Rollen spielen, andere Fähigkeiten und Qualifikationen sollen mehr Bedeutung erlangen. Diese vom Grundgesetz erzwungene Reform hat eine alte Diskussion neu entfacht: Sind nur die Top-Abiturienten in der Lage, die enormen Stoffmengen eines Medizinstudiums zu bewältigen, oder sollten auch weniger erfolgreiche Schüler ihre Chance bekommen, vielleicht weil sie ganz andere Qualitäten besitzen, die sie später zu einer guten Ärztin oder einem guten Arzt machen?

Keine Statistiken zur Erfolgsquote

Was wenig bekannt ist: In Rheinland-Pfalz gibt es seit vielen Jahren die Möglichkeit, auch ganz ohne Abitur Medizin zu studieren. Voraussetzung sind der gute Abschluss einer Berufsausbildung mit Bezug zur Medizin und zwei Jahre Berufserfahrung. Bei einem Bewerber mit Meisterbrief ist es egal, welchen Beruf er gelernt hat. Wie die Erfolgsquote der Studierenden ohne Abi ist, darüber gibt es nach Auskunft des Wissenschaftsministeriums keine belastbaren Statistiken. Nach dessen Angaben waren in der Universitätsmedizin Mainz im vergangenen Sommersemester etwa 520 Studierende der Human- beziehungsweise Zahnmedizin eingeschrieben, die sich auf der Grundlage einer beruflichen Qualifikation beworben hatten. Das sind etwa 15 Prozent aller Studierenden der Medizin. Keine Angaben gibt es aber darüber, wie viele von ihnen kein Abitur haben. Die meisten dürften nach dem Abi einen Gesundheitsberuf gelernt haben, um zum Beispiel eine schwächere Abschlussnote zu kompensieren. Eine andere Zahl: Seit 2011 haben rund 40 beruflich qualifizierte junge Leute ihr Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen, von denen nach Expertenschätzung etwa ein Drittel kein Abitur hatten. Das wäre etwa ein Dutzend Absolventen in acht Jahren.

Schon in der Schule als Sanitäter engagiert

Rouven Höll will es ihnen nachmachen. Schon als er sich in der Schule plagen musste, hat er seine eigentliche Leidenschaft entdeckt: Er engagierte sich im Schulsanitätsdienst, wurde Sanitätshelfer der Johanniter auch außerhalb der Schule. Mit dem Ausbildungsplatz als Krankenpfleger hat es nach seiner eigenen Einschätzung nur geklappt, weil er neben dem mäßigen Zeugnis auch „einen Stapel Fortbildungen bei den Johannitern“ nachweisen konnte. Dass Lernen auch Spaß machen kann, hat der junge Mann nach und nach entdeckt. Den Abschluss als Krankenpfleger machte er mit der Gesamtnote 1,6 – eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass er Jahre später auch mit der Bewerbung um einen Studienplatz Erfolg haben sollte. Mit 19 Jahren begann Höll als Pfleger auf einer Intensivstation in Ludwigshafen. 2011 und 2012 ließ er sich nebenberuflich zum Rettungsassistenten ausbilden, fährt seither nebenbei im Rettungsdienst der Johanniter. Im Krankenhaus merkte der junge Pfleger nach eigenem Bekunden, dass auch die frischgebackenen Ärzte von der Uni nur mit Wasser kochen. Auf die Idee mit dem Studium hätten ihn Arztkollegen gebracht, erinnert er sich: „Warum eigentlich studierst du nicht Medizin?“

Er hat deutlich länger gebraucht

2015 hat Rouven Höll den Schritt von der Intensivstation in die Uni gewagt. Es sei anfangs hart gewesen, die Masse des Stoffs zu bewältigen, erinnert sich der angehende Mediziner: „Mit Mathe musste ich von Grund auf anfangen.“ Eine der zahlreichen Zwischenprüfungen musste er wiederholen. Bis zum erfolgreichen Abschluss des Physikums hat er deutlich länger gebraucht als viele seiner Kommilitonen. Doch vor wenigen Monaten hat es geklappt. Auch sonst ist das Leben nicht einfach für den Studierenden mit langjähriger Berufserfahrung. Unterstützung vom Staat (BAföG) bekommt er nicht, weil sein Studium nach Pfleger und Rettungsassistent die dritte Berufsausbildung ist. Auch ein kleiner Sohn hat seine Ansprüche. Rouven Höll jobbt in seinem Beruf und im Rettungsdienst, um über die Runden zu kommen, doch er zeigt sich entschlossen, die Flinte nicht ins Korn zu werfen.

Auf Augenhöhe mit den Kommilitonen

Im Hörsaal und bei der Ausbildung am Patienten sieht sich der junge Mann aus der Pfalz längst auf Augenhöhe mit seinen Kommilitonen. Und was will er nach Ende des Studiums machen? „Vielleicht etwas mit Anästhesie oder Notfallmedizin“, sagt Rouven Höll. Also zurück auf die Intensivstation und in den Rettungswagen – aber dann als Arzt ohne Abitur.

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