Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Polizisten zu Messerangriffen: „Feige von hinten abgestochen“

Ballistische Westen schützten vor Projektilen aus Schusswaffen, aber nicht vor Messerattacken.
Ballistische Westen schützten vor Projektilen aus Schusswaffen, aber nicht vor Messerattacken.

Der tödliche Angriff eines 25 Jahre alten Afghanen auf einen Mannheimer Polizisten vor einer Woche schockiert Beamte weit über die Region hinaus. Über den Einsatz auf dem Marktplatz und die Gefahr, die von Attacken mit Messern ausgeht, hat die RHEINPFALZ mit zwei Beamten gesprochen.

Nach rund zehn Jahren Dienst in Mannheim kennt der Polizist die Stadt und ihre Probleme aus dem Effeff. Er kennt auch den Polizisten, der am Sonntag seinen tödlichen Verletzungen erlag, die ihm am Freitag zuvor ein 25 Jahre alter Afghane durch Messerstiche zugefügt hat. Er schätzte den Kollegen, den er als klug, beherzt und reaktionsschnell bezeichnet – ein durchtrainierter Hüne, für einen Einsatzzug hervorragend geeignet. Der Schock nach seinem Tod sitzt bei ihm tief, wie bei den meisten Kollegen.

Der Beamte, der seine Einschätzung anonym abgeben möchte, bewertet den Tatablauf nach dem Studium der davon existierenden Videobilder als „unglaublich tragisch“. Natürlich habe sich alles in hoher Dynamik und innerhalb weniger Sekunden abgespielt. Gleichwohl gebe es eine ganze Reihe von unglücklichen Umständen, die dazu führten, dass der Afghane den Polizeibeamten habe tödlich verletzen können.

Angreifer fast fixiert

Die kritische Phase des Geschehens beginnt in den Augen des Polizisten, als der Afghane an einem Infostand ein Vorstandsmitgled der Bewegung Pax Europa attackiert. Ein Passant, ein muskulöser Iraker mit schwarzer Jacke und weißer Hose, erkennt ihm zufolge den Ernst der Lage und stürzt sich auf den Angreifer, klemmt mit einer geschickten Bewegung dessen Arm so ein, dass der sein Messer nicht mehr einsetzen kann. „Das war eigentlich eine ideale Situation für die Polizei“, sagt der Beamte, „der Angreifer liegt fixiert am Boden.“ 15 Polizisten seien seiner Kenntnis nach am Tatort gewesen: „Die müssen nur draufspringen, der darf in der Situation nie wieder aufstehen.“

Doch dann sei etwas Absurdes passiert. Ein Ordner, offenbar von Pax Europa, habe wohl den Iraker für den Angreifer gehalten und den Afghanen für einen Angegriffenen. Jedenfalls habe er auf den Iraker eingeschlagen und ihn von dem Afghanen mit dem Messer weggerissen. Der später tödlich verletzte Polizist habe das erkannt und den Mann deshalb mit voller Wucht angesprungen, damit der helfende Iraker freikommt. In dem Moment wäre es nach Ansicht des erfahrenen Polizisten gut gewesen, wenn sich andere Beamte auf den Afghanen gestürzt hätten, um ihn am Boden zu halten. Der kann sich jedoch aufrappeln, zum Polizisten eilen, der noch am Boden liegt, und auf diesen einstechen.

„Pech ohne Ende“, sagt der Gesprächspartner der RHEINPFALZ. Erschwerend sei hinzugekommen, dass mitten im Geschehen ein älterer Mann gestanden habe. Das habe die Sicht der Polizisten beeinträchtigt und dazu geführt, dass der Schuss, den ein Beamter schließlich auf den Täter abgibt, um ihn kampfunfähig zu machen, nach seiner Wahrnehmung verzögert abgegeben wird. Auch eine Person, die die Szene filmt, habe zunächst in der Schussbahn gestanden. „So was kostet nochmal zwei, drei Sekunden“, so der Beamte.

Er hält es für unglücklich, dass seiner Kenntnis nach mehr weibliche als männliche Polizisten am Einsatzort waren. „Mannheim ist ein heißes Pflaster. Nachts sind 90 Prozent der Leute, die unterwegs sind, Ausländer. Die meisten nehmen Frauen nicht für voll.“ Außerdem seien viele Leute in der Innenstadt mit einem Messer unterwegs, das oft sehr schnell gezogen werde. „In einer solchen Gemengelage musst du als Polizist vom Auftreten her und auch von der Physis her Stärke zeigen und Eindruck machen, sonst respektieren die dich nicht. Zur Not musst du in der Lage sein, einen Angreifer mit dem vollen Einsatz deiner Körperkraft zu überwältigen.“

„Heute würde ich nicht mehr zur Polizei gehen“

„Polizei – das war mein Traumjob. Ich wollte den Leuten helfen, für Sicherheit sorgen. Heute würde ich nicht mehr zur Polizei gehen“, zeigt sich der Mannheimer Polizist frustriert. Der Staat gehe nicht konsequent gegen Verbrecher vor, vor allem nicht gegen Migranten, die schwerste Straftaten begehen. „Mannheim ist voller Messer“, sagt der Beamte. „Wir erwischen Leute auf frischer Tat, Gewaltdelikte, Drogen. Wir machen die dingfest, haben alle Beweise zusammen. Eine Stunde später verlassen die grinsend die Wache, weil sie einen festen Wohnsitz haben.“

Es gebe in Mannheim ein Heim für schwer Erziehbare. Da gebe es 16- bis 18-Jährige, die laufend etwas drehen. „Und da kommst Du dann hin und die sagen Dir: Ey, Du A..loch, was willst Du überhaupt? Du kannst mir nichts.“ Und er nennt ein anderes Beispiel: Im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim kümmert man sich um psychisch Kranke, die andere oder sich selbst gefährden. „Da hast Du dann einen, der hat gerade mit dem Messer wild um sich gestochen und Steine auf Passanten geworfen. Den bringst Du ins ZI. Eine Stunde später läuft der schon wieder frei in der Stadt rum. Der hat dem Arzt gesagt: Ich hab“ nix gemacht. Und der Arzt, der glaubt ihm auch noch.“

Grundsätzliches Problem

Ein in verschiedenen Verwendungen bewährter Beamter aus Rheinland-Pfalz spricht gegenüber der RHEINPFALZ ein grundsätzliches Problem im Polizeialltag an: Messer. Diese Art von Waffen sei für nahezu jedermann leicht zu beschaffen. Der Erfindungsreichtum, Messer am Körper zu verstecken, kenne kaum Grenzen. „Deshalb kommt bei uns auch niemand ohne Durchsuchung in den Streifenwagen“, sagt der Mann. Dennoch: Hunderprozentiger Schutz vor Attacken mit Stichwaffen sei nicht möglich. Die Kollegen auf der Straße für diese Gefahr zu sensibilisieren, sei deshalb besonders wichtig.

Einen Angreifer, der mit einem Messer umgehen könne, zu stoppen, das sicher nur mit dem Einsatz der Schusswaffe möglich – wie im Mannheimer Fall geschehen. Mit „irgendwelchen Kung-Fu-Tricks“ die Waffe abzunehmen oder das Gegenüber unschädlich zu machen, „das funktioniert nicht“ und werde deshalb auch in der Ausbildung bewusst nicht beigebracht. Der rheinland-pfälzische Polizist nennt für einen sicheren Einsatz der Dienstpistole eine Mindestdistanz von drei bis zehn Metern. Es blieben fürs Ziehen und Schießen in derart dynamischen Situationen kaum Zeit. Entscheidungen müssten derart schnell getroffen werden, dass keine Abwägung von „richtig oder falsch“ möglich sei. Dass der Schütze in Mannheim feuere und nach dem sogenannten Wirkungstreffer sofort aufhöre, findet der Rheinland-Pfälzer diszipliniert.

Er spricht ein Problem des Eigenschutzes der Beamten an, das praktisch unlösbar sei: Ballistische Westen schützten vor Projektilen aus Schusswaffen, aber nicht vor Messerattacken. Und stichfeste Westen wiederum nicht vor Schüssen. Die Entscheidung, wie Polizeibeamte zu Einsätzen ausrückten, habe auch eine psychologische Komponente: Der Auftritt in voller Körperschutzausstattung wirke zwar martialischer und sei aber wegen des Gewichts anstrengender sowie der Beweglichkeit abträglich. Dass ein Kollege wie Rouven L. in Mannheim so „feige von hinten abgestochen“ worden sei, mache ihn gleichermaßen „betroffen und wütend“.

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