Rheinland-Pfalz Pfälzerwald: Überhöhte radioaktive Belastung von Wildschweinen
Fast 32 Jahre sind inzwischen seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vergangen – doch mit deren Spätfolgen ist es auch in der Pfalz noch längst nicht ganz vorbei: Nach wie vor wird bei einigen im Pfälzerwald erlegten Wildschweinen eine überhöhte radioaktive Belastung festgestellt.
«SPEYER.» Auch im laufenden Jagdjahr mussten schon etliche Wildschweine, die in bestimmten Teilen des Pfälzerwaldes abgeschossen wurden, entsorgt werden, statt wie vorgesehen Menschen als Nahrungsmittel zu dienen: Den Messergebnissen nach, die bis Mitte Januar beim Landesuntersuchungsamt (LUA) vorlagen, wiesen 71 Tiere einen Gehalt an radioaktivem Cäsium-137 auf, der den zulässigen Höchstwert überstieg.
Strenge Kontrollen
Damit sind rund 4,8 Prozent der 1468 Schwarzwild-Fleischproben aus der Pfalz, die seit Beginn des (bis Ende März dauernden) Jagdjahres überprüft wurden, zu beanstanden gewesen. Den Spitzenwert wies dabei nach Auskunft von Gisela Ruhnke, der stellvertretenden Leiterin des zum LUA gehörenden Instituts für Lebensmittelchemie in Speyer, eine Wildsau auf, die in der südwestpfälzischen Gemarkung Dahn zur Strecke gebracht worden war: Bei ihr betrug der Gehalt an Radiocäsium (der Summe aus Cäsium-137 und -134) 2900 Becquerel pro Kilogramm. Dies ist fast das Fünffache des in Deutschland für solche Lebensmittel erlaubten Höchstwertes von 600 Becquerel pro Kilo. Wird diese Grenzmarke überschritten, darf das Wildschwein nicht zum Verkauf beziehungsweise Verzehr (außer für Eigenbedarf) freigegeben werden. Und das wird streng kontrolliert, wie Ruhnke betont. So seien Jäger in Rheinland-Pfalz noch immer verpflichtet, jedes Stück Schwarzwild auf Radioaktivität überprüfen zu lassen, das aus bestimmten, als Untersuchungsgebiet ausgewiesenen Gemarkungen des Pfälzerwaldes oder Hochwaldes (Hunsrück) stammt und „in Verkehr gebracht“ werden soll. Wird das des Messresultats wegen in einem Fall nicht gestattet, erhält der Jäger – den die Untersuchung je Tier 15 Euro Gebühr kostet – eine Ausgleichszahlung vom Bund.
Radioaktiv belasteter Regen
Hintergrund für die gezielte „Überwachung“ der genannten Bereiche ist, dass dort örtlich radioaktiv belasteter Regen fiel, nachdem am 26. April 1986 im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl einer der Reaktorblöcke explodiert war. Die Ausläufer der radioaktiven Wolke, die damals vom Unglücksort auch bis nach Deutschland zog, hatten wetterbedingt unterschiedlich starke Auswirkungen: Dort, wo es zugleich lokale Niederschläge gab, kam es zu einer höheren Kontamination. Und deren Spuren halten zum Teil noch immer an. Während das bei dem Reaktorunglück freigesetzte Jod-131 und Cäsium-134 laut Ruhnke längst nicht mehr in der Umwelt nachweisbar sind, sieht das bei Cäsium-137 anders aus. Denn dieses hat eine weitaus längere physikalische Halbwertszeit von 30 Jahren. „Das bedeutet, dass vorletztes Jahr beim traurigen Jubiläum der damals genau so lange zurückliegenden Katastrophe von Tschernobyl, die radioaktive Belastung erst um die Hälfte gesunken war“, sagt die Expertin. „Und erst nach weiteren 30 Jahren wird nur noch ein Viertel davon vorhanden sein.“
Besonders stark in Hirschtrüffeln
Erschwerend hinzu kommt, dass sich Cäsium-137 im Ökokreislauf des Waldes besonders gut und lange halten kann: Nachdem es sich durch belasteten Niederschlag in Blättern oder Baumnadeln abgelagert hat, wird es später wieder freigesetzt, wenn diese abgefallen sind und sich durch Zersetzung in Humus umwandeln. Dann kann es erneut aufgenommen werden durch Bodenorganismen, Pflanzenwurzeln oder das Myzel von Pilzen. Diese gelten als besonders „empfänglich“ dafür, wobei es allerdings je nach Sorte große Unterschiede gibt. Extrem stark reichern sich Radionuklide in den unterirdisch wachsenden, in Symbiose mit Bäumen lebenden Hirschtrüffeln an. Für Menschen sind diese ungenießbar, für Wildschweine aber offenbar eine Delikatesse, die sie sich gerne aus dem Boden wühlen. Und genau darin sehen Fachleute die Hauptursache dafür, dass speziell Schwarzwild – das ein anderes Fressverhalten hat als beispielsweise Rotwild – teilweise noch immer zu stark strahlenbelastet ist.
Sieben Messstellen in der Pfalz
„Die Spätfolgen des Reaktorunglücks werden uns nach wie vor noch Jahrzehnte verfolgen“, sagt Ruhnke. Aus Sicht der Fachleute des LUA sei es daher „weiterhin gerechtfertigt, zur gesundheitlichen Vorsorge jedes in den festgelegten Untersuchungsgebieten erlegte Wildschwein auf Radiocäsium zu überprüfen“. Dafür gibt es landesweit acht dezentrale Messstellen, sieben davon in der Pfalz. Zum „Gegenchecken“ muss jede zehnte in einer solchen Einrichtung kontrollierte Fleischprobe ans Institut für Lebensmittelchemie weitergegeben werden, wie dessen stellvertretende Chefin erklärt. Dorthin ist zudem nicht nur aus den beiden Untersuchungsgebieten, sondern im Rahmen eines Monitorings auch von Forstämtern aus allen anderen Teilen des Landes Fleisch getöteter Wildschweine zwecks Messung der Cäsium-Aktivität zu liefern. Untersucht werden vom LUA überdies Stichproben von Wildschweinfleisch, welche die amtlichen Lebensmittelkontrolleure im Handel und bei Gastronomiebetrieben nehmen – um zu kontrollieren, „ob die Jäger die Vorgaben einhalten“, wie Ruhnke sagt. Dabei habe es jedoch in jüngster Zeit keine Beanstandungen gegeben.
Untersuchungsgebiete kleiner geworden
Die zwei 2001 erstmals festgelegten Untersuchungsgebiete sind übrigens Ruhnke zufolge inzwischen etwas kleiner geworden. „Das heißt aber nicht, dass die Radioaktivität schon so weit abgebaut wurde.“ Sondern sei zurückzuführen darauf, dass in den nun nicht mehr einbezogenen Gemarkungen „seit Jahren keine Höchstwert-Überschreitung mehr festgestellt wurde“. Falsch wäre es ebenso, aus einem Vergleich der statistischen Daten einen Rückgang der Kontamination in entsprechender Größenordnung herauszulesen. Die Beanstandungsquote hängt auch stark mit dem jeweiligen Nahrungsangebot für das Schwarzwild zusammen – wobei wiederum die Wetterbedingungen ein wesentlicher Faktor sind. So müssen die Borstentiere in schneereichen Wintern bei der Suche nach Fressbarem noch tiefer als sonst in der Erde graben.
Zu wenige Proben von Waldpilzen
Im Jagdjahr 2016/17 war nach Auskunft des LUA bei 116 von 1724 Wildschweinfleischproben aus dem Untersuchungsgebiet Pfälzerwald, und somit bei 6,7 Prozent, eine Strahlenbelastung über der Grenzmarke festgestellt worden. Als Höchstwert wurden 4021 Becquerel Radiocäsium pro Kilogramm gemessen – bei einem im Revier Dahn erlegten Tier. Von wildwachsenden Waldpilzen – in denen sich radioaktive Substanzen ebenso wie Schwermetalle je nach Sorte in verschiedenem Maße anreichern können – landen übrigens für fundierte Datenerhebungen zu wenige beim LUA. Bei Einzelproben gängiger Speisepilze wie Maronen- und Rotfußröhrlingen oder Steinpilzen habe man allerdings bezüglich Radioaktivität seit Jahren keine Höchstwertüberschreitungen mehr festgestellt, so Gisela Ruhnke. 2017 sei dies nur einmal der Fall gewesen: mit 824 Becquerel Radiocäsium pro Kilogramm bei in der Südwestpfalz gesammelten Semmelstoppelpilzen.