Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Opfer im BASF-Prozess: „Sie wollen nicht mehr darauf angesprochen werden“

Mit einigen seiner Mandanten im Gerichtssaal: Opfer-Anwalt Jan Schabbeck.  Foto: Bolte
Mit einigen seiner Mandanten im Gerichtssaal: Opfer-Anwalt Jan Schabbeck.

Am Dienstag wird das Urteil im BASF-Prozess fallen, in dem Jan Schabbeck als Anwalt Opfern der Explosionskatastrophe beisteht. Im Interview berichtet der Jurist, wie seine Mandanten mit deren Folgen umgehen, was sie über den Angeklagten denken und wie sie heute zu dem Chemiekonzern stehen, dessen Sicherheitsvorkehrungen vor Gericht immer wieder kritisiert wurden.

Herr Schabbeck, der Prozess hat Ihre Mandanten immer wieder an die schlimmsten Stunden ihres Lebens erinnert. War das für sie eine Tortur – oder doch irgendwie hilfreich?
Vieles im Prozess war für sie belastend. Zum Beispiel, dass sie wieder die Bilder des Unglücks gesehen haben. Andererseits habe ich aus dem Kreis meiner Mandanten gehört: Das Verfahren hat viele Einblicke gebracht, die man sonst nicht bekommen hätte. Man weiß jetzt, was damals passiert ist. Und das ist schon hilfreich.

Im Prozess ging es nicht nur um die Angeklagten, sondern auch um die Sicherheitsvorkehrungen der BASF. Und die sind zum Teil massiv kritisiert worden ...
Wir Juristen neigen ja dazu, die Dinge immer vom Ende her zu sehen und dann zu sagen: „Das hätte ich euch gleich sagen können, dass es so kommen wird.“ Aber hinterher ist man immer schlauer. Und entscheidend ist der Zeitpunkt vor dem Unglück. Natürlich hätte man die Rohre so anstreichen können, wie es DIN-Codes vorsehen. Die schreiben zum Beispiel vor, dass Leitungen mit brennbaren Gasen in einem bestimmten Rot-Ton lackiert werden. Aber dann wären in dem Graben eben viele rote Rohre gewesen. Ich glaube nicht, dass das in unserem Fall die Verwechslung verhindert hätte.

Ihre Mandanten stehen also weiterhin zur BASF?
Meine Mandanten möchten sich bei der BASF bedanken. Sie hat ihnen alle Unterstützung gewährt, die beruflich möglich ist. Und sie hat wirtschaftlich niemanden in ein Loch fallen lassen. Sie danken aber auch den Kollegen, die den Kontakt halten. Den Behandlern, vor allem in der BG-Unfallklinik. Und den Richtern, die sich im Prozess engagiert um Aufklärung bemüht, aber auch Geduld gezeigt und einfühlsam gefragt haben.

Die Richter müssen jetzt noch ihr Urteil über den Angeklagten fällen. Wie denken Ihre Mandanten über ihn?
Wir bezweifeln, dass er sich nicht an sein Handeln unmittelbar vor dem Unglück erinnern kann. Wir sind überzeugt, dass er grob fahrlässig vorgegangen ist und einen eklatanten Fehler gemacht hat. Und jetzt im Prozess hat er sich kein bisschen um Wiedergutmachung bemüht. Wir finden es zu milde, dass die Staatsanwaltschaft für ihn nur eine Bewährungsstrafe gefordert hat.

Was hätte er zur Wiedergutmachung denn überhaupt tun können?
Um Geld geht es da natürlich nicht. Und er hätte noch nicht einmal gestehen müssen, dass er den Fehler auch wirklich gemacht hat. Aber er hätte den Opfern in die Augen schauen und sagen können: „Es tut mir entsetzlich leid, was passiert ist.“ Oder er hätte wenigstens einmal fragen können: „Und wie geht es euch?“

Dann lassen Sie mich diese Frage jetzt stellen. Obwohl ich den Eindruck habe, dass Ihre Mandanten da gar nicht so viel drüber reden wollen ...
Stimmt, das wollen sie nicht. Ich glaube, sie sind starke Männer, die keine großen Worte machen. Aber man muss sich einfach vorstellen, was Brandverletzungen bedeuten. Man erkennt die Gesichter der Betroffenen nicht mehr. Die Feuerwehrleute lagen verletzt nebeneinander und wussten nicht, wer wer ist. Und auch von ihren Angehörigen wurden sie nicht mehr erkannt.

Wie war das mit den körperlichen Schmerzen?
Einer meiner Mandanten hat mir berichtet: Er dachte, ein Arzt in der BG-Unfallklinik würde seine Wunden mit einer Drahtbürste traktieren. Dabei wurden sie nur mit einem Wattebausch abgetupft.

Wie gut sind diese Wunden inzwischen geheilt?
Es gibt viele Dinge, die meinen Mandanten wichtig waren und die sie nun nicht mehr tun können. Der eine kann nicht mehr Motorrad fahren, weil er keinen sicheren Griff mehr hat. Der andere kann keine Liegestützen mehr machen, obwohl er ein sehr sportlicher Typ war. Ein Mandant kommt aus einer Maurerfamilie, war immer ein Heimwerker. Und jetzt konnte er nur noch zuschauen, als es darum ging, für die Tochter und den Enkel ein Haus zu renovieren.

Sie vertreten auch die Witwe eines Feuerwehrmanns, der nach dem Unglück noch fast ein Jahr lang um sein Leben gekämpft hat und dann doch gestorben ist. Der Staatsanwalt hat über dieses Schicksal im Gerichtssaal gesagt: „Das ist das Schrecklichste, was ich hier je gehört habe.“
Die Tochter dieses Mannes hat jetzt gerade geheiratet. Sein Platz bei ihrer Hochzeit blieb leer. Und sein Enkelkind wird ihn nie kennenlernen ... Opfer sind nicht nur die Toten und Verletzten, auch ihre Angehörigen leiden.

Ihre Mandanten sind und bleiben sichtbar gezeichnet. Spüren sie das an den Reaktionen anderer Leute?
Sie werden ständig darauf angesprochen. Von Menschen, die es gut meinen. Und von Leuten, die einfach nur neugierig sind. Aber egal, warum jemand fragt: Damit kommt die Sache nur immer wieder hoch. Meine Mandanten wollen nicht mehr darauf angesprochen werden.

Weil sie das Ganze auch psychisch noch längst nicht überwunden haben?
Sie leiden unter Angstzuständen und Schlaflosigkeit. Sie werden sogar von Selbstvorwürfen geplagt, sie fragen sich: „Warum habe ich überlebt und meine Kollege nicht?“ Und sie vermissen ihre Arbeit. Feuerwehrmann, das ist ja nicht nur ein Beruf, das ist eine Berufung. Und in den 24-Stunden-Schichten, da lebt man wie in einer WG zusammen. Man kocht miteinander, man redet viel. Man ist füreinander da.

Werden Ihre Mandanten in den Beruf zurückkehren?
Zwei gehen davon aus, dass sie nicht mehr werden arbeiten können. Einer hofft darauf, dass er bald einen Posten in der BASF-Gefahrenabwehr übernehmen kann. Das ist dann nicht mehr die Arbeit, die er so geliebt hat. Aber er wird von dort aus die Einsätze seiner früheren Feuerwehr-Kollegen planen.

Sprechen am Dienstag ihr Urteil: die Richter im BASF-Prozess.  Foto: Bolte
Sprechen am Dienstag ihr Urteil: die Richter im BASF-Prozess.
Angeklagt: Ein externer Arbeiter (zweiter von links) soll versehentlich ein falsches Rohr angeschnitten und so eine fatale Kette
Angeklagt: Ein externer Arbeiter (zweiter von links) soll versehentlich ein falsches Rohr angeschnitten und so eine fatale Kettenreaktion ausgelöst haben.
Hat für den Angeklagten nur eine Bewährungsstrafe gefordert: Ankläger Dieter Zehe.  Foto: BOLTE
Hat für den Angeklagten nur eine Bewährungsstrafe gefordert: Ankläger Dieter Zehe.
Medienrummel: der BASF-kritische Opfer-Anwalt Alexander Klein beim Prozessauftakt.  Foto: BOLTE
Medienrummel: der BASF-kritische Opfer-Anwalt Alexander Klein beim Prozessauftakt.
Tödlich: Fünf Menschen sind durch die Explosionen gestorben.  Foto: dpa
Tödlich: Fünf Menschen sind durch die Explosionen gestorben.
Verwüstet: der Rohrgraben nach dem BASF-Explosionsunglück.  Foto: KUNZ
Verwüstet: der Rohrgraben nach dem BASF-Explosionsunglück.
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