Rheinland-Pfalz Neue Dokumente zu altem Rohrschaden
«Ludwigshafen.» Ganz oben in der Mitte des Rohrs klafft die Macke, die Fotos aus dem Jahr 2011 dokumentieren. Damals hatte ein Kontrolleur auf dem BASF-Werksgelände in Ludwigshafen Leitungen inspiziert, dabei den Schaden an einer Ammoniak-Pipeline entdeckt. Anschließend wurde berechnet, wie dick deren Wand an dieser Stelle noch ist. Und es wurde festgelegt, bis wann der Abschnitt repariert sein muss. In den Unterlagen steht außerdem, was damals als Ursache für die Scharte galt: Sie wurde als Flex-Schnitt eingestuft. Demnach wäre einem Unbekannten irgendwann vor der Inspektion im Jahr 2011 ein Fehler unterlaufen, wie ihn ein externer Arbeiter ein paar Meter weiter und fünf Jahre später erneut gemacht haben soll. Dann allerdings mit fatalen Folgen: In Frankenthal steht jetzt ein 63-jähriger Monteur vor Gericht, der im Oktober 2016 am BASF-Nordhafen ein zuvor geleertes Rohr zerlegen sollte. Die Anklage geht davon aus, dass er in einem Graben voller Leitungen versehentlich die Pipelines verwechselte und deshalb mit seinem Trennschleifer die falsche aufschnitt. Deren Inhalt soll sich daraufhin entzündet haben. Minuten später ließ die Hitze des an der Schnitt-Stelle lodernden Brandes eine Ethylen-Fernleitung bersten. Es folgten gigantische Explosionen, durch die fünf Menschen zu Tode kamen und Dutzende weitere verletzt wurden. Das Frankenthaler Landgericht hat nun zu prüfen, ob der Angeklagte tatsächlich derjenige war, der mit seiner Flex die verhängnisvolle Kettenreaktion auslöste. Und vielversprechende Anhaltspunkte für eine andere Ursache hat die erste Prozessstaffel zwischen Februar und April nicht geliefert. Doch die Juristen müssen auch fragen, ob die Vorkehrungen bei der BASF in Ordnung waren. Und das ist ein verzwicktes Unterfangen. Denn für so einen riesigen Chemiestandort mit seinen vielen komplizierten Anlagen gibt es nicht einfach einen allgemein gültigen Katalog mit Vorschriften, die stur zu befolgen wären. Stattdessen werden individuelle Schutzkonzepte entwickelt, bei denen die Betreiber kräftig mitreden. Also müssen sich Unternehmen auch selbst darum kümmern, dass sie Branchenstandards einhalten und für ihren jeweiligen Standort anpassen. Außerdem haben sie von sich aus darauf zu achten, dass schon einmal gemachte Fehler nicht wiederholt werden. Um so brennender interessieren sich die Richter daher mittlerweile für die Macke, die 2011 an der Ammoniak-Leitung entdeckt worden war. Immerhin hat der für den Hafen verantwortliche BASF-Betriebsleiter bei seiner Zeugenaussage Ende März eingestanden: Die Gefahren bei Routine-Arbeiten mit einer Flex wären anders eingeschätzt worden, wenn seine Abteilung von einem früheren Falsch-Schnitt mit so einem Werkzeug gewusst hätte. Doch dem Hafen-Chef zufolge hatten er und seine Leute nie von dem Fund im Jahr 2011 erfahren. Die Richter könnten daher in etwa auf folgende Idee kommen: Die Katastrophe im Oktober 2016 hat zwar der Angeklagte durch seine Unachtsamkeit verschuldet. Aber wenn der Informationsaustausch innerhalb der BASF besser funktioniert hätte, wäre rechtzeitig verhindert worden, dass ihm so ein Fehler überhaupt unterlaufen kann. Denn dann hätten vielleicht schon einige jener Regeln gegolten, die seit dem Unglück dafür sorgen sollen, dass Monteure keine Rohre verwechseln. Hinter den Kulissen allerdings hat der Konzern mittlerweile versucht, die Juristen wieder auf eine andere Spur zu bringen. Denn während der Prozess in den vergangenen Wochen pausierte, hat das Unternehmen zusätzliche Unterlagen nach Frankenthal geschickt. Schließlich wollten die Richter ohnehin noch mehr über die 2011 entdeckte Macke an der Ammoniak-Leitung erfahren. Und jetzt haben sie zum Beispiel die Fotos erhalten, die damals von der Stelle gemacht wurden. Nach RHEINPFALZ-Informationen haben die Juristen aber auch noch eine Art Erläuterungsschreiben dazu bekommen. In dem steht sinngemäß: Die Bilder zeigen einen Wulst an der Schnitt-Kante. Und der ist der Beweis dafür, dass die Scharte in der Rohrwand doch nicht von einer Flex stammen kann. Offen scheint dabei allerdings zu bleiben, was stattdessen die Rohrwand angeschlitzt haben soll. Fragen dazu können die Richter stellen, wenn das Verfahren ab Montag wieder weitergeht, unter anderem mit einem neu hinzugeladenen Zeugen: dem Inspekteur, der 2011 auf dem BASF-Werksgelände die ganz oben in der Mitte eines Rohrs klaffende Macke entdeckte.