Coronavirus
Mit Abstand auf die Schulbank
„Ihr denkt an den Abstand?“, mahnt Schulleiterin Sabine Schanz eine Gruppe von Neuntklässlern, die etwas zu dicht beieinander zu ihrem Klassenraum gehen. „Jaaa!“, antworten die Jungs unter ihren Masken gespielt genervt. Seit diesem Montag sind sie zurück am Albert-Einstein-Gymnasium (AEG) in Frankenthal. Das AEG hat sich jedoch sichtbar verändert.
Im ganzen Gebäude sind Treppen und Laufwege nur in eine Richtung begehbar, wie im Straßenverkehr weisen „Einbahnstraßen“-Schilder den richtigen Weg. Führt der zu einer Toilette, muss mitunter mit Wartezeiten gerechnet werden, denn nur zwei Schüler dürfen die Räume gleichzeitig betreten. Es ist gerade Pause. Die machen die Zehntklässler auf einer Wiese hinter dem Schulgebäude, die Oberstufe teilt sich Hof und Innenhof.
Die Schülerinnen Moana, Hannah und Laila machen ihre Pause im „Auszeitraum“, auch er ist neu. Zwei der Mädchen tragen die weißen Schutzmasken, die ihnen die Landesregierung zur Verfügung gestellt hat, neben dem Hashtag #wefightcorona prangt darauf das Landeswappen. Der „Auszeitraum“ ist mit Pflanzen und Sitzkissen dekoriert und soll Schülern Gelegenheit zum Durchschnaufen geben, erklärt Rektorin Schanz. Eigentlich auch jenseits von Corona eine gute Idee. Dauerhaft wird es den „Auszeitraum“ jedoch nicht geben, sagt die 60-Jährige, er werde als Klassenraum benötigt.
Betagte Lernsoftware funktioniert
Ein paar Räume weiter beginnt für die Schüler der 10b die erste Deutschstunde seit sieben Wochen. Wie in der gesamten Schule ist dabei nur die halbe Klasse anwesend, die andere Hälfte wird weiterhin über die Lernplattform „Moodle“ zu Hause unterrichtet. Nach jeder Woche sollen die Gruppen wechseln, nur so kann der im Klassenraum vorgeschriebene Abstand von 1,50 Meter eingehalten werden. So manche Schule wurde zu Beginn der Zwangspause von den plötzlichen Anforderungen im Bereich „Home-Schooling“ überrollt, beim AEG scheint die Arbeit mit „Moodle“ geklappt zu haben: „Das lief eigentlich ganz gut, wir haben Arbeitsaufträge bekommen und die dann abgearbeitet“, erklärt der 14-jährige Leon. Etwa zwei bis drei Stunden habe er jeden Tag für die Schulaufgaben gebraucht.
Lehrer Mark Kamenz kannte „Moodle“ schon aus dem Referendariat vor 20 Jahren, trotzdem leiste die betagte Software gute Dienste: „Sie ist einfach zu verstehen und übersichtlich, also für die meisten Schüler ohne größere Probleme nutzbar.“ Auch Kamenz ist froh, seinen Schülern endlich wieder in die Augen sehen zu können. Die vergangenen Wochen hat er trotz Homeoffice und drei schulpflichtigen Kindern als vergleichsweise entspannt erlebt: „Wir sind ein Lehrerhaushalt, also schauen wir schon, dass es da um 8 Uhr losgeht, damit man nicht den ganzen Tag da hockt.“ Allerdings, gibt er zu bedenken, verfüge natürlich nicht jede Familie über derart günstige Startbedingungen.
Seine Klasse ist offensichtlich froh darüber, endlich wieder engmaschiger betreut zu werden. „Im Unterricht muss man eigentlich nur zuhören und bekommt alles erklärt“, sagt die 15-jährige Celine. „Zuhause muss man sich alles selber erarbeiten.“ Niemand widerspricht.
Kein Lohn für gute Mitarbeit?
An der Carl-Orff-Realschule plus (COR) in Bad Dürkheim ist Schulleiter Achim Walk mit der Situation nicht so ganz zufrieden. Er würde jene Schüler, die auch zu Hause fleißig mitgearbeitet haben, gerne mit einer guten Note belohnen. Aber er darf nicht, auf Anweisung des Bildungsministeriums wurde aus Gerechtigkeitsgründen während der Schulschließung auf eine Benotung verzichtet. „Dabei hätten wir eh keine schlechten Noten vergeben, wir wollen schließlich niemanden bestrafen, der fünf Geschwister oder keinen Computer hat“, sagt Walk. Allerdings sollten jene, die sich trotz der widrigen Umstände besonders angestrengt hätten, nicht leer ausgehen.
Denn wer ein ausreichend gutes Halbjahreszeugnis hatte, der wird versetzt, egal, ob er die Wochenarbeitspläne der Lehrer umgesetzt hat. Walk wird sich wohl fügen, denn „jede Note, die ich jetzt gebe, ist juristisch höchst anfechtbar“. Er lässt jedoch durchblicken, dass die Bemühungen auch anderweitig honoriert werden könnten.
Auch in Bad Dürkheim werden Jugendliche und Personal mit Flatterband geleitet. Bis einschließlich Donnerstag bewegen sich die Schüler nur mit ihrem Lehrer auf dem Schulgelände. In die Pausen oder zum Bus geht es ebenfalls nur mit Begleitung. „Das machen wir jetzt ein paar Tage, dann haben alle die Regeln drauf“, sagt Walk.
Es ist Schulschluss, vor der Tür sitzen Kacper und Lisa. Sie gehen in die 9b, seit sieben Wochen haben sie sich nicht gesehen. Beide sind froh, endlich wieder in der Schule zu sein. „Ich will doch auch was lernen und vorankommen“, sagt Kacper. Zwar habe auch hier die Umstellung auf Heimarbeit gut geklappt, „aber irgendwie ist es auch langweilig, immer nur alleine zu Hause zu sitzen“.
Auch Deutschlehrerin Yvonne Freiermuth-Gockell berichtet von lernwilligen Schülern: „Die waren völlig gebannt, man hätte eine Stecknadel fallen hören können“, sagt sie über ihre erste Stunde. „Momentan treffen da hochmotivierte Schüler auf hochmotivierte Lehrer.“ Das könne auch eine Chance sein, ist sie sich sicher.