Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Medizinischer Notdienst: Ist unsere Versorgung in Gefahr?

Laut Kassenärztlicher Vereinigung bekommen Bürger rund um die Uhr eine medizinische Erstberatung unter der Telefonnummer 116117.
Laut Kassenärztlicher Vereinigung bekommen Bürger rund um die Uhr eine medizinische Erstberatung unter der Telefonnummer 116117.

Geringere Öffnungszeiten, nachts zu: Die Kassenärztliche Vereinigung wird den Notdienst einschränken. Der Schritt sei aus personellen wie wirtschaftlichen Gründen unumgänglich, heißt es. Doch die Kritik daran wird immer lauter.

Das Fieber hat die Marke von 39 Grad Celsius schon vor einer Weile überschritten, Schüttelfrost und Husten rauben einem die letzte Kraft. Wer in solchen Fällen ärztliche Hilfe sucht, der eigene Hausarzt aber schon vor Stunden seine Praxistür zugeschlossen hat, ist beim medizinischen Notdienst an der richtigen Adresse. Quer übers Land verteilt gibt es ärztliche Bereitschaftspraxen, die von Fachärzten bespielt werden. Zuständig für die Strukturierung dieser Versorgungslandschaft ist die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz. Und die hat gravierende Änderungen für den Jahreswechsel im Notdienst angekündigt.

Ab Januar wird es statt der bisher 43 Bereitschaftspraxen nur noch 36 in Rheinland-Pfalz geben. Sieben Einheiten werden geschlossen, betroffen in der Pfalz sind Frankenthal und Landstuhl (Kreis Kaiserslautern). Nach Angaben der KV, der alle rund 8000 Vertragsärzte und -psychotherapeuten in Rheinland-Pfalz angehören müssen, werden zudem bei den bestehenden Praxen die Öffnungszeiten reduziert. Heißt konkret: Die Notfalldienstzentralen sind nachts geschlossen. Am Tag werden die Öffnungszeiten reduziert. So sind die Praxen montags, dienstags und donnerstags zu. Mittwochs, freitags sowie an Wochenenden und Feiertagen gelten reduzierte Zeiten.

Krankenhäuser fürchten Chaos in Notaufnahmen

Die KV betont auf Anfrage der RHEINPFALZ, dass über die Kürzungen im Notdienst die Vertreterversammlung als gewähltes Gremium entschieden habe. Der Schritt hänge vor allem mit der Überlastung der Vertragsärzte infolge des weiter zunehmenden Ärztemangels in Rheinland-Pfalz zusammen. Zahlen zeigen seit Langem, dass die Ärzteschaft durchschnittlich immer älter wird, weniger Nachfolger übernehmen, vor allem im ländlichen Raum. Die Folge: Praxen werden geschlossen. Die Entscheidung sei aber auch gefallen, um die Versorgungslage dem Bundesdurchschnitt anzupassen. Heißt: In Rheinland-Pfalz habe es bisher im Vergleich eine überdurchschnittlich dichte Notversorgung gegeben. Nur mit der Reduzierung könnten die Ärzte entlastet werden.

Des einen Entlastung, des anderen Belastung: Davor warnt Matthias Wölfel, Leiter der Notaufnahme am Vinzentius-Krankenhaus in Landau. Er fürchtet, dass die geringeren Öffnungszeiten bei den ärztlichen Bereitschaftspraxen für Chaos in den Notaufnahmen sorgen könnten. „Schon jetzt sind immer weniger Menschen an eine Hausarztpraxis angebunden. Wenn sie erkrankt waren, sind sie bisher oft zum ärztlichen Bereitschaftsdienst gegangen“, sagt Wölfel. Wegen der Kürzungen werden die Patienten aber dann in vielen Fällen die Notaufnahmen aufsuchen, die schon jetzt am Limit seien wegen des Hausärztemangels. „Es ist deshalb ein dramatischer Einschnitt“, so Wölfel.

Keine Rezepte, keine Krankschreibung

Ein ganz großes Problem sei auch, und das sei eben nur wenigen bekannt, dass die Ärzte in der Notaufnahme weder ein Rezept noch eine Krankschreibung ausstellen dürften. Genau dafür seien Hausärzte oder eben die Notdienstzentralen zuständig. „Viele Menschen verstehen schon jetzt nicht, dass wir bestimmte Sachen nicht machen können. Die Entscheidung der KV radikalisiert das nun. Dann könnte die Lage im Alltag emotional schnell eskalieren“, sagt der Notfallmediziner.

Auch die Landesregierung ist mit der Entscheidung der Kassenärztlichen Vereinigung nicht einverstanden. „Diese Übersprunghandlung der KV ist nicht nachvollziehbar und geht zulasten der Patientinnen und Patienten. Die Leidtragenden sind darüber hinaus die Krankenhäuser und Notaufnahmen, die Ausfälle kompensieren müssen, obwohl diese ohnehin stark belastet sind“, ließ der rheinland-pfälzische Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) kürzlich wissen.

Gesundheitsminister übt heftige Kritik

Und er legte nach: Wenn es der Kassenärztlichen Vereinigung nicht gelinge, ihre ureigenen Aufgaben wie die Organisation der ärztlichen Bereitschaftspraxen zu erfüllen, müsse über gesetzliche Änderungen auf Bundesebene nachgedacht werden. So könnten entweder der Gestaltungsspielraum der Kassenärztlichen Vereinigungen stark eingeschränkt oder die Planungshoheit für den medizinischen Notdienst ganz auf das Land übertragen werden, so Hoch.

Wie das Gesundheitsministerium auf Anfrage mitteilt, sei die KV in ihren Entscheidungen frei. Das Ministerium könne lediglich Rechtsverstöße beanstanden, aber keine Vorgaben machen, etwa einwirken auf die Anzahl der Standorte der Bereitschaftspraxen oder deren Öffnungszeiten. Heißt: Die KV-Entscheidung gilt. Deshalb wird sich 2024 in der Medizinlandschaft in Rheinland-Pfalz wohl einiges verändern.

Einen Kommentar zum dem Thema lesen Sie hier.

x