Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Louisas Welt: Eltern frühgeborener Kinder erzählen

Die frühgeborene Louisa wird untersucht.
Die frühgeborene Louisa wird untersucht. Foto: Iversen

Am Sonntag ist Welt-Frühgeborenen-Tag. Wir haben Eltern und Kinder im Landauer Vinzentius-Krankenhaus besucht.

Vorsichtig berührt Eva Volkmer die Hand ihrer Tochter. Sofort umschließen fünf winzige Fingerchen ihren Zeigefinger. Die kurze zarte Berührung ist die einzige, die die frisch gebackene Mutter ihrem Kind geben kann. Durch die Glasscheibe des Inkubators hindurch beobachtet sie ihr Mädchen, das sie so gern auf dem Arm halten würde. Louisa ist ein Sonntagskind — und ein Frühchen. Sie kam nach einem vorzeitigen Blasensprung in der 34. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Das ist sechs Wochen früher, als eine Schwangerschaft in der Regel dauert. Auf der neonatologischen Intensivstation im Landauer Vinzentius-Krankenhaus kümmern sich deshalb Ärzte und Schwestern um das 2300 Gramm leichte Baby, dessen kleiner Körper noch gar nicht richtig auf die große Welt vorbereitet war.

65 000 Frühgeburten im Jahr

Deutschlandweit werden jährlich etwa 65.000 Kinder vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geboren. Bei knapp 790.000 Geburten insgesamt (im Jahr 2018) ist folglich jedes zwölfte Neugeborene ein sogenanntes Frühchen. Doch die Unterschiede sind groß zwischen Frühchen und Frühchen. Babys, die wie Louisa zwischen der 34. und der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, werden als späte Frühgeborene bezeichnet. Was Gewicht und Größe angeht, unterscheiden sie sich von Reifgeborenen nicht wesentlich. Dennoch fehle auch ihnen wertvolle Entwicklungszeit im Bauch der Mutter, erklärt Jürgen Bensch. Der Chefarzt der Landauer Kinderklinik leitet die neonatologische Intensivstation und hat schon viele Familien durch Höhen und Tiefen begleitet.

„So etwas macht einen fertig“

Auch den dreijährigen Henry aus Neustadt kennt er gut. Der Blondschopf nascht in seinem Zimmer auf der Kinderstation Pudding mit bunten Schokolinsen, während sein Papa von der viel zu frühen Geburt seiner Zwillinge erzählt. Mit gerade einmal 690 Gramm war Henry nicht mehr als eine Handvoll Leben. Die Schwangerschaft seiner Frau hatte nur 25 Wochen gedauert. „Wir funktionierten nur noch für die Kinder und lebten von Stunde zu Stunde“, erinnert sich Jörg Hübler. Henry habe die Ärzte im Ludwigshafener St. Marienhospital, wo die Babys zur Welt kamen und versorgt wurden, mit seiner rasanten Entwicklung verblüfft. Schon nach einem Tag musste er nicht mehr beatmet werden. Henrys Zwillingsbruder Jonas hingegen haben die Eltern einige Tage nach seinem Geburtstag verloren. Kurz vorher hatten sie ihn noch taufen lassen. „Ihr habt ja noch das andere Kind“, hallen dem Vater heute noch die Worte eines Außenstehenden nach. „So etwas macht einen fertig“, sagt Hübler, während er Henry fest an sich drückt.

Nachtwache am Bett

Er und sein Sohn Henry seien praktisch Stammgäste in der Landauer Kinderklinik, berichtet er. Zwar habe sich der Kleine super entwickelt. Henry sei aber dennoch kleiner und schmächtiger als seine gleichaltrigen Kindergartenfreunde. Zudem seien seine Bronchien sehr anfällig für Atemwegsinfekte. „Ich muss inhalieren“, quasselt Henry fröhlich dazwischen, dann wirbelt er herum und spielt mit seiner schwarz-gelben Tigerente. „Zuhause halten wir an seinem Bett Nachtwache, wenn es ihm schlecht geht“, erzählt der Vater. Mittels Monitor überwachen er oder seine Frau den Sauerstoffgehalt im Blut des Kindes. Wenn nötig, geben sie ihm Sauerstoff. Manchmal sei die Situation aber zu kritisch, dann kommen sie mit Henry nach Landau. „Zum Glück habe ich einen familienfreundlichen Arbeitgeber,“ witzelt der Eisenbahningenieur.

„Ich habe schon viele Ehen zerbrechen sehen“

Eltern von Frühchen müssen oft viel Zeit und Kraft für ihre Kinder aufbringen, erzählt Chefarzt Bensch. Auf ihre anfängliche Angst um das nackte Überleben des Kindes folgten meist die Sorge um seine Gesundheit und seine spätere Entwicklung – und das über Monate, wenn nicht sogar über Jahre. „Ich habe schon viele Ehen daran zerbrechen sehen“, sagt der Kinderarzt. Auch Axel Volkmer ist mit seinen Gedanken immer bei Tochter Louisa. Während seine Frau im Krankenhaus ist, kümmere er sich um Behördengänge und den Haushalt, erzählt er. Am schlimmsten sei stets der Moment, wenn sich die Tür zur Intensivstation surrend öffnet. Was erwartet einen dahinter? Ist alles in Ordnung? Ist irgendetwas schief gelaulen? „Eigentlich absurd“, sagt der Vater, der weiß: „Wenn etwas wäre, hätte man mich angerufen.“ Der 33-Jährige drückt den Desinfektionsmittelspender, reinigt seine Hände, geht dann zu seiner Tochter. Der Sterillium-Geruch breitet sich im abgedunkelten Zimmer aus.

Versorgung per Magensonde

Über eine Magensonde gibt Isabella Hellmann Louisa abgepumpte Muttermilch. „Zehn Milligramm, alle vier Stunden. Nach und nach steigern wir die Portionen“, erklärt die Intensivschwester. Ihre Atemhilfe ist Louisa inzwischen los. Schon bald darf sie mit Mama kuscheln. „Hautkontakt verbessert Herzaktion und Atmung. Außerdem stärkt sie die Mutter-Kind-Bindung“, erklärt Kinderarzt Bensch. Eva Volkmer kann es kaum erwarten, wie sie sagt, ihr Baby endlich zu spüren. „Ich war so geschockt, als ich erfuhr, dass das Kind jetzt schon kommt. Wenn ich jetzt sehe, dass es ihr gut geht, bin ich froh und dankbar zugleich“, sagt sie. Der Kinderarzt ist zuversichtlich, dass Louisa sich prächtig entwickeln wird. Zehn Tage später: Ein letztes Mal betreten die Eltern die Neonatologie. Ihre Tochter liegt inzwischen in einem Wärmebett. Sie ist angezogen und wirkt jetzt – ganz ohne Kabel und Schläuche – wie ein normales Baby. „Auch wenn ich sie nach meiner Entlassung jeden Tag besucht habe, Louisa allein hier zu lassen, brach mir das Herz“, berichtet die junge Mutter aus Schwegenheim. Dann nimmt sie ihr Kind aus dem Bettchen, küsst es auf die Stirn und zieht ihm einen warmen Overall über, der noch ziemlich groß ausfällt. Louisa hat es geschafft, sie darf nach Hause.

Am Sonntag ist Welt-Frühgeborenen-Tag

Wenn es heute dunkel wird, erstrahlen auf der ganzen Welt regionale Wahrzeichen wie das Heidelberger Schloss und Gebäude wie der Eingang zum Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern in der Farbe Lila. Sie leuchten für Louisa, Henry und Jonas — und für alle anderen Frühchen, um am heutigen Welt-Frühgeborenen-Tag auf ihre Schicksale und Bedürfnisse aufmerksam zu machen.

Frühchen: Drei Spezialkliniken in der Pfalz

Frühgeborene sind laut Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ die größte Kinderpatientengruppe Deutschlands. Babys mit weniger als 1000 Gramm Geburtsgewicht gelten als Extremfrühchen. Ihre Überlebenswahrscheinlichkeit liegt ab der 24. Schwangerschaftswoche bei 70 Prozent und steigt mit zunehmender Reife. Die Babys werden in Perinatalzentren der höchsten Versorgungsstufe 1 versorgt. In der Region verfügen unter anderem das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus Speyer, das Westpfalzklinikum Kaiserslautern und das St.Marien-und-St. Annastiftskrankenhaus Ludwigshafen über solche Einrichtungen. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Spezialisierung, Ausstattung und Mitarbeiter von Perinatalzentren der Stufe 2. Ein solches findet sich zum Beispiel im Vinzentius-Krankenhaus in Landau, wo Frühchen erst ab einem Gewicht von 1250 Gramm beziehungsweise einem Gestationsalter von 30 Wochen aufgenommen werden dürfen.

Risiko: Spätfolgen

Generell gilt: Je unreifer ein Kind, desto höher das Risiko für bleibende körperliche und kognitive Beeinträchtigungen. Auch Lernbehinderungen und psychische Störungen wie Depression, Angststörungen, die sich bis ins Erwachsenenalter auswirken können, kommen bei extrem Frühgeborenen häufiger vor als unter Reifgeborenen. Die Gründe: Die Babys sind auf der Intensivstation enormem Stress ausgesetzt. Sie werden beatmet, gepikst und verkabelt. All das passiert laut Kinderarzt Jürgen Bensch gerade dann, wenn sich Nervensystem und Gehirn in einer intensiven Entwicklungsphase befinden. Um eventuelle Beeinträchtigungen früh zu erkennen und zu behandeln, werden Frühgeborene in Frühförderzentren vorgestellt und beim Größerwerden begleitet.

Mögliche Ursachen

Eine Frühgeburt kann körperliche und seelische Gründe haben. Stress, psychische Belastungen und Ängste der Mutter machen deren Körper anfällig für Infektionen und Krankheiten und können so eine Frühgeburt auslösen, ebenso der Konsum von Alkohol und Nikotin. Beides gefährdet die Entwicklung des Kindes auf vielfältige Weise und erhöht das Risiko für eine Frühgeburt. Auch krankhaftes Übergewicht kann eine Ursache sein.

Louisa mit ihrer Mutter Eva Volkmer.
Louisa mit ihrer Mutter Eva Volkmer. Foto: Iversen
Louisa allein im Brutkasten.
Louisa allein im Brutkasten. Foto: Iversen
Louisa und Kinderarzt Jürgen Bensch.
Louisa und Kinderarzt Jürgen Bensch. Foto: Iversen
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