Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Lassen sich Fachkräfte mit einer Werbekampagne ködern?

rheinpfalz__02_8_2022

Kolumne: Wie das Bildungsministerium mehr Erzieher und Erzieherinnen finden will und was Fachleute davon halten.

Personal fehlt nicht nur am Frankfurter Flughafen oder in der Kneipe, sondern auch in den Kitas. Spätestens dann, wenn die Kleinen aus dem Kindergarten früher abgeholt werden müssen, weil nicht genug Erzieherinnen und Erzieher da sind zur Betreuung, bemerken das auch die Eltern. Die aber, die in der Kita arbeiten, spüren die Belastung durch zu wenig Personal schon lange. Nicht wenigen stinkt das so sehr, dass sie ihren Job an den Nagel hängen – obwohl ihnen ihr Beruf einmal Spaß gemacht hat und die Arbeit mit Kindern es immer noch tut. Was also tun?

Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium, das wie der Name schon sagt, dafür zuständig ist, wird nicht müde zu betonen, dass jetzt immer mehr junge Menschen auch in einer dualen Erzieher-Ausbildung stecken und damit schon während des Lernens für den Beruf in selbigem arbeiten. Sprich, sie können gleich tatkräftig das Personal in der Kita unterstützen und noch dazu erfahren, wie die Realität in der Kita so aussieht.

Tatkräftiges Handeln oder Aktionismus?

Aber weil die Anzahl der Absolventen nicht ausreichen wird und man Erzieherinnen weder aus dem Hut zaubern noch sie backen kann, hat man sich in Mainz Gedanken gemacht. Das Ergebnis heißt „Aktionsforum zur Fachkräftesicherung und -gewinnung“ und Fachkräftekampagne. Toll. Oder? Was das bedeutet, wird wortreich erklärt. Verständlicher wird es nicht. Aktion wie action? Tatkräftiges Handeln oder Aktionismus? Es muss sich zeigen, wie erfolgreich das Ministerium damit sein wird.

Mit einer Frau an der Spitze, die noch nicht einmal weiß, wie viel Personal genau fehlt. Im Ausschuss am Landtag gefragt nach einer Zahl, musste die Ministerin jüngst passen. Sie konnte immerhin sagen, dass sie am Ende des Jahres schlauer sein wird und dass es bei der Agentur für Arbeit landesweit aktuell rund 900 Stellenanzeigen für ErzieherInnen gibt. Diese Zahl hat nicht das Ministerium errechnet, sondern der Kita-Fachkräfteverband, dessen Akteure sich bei aller Kritik an der Bildungspolitik der Regierung langsam Respekt verschafft haben.

Kritikerin: Kitschige Kampagne braucht es nicht

Ministerin Stefanie Hubig (SPD) will also im Herbst mit einer Kampagne für 500.000 Euro für mehr Fachkräfte für die Arbeit mit den Kleinsten werben und zugleich das Image des Berufs aufpolieren. Die Vorsitzende des Kita-Fachkräfteverbands Rheinland-Pfalz, Claudia Theobald, die seit Jahrzehnten in Haßloch in einer Kita arbeitet, warnt schon mal, bevor das Konzept für die Werbung steht: Eine kitschige und romantisierende „Kinder sind sooo süß“-Kampagne sei zum Scheitern verurteilt. „Wer damit in die Ausbildung geht, wird bitter enttäuscht werden und sich schwertun, durchzuhalten“, prophezeit sie.

In Mainz verlässt man sich aber nicht nur auf die Kampagne. Es gibt auch zwei Gesetzesänderungen. Das eine sieht vor, dass Vertretungspersonal nun nicht nach sechs Monaten wieder vor die Tür gesetzt werden muss, sondern länger bleiben darf. Die Regelung gilt zumindest bis 2028. Und in kleinen Kitas müssen nicht immer zwei pädagogische Fachkräfte zeitgleich da sein, sondern eine Fachkraft plus Assistenz genügen. Die CDU hat das Vorgehen schon einmal als Absenkung der Qualitätsanforderung bezeichnet. Eine junge Erzieherin interessiert diese Debatte nicht mehr, sie sucht einen neuen Job an einer Schule. Auch dort fehlen Fachkräfte; sie wird also bald etwas finden.

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