Neustadt / Ilbesheim / Brüssel
Kupferfreies Spritzmittel: CDU und Grüne verbünden sich
Jetzt ist die kritische Phase für die Traubenblüte: Wenn es zu feucht ist, droht der Falsche Mehltau ihr zuzusetzen. Der Schlechtwetterpilz liebt feuchte Bedingungen und kann viele Pflanzen treffen, darunter Gemüse, Zierpflanzen und Weinreben. Bei schwerem Befall kann dies zum Absterben der Blüten führen – und zu einem wirtschaftlichen Totalschaden.
Wie lässt sich der verhindern? Wer die Pflanzenkrankheit in seinem Wingert an den verfärbten Blättern entdeckt, kann als konventionell arbeitender Winzer laut der Beratungsstelle DLR in Neustadt auf rund 40 Spritzmittel zurückgreifen. Ein Ökobetrieb dagegen hat nur drei zur Auswahl – sie alle enthalten Kupfer als Wirkstoff. Kupfer ist zwar ein natürlich vorkommendes Element, aber eben ein Schwermetall. Alle Lebewesen brauchen Kupfer: Es ist wichtig für die Funktion von Gehirn und Nerven, den Aufbau von Knochen und es beeinflusst den Sauerstofftransport.
Hohe Dosen Kupfer können gesundheitsschädlich sein
Da es vom Körper nicht selbst gebildet wird, muss es über die Nahrung aufgenommen werden – Kakaopulver, Cashewkerne oder Schweineleber etwa sind reich an Kupfer.
Selbst Ökowinzer sehen den Einsatz des Schwermetalls aber kritisch, weil es sich im Boden anreichert und auch im Wein zu finden sein kann. Überhöhte Gehalte jedoch können zu Trübungen führen, haben einen bitter-metallischen Geschmack und können laut Bundesamt für Risikobewertung längerfristig gesundheitsschädlich sein. Da käme eine alternative oder zusätzliche Substanz gegen den Falschen Mehltau gerade recht.
Denn bei Winzern herrscht ohnehin gedrückte Stimmung. Der Weinabsatz sinkt. „Die klassische Zielgruppe der Weintrinker altert und schrumpft“, klagt der Deutsche Weinbauverband. Hinzu kommt allgemein ein größeres Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung. Kopfzerbrechen bereitet zudem US-Präsident Donald Trump mit seiner Zollpolitik.
Zu kämpfen haben Winzer europaweit auch mit den Folgen des Klimawandels. Der stellt vor allem die Öko-Weinbauern vor große Herausforderungen. Immer häufiger kommt es zu feucht-warmen Phasen, die die Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten begünstigen, doch Ökowinzer müssen nicht nur auf Unkraut- und Insektenvernichter verzichten, sondern dürfen im Weinberg lediglich „natürliche“ Mittel wie Backpulver, Schwefel und Kupfer verwenden.
Erprobtes, kupferfreies Mittel bereits auf dem Markt
Besonders bitter für sie mag sein, dass mit Kaliumphosphonat ein erprobter, effektiver, synthetisch hergestellter, kupferfreier und relativ unbedenklicher Wirkstoff gegen die Pflanzenkrankheit Falscher Mehltau auf dem Markt ist. Dessen Einsatz jedoch wurde von der Europäischen Union im Bioanbau vor über zehn Jahren verboten – wegen einer Neueinstufung, die nicht toxikologisch begründet ist.
„Das war eine fatale Entscheidung, die wieder rückgängig gemacht werden muss“, konstatiert Martin Häusling, Europaabgeordneter der Grünen. Mit ihm setzt sich seine aus Landau stammende CDU-Kollegin Christine Schneider für eine Änderung ein. „Wir müssen gemeinsam an einem Strang ziehen“, sagt sie. Häusling beklagt die ideologisierten Debatten in diesem Bereich. Oft werde er mit dem Vorwurf konfrontiert, dass mit der Forderung nach einem breiteren Werkzeugkasten zum Schutz der Reben der Ruf des Öko-Weinbaus ruiniert werde. Eine Aussage, die er für völlig überzogen hält.
Auch Bioverbände Demeter und Ecovin sind für die Zulassung
Auch Demeter, der älteste Bioverband Deutschlands, ist für die Zulassung und sagt: „In Deutschland, Luxemburg, Tschechien und Österreich gibt es eine Mehrheit unter Öko-Winzerbetrieben für die Zulassung von Kaliumphosphonat.“ Alle Untersuchungen zu Rückständen nach dem Einsatz des Mittels lägen weit unter den gesetzlichen Grenzwerten und würden nach Untersuchungen des Julius-Kühn-Instituts, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, als gesundheitlich nicht bedenklich eingestuft.
„Hätten wir das Mittel in den feuchten Jahren 2016, 2021 oder 2023 anwenden können, hätte dies vielen Betrieben die Ernten gerettet“, sagt Ralph Dejas, Geschäftsführer des Bundesverbandes Ökologischer Winzer Ecovin.
Was Pfälzer Winzer sagen
In der Pfalz findet die Forderung nach der Mittel-Zulassung unter den Winzern breite Zustimmung – auch innerhalb des Verbands der Prädikatsweingüter (VDP) Pfalz. Beim VDP sind eigenen Angaben nach rund 70 Prozent der Rebflächen bio-zertifiziert. In der Branche wird vor allem argumentiert, das Schwermetall Kupfer dann zu Anfang der Vegetation reduzieren zu können: Je nach Wetterbedingungen sprechen etwa Franz Braun aus Ranschbach oder Boris Kranz aus Ilbesheim, beide Südliche Weinstraße, von einem Einsparpotential zwischen zehn und 50 Prozent. „Kaliumphosphonat würde uns Sicherheit bringen“, sagt Kranz, VDP-Winzer mit 25 Hektar Rebfläche und Vizepräsident des Weinbauverbandes Pfalz. Dank des aktuell guten Wetters habe er in diesem Jahr bisher fast kein Kupfer gebraucht.
Rückendeckung bekommen die Winzer, Verbände und die beiden EU-Parlamentarier auch aus mehreren EU-Staaten und von der deutschen Regierung. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hat im Herbst 2024 bei der EU-Kommission einen Zulassungsantrag für Kaliumphosphonat im Öko-Weinbau eingereicht. Die CDU-Politikerin Schneider hofft, dass nach vielen Jahren der fruchtlosen Diskussion die EU nun in die Gänge kommt.