Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Kolumne: Warum Ludwigshafen gar keine Probleme hat

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Karikatur: Mercker

Was manche Leute als Problem schmähen, ist eigentlich nur eine Lösung im Anfangsstadium. Weshalb Ludwigshafen keine Stadt in der Brösel-Brücken-Bredouille ist, sondern als Trendsetter-Metropole die große Verkehrswende wagt. Ihre Fußgängerzone wiederum ist auch nicht in Leerstands-Lähmung verfallen. Sie präsentiert sich vielmehr als Flaniermeile, die sich weitgehend vom schnöden Kommerz befreit hat. Und mit der Lutherkirchen-Turmuhr hat es ebenfalls eine ganz spezielle Bewandtnis.

Reparatur der Turmuhr gescheitert

Deren vier Ziffernblätter zeigen der Innenstadt nun schon seit Wochen ganz und gar zuverlässig jeweils ganz und gar unterschiedliche Zeiten an. Vor wenigen Tagen erst haben Mechaniker noch einmal versucht, sie allesamt wieder zur mitteleuropäischen Zeitzone zu bekehren. Was auch gelang, aber nur vorübergehend: Kaum waren die Handwerker entschwunden, fanden die eigensinnigen Zeiger-Paare zu ihrem je eigenen Rhythmus zurück. Aber eigentlich haben sie sich nur auf die Erfordernisse der Gegenwart eingestellt.

Jahrhundertelang begnügten sich die Mitteleuropäer im Alltag mit einer recht vagen Zeiteinteilung, für die sie sich am Sonnenstand oder am Morgen-, Mittags- und Abendläuten der Kirche ihres Dorfes orientierten. Einen minutengenauen, mit dem Rest der Welt abgestimmten und weithin sichtbaren Zeitanzeiger benötigten sie mithin erst, als die Moderne heranschnaubte. Denn die kam oft als Dampflok und mithin stur nach Fahrplan. Doch dieses Konzept aus dem 19. Jahrhundert hat die Deutsche Bahn mittlerweile überwunden.

So sind die Züge eher pünktlich

In der Postmoderne lässt sie jeden einzelnen ihrer Züge durch sein individuelles Raum-Zeit-Kontinuum rattern. Und die Lutherkirchen-Uhr bietet jetzt eine Lösung im Anfangsstadium für alle Fahrgäste, die deshalb ständig über die angeblichen Verspätungen schimpfen. Denn pünktlich ist ein Zug, wenn er in dem Moment abfährt, in dem die Uhr jene Zeit anzeigt, die auf dem Fahrplan abgedruckt ist. Und die Wahrscheinlichkeit dafür ist in Ludwigshafen jetzt, immerhin, viermal höher als im übrigen Deutschland.

Ganz nebenbei übertrifft die Chemiestadt damit aber auch noch Rom. Denn die Vorderseite des Petersdoms zieren ebenfalls Ziffernblätter, die sich beständig widersprechen: Nur auf der linken Seite der Fassade wird anzeigt, was den meisten Leuten als gerade zutreffende Uhrzeit gilt. Während rechts ein einzelner Zeiger einsam seine wunderlichen Runden dreht. Gebraucht wurde er, weil einst in Italien anders gerechnet wurde: Ein neuer Tag und mit ihm die neue Stundenzählung begann schon kurz nach dem abendlichen Sonnenuntergang.

Warum die „Tortenschachtel“ wegmusste

Ob die zweite Petersdom-Uhr heute noch diese „italienischen Stunden“ oder eher irgendetwas anzeigt, darüber sind sich selbst kirchennahe Berichterstatter uneins. Aber so oder so: Ludwigshafen hat mit gleich vier verschiedenen Zeiten den Vatikan nun klar übertroffen. Also könnte der Papst seine ohnehin ungeliebte Kurien-Truppe verlassen und sich in der größten Stadt der Pfalz niederlassen. Womit sich im Nachhinein erschließt, warum die „Tortenschachtel“, der elegante Kaufhaus-Rundbau aus den 1950ern, weggerissen wurde.

Dass am Berliner Platz seit knapp fünf Jahren statt des als Ersatz versprochenen (oder auch: angedrohten) Metropol-Hochhauses ein gigantisches Loch herumödet, ist gar kein städtebauliches Problem, sondern eine Lösung im Anfangsstadium. Für den Fall, dass der Papst in Ludwigshafen eine große Freifläche als Ersatz-Petersplatz braucht.

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