Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Kolumne: Fleischlos anno 1988

91-129058922_becker.jpg

An dieser Stelle müssen wir heute eine Ausnahme machen. Wir wollen nicht außerhalb des Protokolls berichten, nicht das Ungewöhnliche oder Merkwürdige, nicht das Nebensächliche am Rande des landespolitischen Geschehens. Heute wollen wir direkt hineinschauen in Protokolle über Sitzungen des rheinland-pfälzischen Landtags. Wir haben uns auf die Suche gemacht nach originellen und vergnüglichen Sprüchen, wie sie früheren Abgeordneten über die Lippen gekommen sind. Dabei haben wir gelernt: Eigentlich war es schon immer so wie es auch heute noch ist. Schlappe drei Jahrzehnte sind keine Zeit.

Nehmen wir als Beispiel das Klima. Die Erderwärmung und die drohenden Folgen beschäftigen heute fast alle Parteien. Die Grünen sahen das Problem schon lange voraus. So eröffnete bereits im Sommer 1987 deren damalige Abgeordnete Gisela Bill einen Redebeitrag mit den Worten: „Ich hoffe, ich bekomme noch etwas auf die Reihe. Ich bin schon leicht klimageschädigt.“ Um die Umwelt ging es an diesem heißen Sommertag allerdings nicht, sondern ums Thema Gleichberechtigung.

Vollwertkost und Fahrverbote: Es tat sich nichts

Apropos Grüne. Vor einigen Jahren zog sich die Fraktion, damals gerade in Regierungsmitverantwortung gekommen, mit der Forderung nach einem fleischlosen Tag im Landtagsrestaurant viel Spott zu. Die Idee war gar nicht neu: Schon 1988 regten die Grünen Vollwertkost für die Volksvertreter an. Dennoch isst bis heute jede und jeder, was er will.

Nehmen wir die Dauerbrenner Fahrverbote und Tempolimits auf Autobahnen. Seit Jahrzehnten reden sich Politiker damit laut und gerne die Köpfe heiß. Schon 1988 ließ ein SPD-Mann anlässlich einer Debatte übers Waldsterben und eingedenk des Slogans „Freie Fahrt für freie Bürger“ vernehmen: Es werde gesagt, deutsche Autobahnen seien „die größte offene Psychiatrie der Welt. Es scheint was dran zu sein.“

Und was beklagte man ausweislich der Landtagsprotokolle bereits vor mehr als 30 Jahren, ohne dass die Themen inzwischen erledigt sind? Dass die Verkehrsinfrastruktur in Eifel und Westpfalz unzureichend sind, ebenso wie die Tatsache, dass Defizite in der Informationstechnologie ein Standortnachteil sind.

Einst haben sich Grüne und FDP scharf attackiert

Und noch eines hat sich kaum geändert: Der politische Gegner wird mit Fantasie und Eifer attackiert. FDP und Grüne schmiegen sich seit 2016 in einer Wohlfühlen-Koalition aneinander und würden sich kein Haar krümmen. Und so sprachen sie in der Vergangenheit über sich: „Was haben Sie von uns einmal gesagt, wir wären ein Blinddarm oder irgendwas? Da kann ich nur sagen: Die FDP ist ein Fettauge. Sie schwimmen auf jeder Brühe oben.“

Eines hatten die Altvorderen den heutigen Abgeordneten voraus: mehr Sitzfleisch, wenn es darum ging, im Plenum Redeschlachten zu schlagen. So versuchte der SPD-Abgeordnete Willi Schmidt bei der Haushaltsdebatte 1990 zu fortgeschrittener Stunde mit Versen die Aufmerksamkeit des hohen Haus auf sich zu ziehen: „Die Mitternacht zieht näher schon, doch hier dröhnt noch das Mikrofon; denn hier im alten Deutschhausschloss, da ist noch immer etwas los. Hier oben in dem Plenumsaal, da reden sie noch allzumal.“

x