Rheinland-Pfalz
Kolumne: Die Rheinland-Pfälzer sollen Spaß an der Arbeit haben – stimmt das?
Trau keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast. Ein altbekannter Satz, der darauf abzielt, bei Zahlen, Rankings und Studien genau hinzuschauen. Denn selbst frei erfundene Studien wurden schon veröffentlicht. Konservative Politiker wischen sich den Po eher mit der linken Hand ab, Linke nehmen die rechte. Mit dieser abstrusen These narrten Forscher ein Fachmagazin, wie der Spiegel 2018 berichtete. Die Qualitätsprüfung hatte bei dem Fachblatt versagt. Selbst der Erfinder war überrascht, dass er mit seiner Fantasiegeschichte landen konnte.
So steht es um Chipsesser und Kaviarfans
Je steiler die These, desto eher reizt sie zur Veröffentlichung. Im Nachhinein betrachtet, kommt es bei so mancher Untersuchung auch zu konstruierten Zusammenhängen oder unspektakulären Erkenntnissen. Etwa: Können Chipsesser besser rechnen? Und Kaviar ist weder gesund noch ungesund. Na und? Die Versuchung ist groß, kleinste Tendenzen aufzubauschen, damit eine kräftige Schlagzeile daraus werden kann.
„Arbeiten, um zu leben“
Aufpassen heißt es selbst bei seriösen und repräsentativen Studien. Denn nur weil sie methodisch korrekt erarbeitet wurden, sind sie nicht automatisch von Belang. Aber solche Studien sind teuer und am Ende sollen sie bestmögliche Resonanz finden. Beliebt ist, bundesweite Studien „runterzubrechen“ auf Bundesländer oder Regionen. So geschehen mit einer Deutschland-Studie Berufe 2019 im Auftrag des Versicherers HDI. Für die Rheinland-Pfälzer lautet deren Resultat: Ihnen macht der Job mehr Spaß als allen anderen. Spitze in Deutschland. Wirklich? Untermauert wird das Ganze damit, dass der Rheinland-Pfälzer laut Studie so gut wie kein anderer der Maxime folge, „arbeiten, um zu leben“ – nicht umgekehrt. So denken 76 der Berufstätigen im Land, im Bundesschnitt nur 71.
Was sagt man bei Opel in Kaiserslautern?
Und wo sind die spaßerfüllten Arbeitnehmer hierzulande? Bei Opel in Kaiserslautern stehen die Ergebnisse einer Mitarbeiterbefragung noch aus. Die meisten seien motiviert und engagiert, drohender Stellenabbau und Fragen zur Zukunftsperspektive wirkten sich „schon auf die Stimmung aus“, heiß es dort. Spaß klingt anders.
... und bei der BASF in Ludwigshafen?
Und die BASF als größter Arbeitgeber der Region? Der Konzern antwortet wortreich ... sagt aber nichts. Dabei will der Chemiegigant seit über zehn Jahren von seinen Mitarbeitern wissen, wie und wo es hakt. Die vorletzte Umfrage war 2015, die jüngste erst im September. Pech, die Ergebnisse werden erst im Februar veröffentlicht – sprechen die Bände? Das Westpfalzklinikum in Kaiserslautern mit Standorten in Kusel, Kirchheimbolanden und Rockenhausen und den über 4000 Mitarbeitern ist ehrlich: Überdurchschnittlich viel Spaß bei der Arbeit? – „Dies können wir nach unserer Umfrage leider nicht bestätigen“, sagt das Klinikum als Teil einer unter Fachkräftemangel und hoher Arbeitsbelastung leidenden Branche.
Das passt schon eher zum HDI-Studienergebnis: In keinem anderen Bundesland klagten Arbeitnehmer so massiv über Überforderung – jeder Zweite. Und: Auch Ärger mit Vorgesetzten werde nirgendwo so stark wie in unserem Land als einer der Hauptgründe für die berufliche Belastung empfunden.
Wohlfühloasen für Familien: Neustadt und Speyer
Trotz allem sind die Rheinland-Pfälzer ihrem Job treu. Und sie suchen sich den Arbeitsplatz stärker danach aus, wie viel Kohle sich verdienen lässt. Das tun die Baden-Württemberger übrigens nicht. Sie suchen laut Studie häufiger nach einer Erfüllung. Ob die Menschen dort glücklicher sind? Das aber hängt bekanntlich eher vom Mikrokosmos ab aus Familie, Gemeinschaft, Gesundheit. Dabei sind die Deutschen allgemein auf einem Zufriedenheitshoch. Familien wohnen angeblich am besten in Speyer und Neustadt. Die beiden Städte rangieren deutschlandweit auf Platz vier und fünf. Ihr Sexleben bewerten die Rheinland-Pfälzer dagegen nur mit Note drei. Aber das sind wieder ganz andere Studien ... Simone Schmidt