Rheinland-Pfalz
Italienische Gastarbeiter: „Wir haben immer gesagt, dass wir irgendwann zurückgehen“
„Wir haben immer gesagt, dass wir irgendwann nach Italien zurückgehen. Aber das ist nie passiert“, erzählt der heute 85-jährige Vito Contento. Er stammt aus einer Bauernfamilie in Alberobello in Apulien und ist gelernter Hotelfachmann. Als er 20 Jahre alt ist, kommt für ihn die große Chance: Deutsche Hotels suchen italienische Arbeitskräfte. Um einen Arbeitsvertrag zu bekommen, müssen sich Contento und viele andere junge Männer damals mehreren Gesundheitsprüfungen stellen. „Wir standen reihenweise in Unterwäsche im Hof. Sogar in den Mund haben sie uns geschaut, um zu prüfen, ob unsere Zähne in Ordnung sind“, erinnert sich Contento. Nach den bestandenen Prüfungen erhält er 1961 seinen Vertrag als Gastarbeiter für ein Hotel in Koblenz. „Das war für mich die große Chance.“
Über 70 Jahre ist es nun her, dass am 20. Dezember 1955 das erste Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien geschlossen wurde. Kurz darauf kamen erstmals Gastarbeiter nach Deutschland. Später folgten Abkommen mit Griechenland, Spanien und der Türkei. Insgesamt wanderten 14 Millionen Gastarbeiter ein, elf Millionen kehrten in ihre Heimat zurück, sagt Integrationsministerin Katharina Binz (Grüne) bei einer Jubiläumsveranstaltung jüngst in Mainz. „Man nannte sie Gastarbeiter, weil man davon ausging, dass sie nach getaner Arbeit wieder gehen.“ Bald sei jedoch klar gewesen, dass die zunächst auf ein bis zwei Jahre befristeten Verträge verlängert werden müssen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.
Lange über Rückkehr nach Italien nachgedacht
Daher begannen ab 1973 dann die Familienzusammenführungen, berichtet der italienische Generalkonsul Massimo Darchini. Aus Italien selbst kamen insgesamt fast vier Millionen Gastarbeiter. „Deutschland hatte viele Arbeitsplätze anzubieten und viele Italiener haben Arbeit gesucht“, so Darchini. Rund 80 Prozent der Italiener seien wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Heute lebten noch mehr als 600.000 Italiener in Deutschland.
Auch Contento blieb. Vier Jahre lang arbeitete er in einem Hotel, bis er seine Dolmetscherprüfung ablegte. „Das fand ich so schön in Deutschland: Wenn man sich richtig angestrengt hat, konnte man auch etwas erreichen“, sagt Contento. 1968 begann er bei einer Caritas-Beratungsstelle zu arbeiten, merkt jedoch bald: „Wenn ich hier weiterkommen will, muss ich studieren.“ Er studiert Sozialpädagogik an der Fachhochschule Koblenz – als erster Italiener. Mehr als 20 Jahre lang denkt er noch an eine Rückkehr. „Bis ich verstanden habe, dass das nicht passieren wird. Das ist wohl ein Phänomen meiner Generation.“ Zwar liebt er die italienische Kultur und verbringt lange Urlaube in der Heimat, aber vieles lasse sich nicht mehr vereinbaren. „Schon die Sozialversorgung und die medizinischen Möglichkeiten sind hier besser“, sagt er. „Sobald man hier Familie und Freunde hat, gibt man das nicht so leicht auf.“
Ludwigshafen: Viele junge italienische Familien
Damals gab es kaum Integrationsprogramme, sagt Binz. Umso wichtiger waren Netzwerke – zwischen Italienern, aber auch zwischen Deutschen und Italienern. Dazu gehört auch die Arbeit von Silva Burrini. Mit 16 Jahren kam sie 1957 nach Deutschland und wohnte bei einer italienischen Familie. Die Kinder sollten durch sie Italienisch lernen, sie selbst Deutsch. „Das war meine Chance, etwas anderes zu sehen. In dieser Zeit habe ich viele Italiener und ihre Probleme kennengelernt. Ich wusste, dass ich irgendwie helfen will“, erzählt Burrini. Nach eineinhalb Jahren kehrt sie für kurze Zeit nach Italien zurück, bis sie 1963 in Freiburg bei der Caritas als Sozialarbeiterin zu arbeiten beginnt. Nach zehn Jahren kehrt sie nach Italien zurück, um Sozialdienst zu studieren. Dann geht es für sie aber wieder nach Deutschland. Diesmal nach Ludwigshafen, wo 1979 viele junge italienische Familien leben. Dort gründet sie eine Hausaufgabenhilfe für italienische Kinder. „Oft kamen sie in der Schule nicht weiter, wiederholten Klassen oder wechselten die Schule“, sagt sie. Täglich kamen 30 Kinder an fünf Tagen in der Woche nach der Schule, um Deutsch mit ihr zu lernen. Noch bis 2020 hat sie bei der Hausaufgabenbetreuung ehrenamtlich mitgearbeitet.
Viele Gastarbeiter der 1960er-Jahre sind in jungen Jahren nach Deutschland gekommen, viele von ihnen sind bereits verstorben. Heute leben jedoch noch viele ihrer Kinder und Angehörigen in Deutschland. So wie Ada Gelmini-Hammann, die Tochter des ehemaligen Gastarbeiters Emilio Gelmini. Er kam 1960 mit 28 Jahren nach Deutschland, angelockt von BASF-Werbung im Heimatdorf Mori nahe des Gardasees. Mit zwei Koffern reist er nach Ludwigshafen und beginnt im Farbenbau zu arbeiten. Einer seiner Koffer ziert heute noch das Esszimmer seiner Tochter.
„Er hat immer von den Baracken erzählt, in denen sie in Ludwigshafen untergebracht waren“, erinnert sie sich. Oft sei es laut und stressig gewesen. Schließlich waren sie oft zu sechst in einem kleinen Zimmer untergebracht. Es habe mehrere solcher Wohnheime gegeben, die die Gastarbeiter auch nach ihrer Nationalität trennten.
Nach Angaben der BASF wurden im März 1960 genau 641 Italiener in Ludwigshafen eingestellt, im April 1961 folgten 219 Griechen. In der BASF lernt Emilio einen Deutschen kennen, der im Krieg in Italien war und Italienisch spricht. Er vermittelt ihm eine Wohnung in Lachen-Speyerdorf bei Neustadt – dort lernt er Ute kennen. Sie heiraten vier Wochen vor der Geburt ihrer Tochter Ada, später folgt Tochter Claudia. Bis zu seinem Tod sind sie fast 50 Jahre verheiratet. „Emilio war 16 Jahre älter als ich, das Gerede im Dorf war natürlich groß. Auch unsere Eltern haben sich Sorgen gemacht, ob wir das hinbekommen. Aber für uns war das von Anfang an kein Problem“, erzählt seine Witwe Ute Gelmini lachend. Oft reisen sie nach Italien und besuchen die große Familie. „Einmal wollte Emilio nach Italien zurückziehen, aber die Kinder waren schon in der Schule. Daher wollte ich das nicht mehr.“ Neustadt wurde zu seiner Heimat, er fand viele Freunde und hat lange in der Haßlocher Dosenfabrik Schmalbach gearbeitet. „Kaum waren wir drei Tage in Italien im Urlaub, da wollte er auch schon wieder zurück nach Hause“, erinnert sich Ute Gelmini.