Rheinland-Pfalz
Interview: Als Mann High Heels tragen? "Im Job undenkbar"
Helge Buchholz (47) aus Mainz ist Familienvater ein ganz normaler Angestellter. Er sagt: „Ich trage gerne High Heels.“ RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Antonia Kurz hat mit ihm gesprochen.
Weil sie mir gefallen. Ich mag das Gefühl, hinein zu schlüpfen, eine andere Körperposition einzunehmen und eine ganz andere Körperspannung zu haben.
Wie läuft es sich als Mann mit hohen Schuhen?
Der Gang ist aufrechter, erhabener; jeder Schritt bewusster. Ich würde nicht sagen, wie inszeniert, aber doch mit mehr Ausdruck.
Mögen Sie das laute Klackern der Schuhe?
Es ist mir zumindest nicht mehr peinlich, mit laut klappernden Absätzen einen Raum zu durchschreiten und dafür zu sorgen, dass alle Augen auf mich und auf meine Schuhe gerichtet sind. Aber so manches Mal und besonders bei den Alltagsschuhen wären mir leisere Absätze lieber.
Sind die Schuhe nicht unbequem? Tun die Füße nicht weh?
Ja und nein. Zum einen sollten die Schuhe natürlich passen. Sprich: die richtige Größe und nicht notgedrungen ein Schnäppchen oder gar aus falschem Stolz die viel zu kleine Schuhgröße. Ebenso kommt es auf die Absatzhöhe an.
Gibt es bereits Einschränkungen oder gesundheitliche Probleme?
Nein. Zum Glück nicht. So sehr ich hohe Schuhe auch mag und liebe – ich bin dennoch öfter mit Sneakern anzutreffen als mit Pumps. Die Mischung macht’s und dadurch haben die Füße auch wieder Zeit sich zu regenerieren.
Zu welchen Gelegenheiten tragen Sie hohe Schuhe?
Je nach Einsatzzweck und Tageslaune. Für das Rangieren mit vollem Einkaufswagen, für lange Strecken und/ oder der Notwendigkeit, mal einen Sprint hinlegen zu müssen sind High Heels die denkbar schlechteste Schuhwahl. Wenn ich jedoch gut in der Zeit bin und ich auch keine langen Fußwege erwarte, sind hohe Schuhe durchaus eine Option. Auch abends, zum Weggehen eine schicke Alternative.
Wie hoch sind die höchsten Schuhe?
Die Pumps mit dem höchsten Absatz haben 13,5 Zentimeter . Die wollte ich unbedingt mal haben, haben auch relativ viel Geld gekostet, aber taugen für mich mehr zum Stehen.
Tragen sie auch andere Kleidungsstücke aus dem Damensortiment?
Mein Fokus sind ganz klar die Schuhe. Feinstrümpfe sind eine hilfreiche Ergänzung, um in die Schuhe leichter reinzukommen und sie angenehmer zu tragen. Im Rock sieht man mich eher selten.
Wann kauften Sie sich die ersten eigenen Schuhe dieser Art?
Mit 18 Jahren. Still und heimlich in einem Kaufhaus. Einfach ein Paar geschnappt und ab zur Kasse! Puls bei 300. Nasse Hände. Angstschweiß. Und zuhause festgestellt: die Schuhe sind trotz der Auszeichnung mindestens zwei Nummern zu klein! Aber ich hatte damals keinen Mut, die Schuhe umzutauschen.
Wann sind Sie das erste Mal hochhackig vor die Tür getreten?
Die ersten zaghaften Schritt gab es wohl so mit Anfang zwanzig. Nachts mit dem Fahrrad irgendwo heimlich die Schuhe gewechselt und mich dann mal mit hohen Schuhen draußen bewegt. Bestenfalls mal ein paar Meter geklappert und dann schon wieder mit dem Rad abgehauen.
Tragen Sie auch im Job High Heels?
Nein, das ist im Job weiterhin undenkbar oder zumindest nur ein schöner Traum. Das dauerte noch ein paar weitere Jahre.
Wie reagiert die Umwelt auf Sie?
Besser und offener als man glaubt. 70 Prozent bekommen es gar nicht mit. 20 Prozent reagieren mit einem kurzen Schockmoment. Die restlichen zehn Prozent teilen sich auf in: sieben Prozent, die es mit einem erheiterten Gesichtsausdruck zur Kenntnis nehmen, und den restlichen drei Prozent, die sich noch einmal umdrehen müssen, weil sie es beim ersten Mal gar nicht glauben konnten.
Gibt es auch negative Reaktionen?
Ja, aber die sind in der Unterzahl. Wenn dann eher von Teenagern. Oder von Kleingeistern. Damit kann ich leben.
Seit wann gibt es das Forum „www.men-on-high-heels.de“?
Seit Dezember 2012.
Wie viele Mitglieder hat das Forum?
Aktuell etwa 260 User. Die Zahl der täglichen Gäste und unangemeldeten User ist zwei- bis dreimal so hoch.
Warum wurde das Forum gegründet?
Die bis dahin existierenden Foren waren eher fetischlastig. Dort galt: je höher die Absätze, desto besser. Als Claqeure für die Damen waren Herren erwünscht; bei eigenen Bildern und Geschichten aber verpönt und da wurden auf ein eigenes Unterforum reduziert. Wir wollten raus aus der Schmuddelecke und wir wollten das Thema nicht als Fetisch, sondern als modische Alternative verstanden wissen und uns darüber austauschen.
Was für Leute sind dort angemeldet?
Ich glaube, wir haben eine ganz gute Bandbreite durch alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen. Der Großteil versteht sich als klassisch heterosexuell und möchte auch als „normaler Mann“ wahrgenommen werden – selbst wenn Rock oder bunte Nägel dazu kommen.
Gibt es etwas, dass in unserer Kultur Frauen-untypisch ist und worüber Sie sich freuen würden, wenn diese es dürften?
Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was hierzulande noch Frauen-untypisch wäre. Selbst Knochenjobs wie Maurer und Gerüstbauer stehen Frauen genauso offen, wie Kampfjetpilot und Minentaucher. Umgekehrt wird vielleicht ein Schuh daraus: warum manche Berufe fast nur von Frauen besetzt sind, beispielsweise Kindergärtner/Innen. Oder warum Gleichberechtigung bei der Mode und in Berufen nicht stattfindet: Wo Frauen zwischen Hosen und Röcken wählen dürfen und Männer auch bei mehr als 30 Grad lange Hosen tragen sollen.