Rheinland-Pfalz
Inklusion: Alle Kinder sollen zusammen lernen – nur wie?
Die rheinland-pfälzische Landesregierung will mit zwei neuen Verordnungen Kinder mit Lernbehinderung stärker an Regelschulen einbinden statt an Förderschulen. Das hat das Bildungsministerium am Mittwoch angekündigt und in einer groß angelegten Kampagne sowohl Schulen als auch Fachverbände, Gewerkschaften und Medien informiert. Ein erster Überblick über die Pläne und die Kritik daran.
Was ist die Idee?
Ziel der Ampelregierung in Mainz ist, die Inklusion voranzubringen, damit Kinder mit einer Lern- oder anderen Behinderung/Beeinträchtigung zusammen mit anderen Kindern lernen können. „Wir wollen ein durchlässigeres Bildungssystem und möglichst wenig Sonderregelungen für Kinder mit Beeinträchtigungen“, sagte Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD). Die bisherigen Förderschulen sollen nicht abgeschafft werden, betont sie.
Was soll anders werden?
Vor allem Kinder, die mehr Zeit und mehr Hilfe brauchen beim Lernen, sollen zusammen mit Kindern aus ihrer Nachbarschaft eingeschult werden. Gutachten zum förderpädagogischen Bedarf soll es vor der ersten Klasse im Normalfall nicht mehr geben, sondern erst zum Beginn der zweiten Klasse. Auch in der weiterführenden Schule gilt: Erst nach der fünften Stufe soll ein möglicher Förderbedarf Lernen festgestellt werden.
Wie weit ist das Ganze?
Bisher liegt erst ein Entwurf der zwei neuen Verordnungen vor. Daran wird noch geschliffen werden. In Kraft treten sollen sie ab dem Schuljahr 2024/25 und betreffen vor allem Schüler und Schülerinnen mit dem Förderschwerpunkt Lernen.
Was ist mit Kindern, die schwer behindert sind oder mehrere Beeinträchtigungen haben?
Gerade solche Kinder werden auch laut Ministerium weiter besser an den Förderschulen mit ganzheitlicher Förderung aufgehoben sein. Bereits seit 2014 haben rheinland-pfälzische Eltern eine gesetzlich garantierte Wahlfreiheit darüber, ob sie ihr Kind an einer Förder- oder einer Regelschule anmelden möchten.
Müssen alle anderen Kinder in die Grundschule vor Ort?
Etliche Grundschulen haben schon jetzt den Status Schwerpunktschule, sie haben also pädagogische Fachkräfte oder Förderschullehrkräfte, die die „I-Kinder“, die Integrationskinder, unterstützen. Eltern, die ihr Kinder aber lieber an eine Förderschule Lernen schicken wollen, können dies weiterhin tun – dann mit einem Gutachten.
Gibt es dann mehr Lehrkräfte?
Ministerin Hubig verspricht 250 neue Planstellen, um das Mehr an Inklusion umsetzen zu können. Doch jetzt schon fehlen überall Lehrer und Lehrerinnen, es mangelt vor allem auch an Förderschullehrkräften, sagen Schulen, Gewerkschaften und Elternvertreter. Wie viele Förderschulkräfte genau fehlen, diese Frage beantwortete das Ministerium am Mittwoch auf Nachfrage nicht. Viele Regelschulen klagen, dass sie auch mehrfacher Hinsicht überlastet sind, ganz besonders drastisch ist es in sozialen Brennpunkten und in größeren Städten.
Welche Ideen gibt es noch?
Die Schulaufsicht ADD und das Ministerium haben nach RHEINPFALZ-Informationen angesichts der Personalnot auch abwegige Ideen in den Raum gestellt – etwa, dass Förderschullehrer versetzt werden könnten: von der Südpfalz stückweise in den Norden des Landes. Der Mangel soll „gleichmäßig verteilt werden“, habe die Schulaufsicht erklärt, so berichtet es unter anderem Sabine Mages, stellvertretende Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung VBE im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Laut Mages weiß man in Mainz offenbar nicht genau, wo das Personla für die neuen Pläne herkommen soll. Trotzdem hält sie Versetzungen von Förderschulpädagogen aus dem Süden in den Norden aber für eine „abwegige Idee“. Daher sei das nichts, das man tatsächlich angehen wollen werde. Auch arbeitsrechtlich wäre das nicht einfach umzusetzen.
Was sagt das Ministerium zu möglichen Versetzungsideen, um Förderschulpädagogen im Land zu verteilen?
Das Ministerium sagte dazu am Mittwoch auf mehrfache Nachfrage nichts, dementierte dies aber auch nicht.
Was sagen Kritiker noch?
Inklusion sei ein schöner Traum, aber die Realität eine andere. Die Schulen seien jetzt schon überlastet, sagt etwa auch die CDU-Fraktion im Landtag, das sei so nicht zu schaffen. Die AfD- und die CDU-Fraktion werfen der Ampelkoalition in Mainz vor, mit ihren Plänen zur Stärkung der Inklusion „über die Hintertür“ die Förderschulen zu wollen.
Ein gutes Beispiel, wie Inklusion an einer Pfälzer Schule schon gelebt wird, finden Sie hier