Rheinland-Pfalz Impfgegner und katholische Pfarrer

„Wann ist das Interview in der Zeitung?“ Die Kinder hatten ein fertig getipptes Interview tagelang ausgedruckt auf dem Küchentisch liegen sehen und sich, neugierig wie sie sind, gewundert, warum es noch nicht in der Zeitung erschienen ist. Sie wunderten sich noch viel mehr, als ich antwortete: „Wahrscheinlich gar nicht.“ „Wieso das?“ wollte jetzt auch mein Mann wissen. Eine junge Frau hatte sich als Impfgegnerin eineinhalb Stunden lang Fragen der Journalistin gestellt. Ganz offen. Danach hat sie sich jedoch nach reiflicher Überlegung von ihren Worten distanziert und das Interview nicht autorisiert. Daher kann es nicht gedruckt werden. Dass jemand den Abdruck des Dialogs im Nachhinein ablehnt, kommt im journalistischen Alltag eher selten vor. Denn: Ein Interview entsteht mit sorgfältiger Planung und der genauen Kenntnis auf beiden Seiten darüber, was Thema des Gesprächs sein soll. Der Interviewpartner stellt sich freiwillig den Fragen, ohne sie vorher zu kennen. Das Wortlaut-Interview ist die einzige journalistische Form, bei der die Gesprächspartner die Möglichkeit haben, es vor dem Abdruck zu lesen und Antworten zu verändern. Von dieser Option machen Medienprofis – Politiker, Stars, Wirtschaftsbosse – regelmäßig Gebrauch. Oft auch Wissenschaftler oder Menschen, die andere verbal scharf attackieren oder Personen, die sich mit ihren Worten auch selbst gefährden könnten. Für Letztere gibt es dann die Option, das Interview anonymisiert zu drucken. Der Wunsch von Gesprächspartnern, das Interview später überarbeiten zu wollen, ist jedoch eine Gratwanderung. Das Gesprochene soll authentisch sein, Zitate und Meinungen aus dem Gespräch unverfälscht widergegeben werden. Rein theoretisch sind massive Eingriffe möglich. Wann die Grenze zur Fälschung überschritten ist, muss jeder Journalist, jedes Redaktionsteam für sich entscheiden und in letzter Konsequenz eine Veröffentlichung ablehnen. Oft handelt es sich bei den Eingriffen jedoch um kleinere sprachliche oder fachliche Korrekturen. Vor Jahren, aber, nach einem Interview mit einem katholischen Pfarrer, gelang es nur nach zähem Verhandeln, eine seiner provokantesten Aussagen über Homosexuelle abdrucken zu können, und zwar so, wie er es gesagt hatte: „Ich teile seine Position (die des Papstes; Anm. d. Red.), dass Homosexualität eine Verhaltensauffälligkeit darstellt.“ Die Impfgegnerin, die sich jetzt distanziert hat, ließ dagegen gar nicht erst mit sich verhandeln. Mit den Worten „In großen Teilen sehe ich mich darin nicht gespiegelt“, beantwortete sie das Manuskript. Dabei waren hier ihre eigenen Antworten zusammengefasst – selbstverständlich und ganz legitim – zugespitzt. Zum Beispiel, dass sie die Schulmedizin nicht verdammt, aber möglichst ohne und stattdessen mit homöopathischen Mitteln auskommt. Oder: Ein Naturheilpraktiker soll sie damals als Tuberkulose krankes Kind behandelt und geheilt haben. Ihre eigene Tochter lässt sie deshalb nicht impfen, weil ihrer Meinung nach Impfungen riskant sind und sogar schuld daran seien, dass Krankheiten nicht ausgerottet werden. Und sie hatte gesagt, dass die Impfgegner, eine Minderheit, möglichst laut sein müssen gegen die Masse der Befürworter. Mit dem Interview hätte sie eine Chance gehabt, laut zu sein – aber sie nicht genutzt. Die junge Frau war keine Fanatikerin; keine, die anderen ihre Meinung aufzwängen will. Ganz gleich, wie man zu Impfgegnern und deren Thesen steht, sie verdienen es, auf kritische Fragen gehört zu werden. Kern der Demokratie ist der Schutz Andersdenkender. In einem Beitrag zum Thema Impfen im Magazin Geo war eine Journalistin und Ärztin zu dem Schluss gekommen, dass Behörden und Wissenschaftler, auch die Ständige Impfkommission mit ihren Impfempfehlungen, durch Kritiker gezwungen sind, noch korrekter und transparenter zu arbeiten. Auch Medien müssen sich immer wieder hinterfragen, wann ein Interview wegen geforderter – nachweislich sinnverfremdender – Eingriffe nicht mehr zu verantworten ist.