Kriminalität
Immer mehr Geldautomaten gesprengt: Wie Banken reagieren
Die neusten Fälle aus der Pfalz sind nur wenige Tage her. In Zweibrücken sprengten Täter am vergangenen Mittwoch einen Geldautomat der Sparkasse am Netto-Markt.
Auch in Bad Dürkheim schlugen Unbekannte am 18. Mai zu. Betroffen waren Automaten der Sparkasse und der VR-Bank. Den Schaden gibt das Polizeipräsidium Rheinpfalz in einer ersten, groben Schätzung, mit rund 270.000 Euro an beiden Gebäuden an.
Eine Empfehlung des Bundeskriminalamtes wurde vor Ort bereits umgesetzt: Die Selbstbedienungszone, zu der der betroffenene Automat zählte, war bereits von 23 bis 5 Uhr morgens geschlossen, wie VR-Bank Sprecher Andreas Schünhof erklärt. „Diese Maßnahme halten wir weiterhin als Prävention für sinnvoll und werden diese auf alle SB-Stellen im Geschäftsbereich ausweiten“, betont Schünhof. Dass die Täter aber trotzdem zuschlagen konnten, zeigt: „Einen 100-prozentigen Schutz wird es leider trotzdem nicht geben“, so der Banksprecher.
Sparkasse erhöht Schutz
Aber verbessern lässt er sich. Das versucht beispielsweise die Sparkasse Vorderpfalz und kündigt an, die Sicherheitsmaßnahmen an ihren 72 Geldautomaten noch einmal zu erhöhen. „Die neuen Maßnahmen beinhalten innvoative Abwehrmechanismen sowie bauliche, mechanische, elektronische und organisatorische Vorkehrungen“, teilt Sprecher Albert Schlarp mit. Detaillierte Angaben, was sich etwa hinter den innovativen Abwehrmechanismen verbirgt, macht das Geldinstitut aus Sicherheitsgründen nicht.
Auch andere Banken sind nicht untätig: Seit vor rund drei Jahren ein Geldautomat der Sparda-Bank in Kirchheimbolanden gespreng wurde, hat die Bank mit neuen Maßnahmen reagiert, darunter laut Sprecher Andreas Manthe ein Färbesystem für die Geldscheine.
Kleiner Schwarzmarkt für gefärbte Scheine
Möglichkeiten zum Schutz gibt es viele. Ein Papier des Bundesinnenministeriums listet die Klassiker auf: Videoüberwachung, Nachtverschluss der Selbstbedienungs-Foyers oder Reduktion des Bargeldbestandes. Zudem werden Systeme genannt, die Räume in dichten Nebel hüllen und so die Täter irritieren sollen. Eine weitere Maßnahme: Systeme, die die Scheine im Automaten mit Sicherheitstinte färben oder verkleben, sobald die Geldkasetten aufgebrochen werden.
Doch auch die Kriminellen entwickeln ihre Technik weiter: Es sei nicht auszuschließen, dass kleinere Mengen eingefärbter Banknoten wieder in Umlauf gebracht werden könnten, schreibt das Bundeskriminalamt (BKA) auf Anfrage. Chemisch von der Färbung gereinigte Banknoten seien jedoch „nicht mehr verkehrsfähig“. Der Schwarzmarkt sei eher klein, beschränke sich etwa auf Einzahlungen in Wechselautomaten oder Spielecasinos. Die Frage, ob verklebte Banknoten durch Lösungsmittel wieder getrennt werden könnten, ließe sich „mit derzeitigem Kenntnisstand nicht abschließend beantworten“.
Schutzblech aus Wittlich
Ein anderes Problem: Die Kriminellen verwenden statt Gas inzwischen fast ausschließlich Festsprengstoff, wie Franziska Knoll, Pressesprecherin des Sparkassenverbandes Rheinland-Pfalz, erläutert. Das führe „zu erheblichen Sach- und Gebäudeschäden sowie zu Gefahr für Unbeteiligte“. Verwüstete Räume wie in Zweibrücken am Mittwoch sind das Ergebnis.
Abhilfe schaffen könnte eine Erfindung aus Wittlich: Dort hat die ansässige Metallbaufirma Windhäuser ein vier bis fünf Millimeter dickes Schutzblech entwickelt. Das soll den Schlitz abdecken, den die Täter zum Aufhebeln der Automaten nutzen, um anschließend den Sprengstoff zu platzieren. „Wir haben etliche Anfragen erhalten, zum Beispiel aus Hildesheim oder dem Westerwald“, sagt Markus Otten, Geschäftsleiter im Bereich Planung und Vertrieb der Firma.
Noch fehlt das Zertifikat
Zur Effektivität des Bleches sagt das Landeskriminalamt (LKA) in einer ersten Einschätzung: Es könne eine Erhöhung des mechanischen Widerstandes darstellen. Allerdings fehlt dem Blech bislang eine Zertifizierung, ergänzt LKA-Sprecher Pascal Widder: „Ohne zertifizierte Prüfung durch ein akkreditiertes Prüfinstitut liegt aus Sicht des LKA keine belastbare Aussage über den Grad der Wirksamkeit vor.“
Auch im südwestpfälzischen Hornbach hat es kürzlich einen Automaten der Sparkasse erwischt. Dort setzt das Geldinstitut nun verstärkt auf eine mobile Lösung: Ein Bus pendelt zwischen den Orten Hornbach, Rieschweiler, Heltersberg und Trulben. Ist das sicherer? Das Landeskriminalamt ist zurückhaltend. Es lägen dazu keine belastbaren Informationen vor. Laut Sparkasse sei die fahrbahre Geschäftsstelle aber ohnehin nur eine Zwischenlösung, bis die vorhandenen Geldautomaten mit neuen Sicherheitsmaßnahmen ausgestattet sind.
Kein neues Phänomen
Geldautomatensprengungen sind kein neues Phänomen. „Die Fallzahlen befinden sich seit Jahren auf hohem Niveau“, sagt LKA-Sprecher Widder. Seit 2016 ist die Anzahl gesprengter Automaten fast jedes Jahr angestiegen. In diesem Jahr droht ein Negativrekord: Die Vorfälle in Zweibrücken, Hornbach und Bad Dürkheim sind nur drei aktuelle von insgesamt 24 Fällen in Rheinland-Pfalz 2023. Damit sind es laut LKA schon jetzt fünf mehr als im Vorjahreszeitraum. Geschätzter Schaden: Rund 2,7 Millionen Euro.
Auch die Politik will sich dem Thema verstärkt widmen. Bereits Ende Januar gab es ein runden Tisch von Innenministerium, Landeskriminalamt und den Dachverbänden der Banken in Rheinland-Pfalz. Man schloss eine Kooperationsvereinbarung, einigte sich auf umfassende Informationsübermittlung. Herausgekommen ist bisher eine Risikoanalyse einzelner Standorte. Diese sei noch nicht abgeschlossen, eine erste Bilanz ist laut Innenministerium für Ende Juni geplant. Allerdings habe es bereits Gespräche mit den Banken gegeben, so LKA-Sprecher Widder. „Darauf aufbauend verbessern Sparkassen gezielt den Einsatz und das Zusammenwirken präventiver Maßnahmen“, erläutert Knoll.
Es gibt auch gute Nachrichten: In den Niederlanden wurden fünf mutmaßliche Geldautomatensprenger nach langen Ermittlungen dingfest gemacht. Sie werden unter anderem mit drei Fällen in Rheinland-Pfalz in Trier, Dierdorf und Montabaur in Verbindung gebracht.