Rheinland-Pfalz
Hier kann man Spießbraten aus der Luft bestellen
Die Flugplatz-Gaststätte in Idar-Oberstein wurde zu Europas bestem Flughafen-Restaurant gewählt. Das Essen bestellt man auf eine Art und Weise, die weltweit einmalig ist. Wir sind hingeflogen und haben diese außergewöhnliche Bestellmethode mal ausprobiert.
„Idar-Oberstein, Delta Kilo Mike Echo Yankee, zweimal Romeo und die Landeinformation“. Das ist Flieger-Funksprache und bedeutet „zweimal Roastbeef, wir kommen gleich“. Zumindest in Idar-Oberstein. Dort steht nämlich das weltweit einzige Flugplatz-Restaurant, bei dem man aus der Luft bestellen kann. Aus der Luft gibt es vier Spießbraten-Varianten, die nach dem Nato-Alphabet benannt sind: „Sierra“, ein Schweinekamm, saftig gebraten, „Lima“, eine ganze Schweinelende, zart und mager, „Romeo“, das Roastbeef für Kenner, und „Foxtrott“, ein zartes Rinderfilet.
Um dort hin zu kommen, habe ich mich mit Nils Brand verabredet. Er ist Pilot beim Luftfahrtverein Grünstadt. Wir starten vom Quirnheimer Berg und fliegen über den Donnersberg Richtung Hunsrück nach Idar-Oberstein. Unser Flugzeug: der von den Vereinsmitgliedern frisch restaurierte „Falke“, ein Motorsegler der Firma Scheibe. Brand ist noch nie selbst nach Idar-Oberstein geflogen. Aber dabei war er schon ein paar mal, wenn es zu Helga ging.
Flugleiter ist auch Grillmeister
Helga – Helga Rossmann – ist die Besitzerin der Flughafen-Gaststätte. Für die Piloten ist sie die gute Seele des Flugplatzes. Seit 1988 führt Helga die Gaststätte. Ihr Mann, der mittlerweile verstorben ist, brachte sie hier her. Er war Pilot und leitete, während er für die Gäste dar war, nebenher auch noch den Flugbetrieb. Dabei konnte er die Bestellungen direkt per Funk abfragen. Das Essen stand quasi direkt nach der Landung auf dem Tisch. Und um die Funkdisziplin zu wahren, bekamen die Gerichte Namen aus dem Nato-Alphabet: eben „Sierra“, „Lima“, „Foxtrott“ und „Romeo“.
Daran hat sich auch nach dem Tod von Helga Rossmanns Mann nichts geändert. Vor acht Jahren übernahm Achim Keune den Job des Flugleiters, der auch für den Grill verantwortlich ist. Keune war Hobbyfunker – was ihn direkt für den Posten des Flugleiters qualifizierte. Nach einer Schulung durfte er anfangen. Das Spießbraten-Grillen liegt ihm als echtem Hunsrücker ohnehin im Blut.
Ohne Soße, ohne Beilage, ohne „Ferz“
Kaum sind wir über dem Donnersberg, sieht man auch schon den Hunsrück vom Cockpit aus. Von oben sieht man, wie gewaltig groß der Donnersberg ist – und wie klein der Ludwigsturm darauf erscheint. Selbst der Sendeturm, den man kilometerweit sehen kann, sieht klein aus wie ein Streichholz. Rheinland-Pfalz, dessen einzelne Landesteile wie durch Mauern getrennt wirken, sieht von oben aus wie ein zusammenhängendes Gebiet. Der Unterschied zwischen Rebenmeer an der Weinstraße und Ackerland im Donnersbergkreis sieht größer aus als der zwischen Pfälzerwald und Hunsrück. Keine 30 Minuten und wir sind in Idar-Oberstein.
Und ja: Es funktioniert tatsächlich. Am Platz angekommen, kommt auch schon unser Essen. Zunächst ein hausgemachter Rettichsalat, dann zweimal „Romeo“. Der Hauptgang ist ein echter Idar-Obersteiner Spießbraten. Ein Stück Fleisch auf einem Teller – ohne Soße, ohne Beilage, ohne „Ferz“. So ehrlich und direkt wie die Leute, die hier wohnen. Das kann man nicht lernen. „Da muss Leidenschaft drin sein“, sagt Helga Rossmann.
Doch der Anfang sei nicht leicht gewesen. Die Wirtin, die ursprünglich aus Meisenheim am Glan kommt, hat 17 Jahre in Heidelberg gewohnt, dann zwei Jahre in Dortmund. Als sie 1988 angefangen hat, in Idar-Oberstein Fuß zu fassen, sah sie sich vor große Herausforderungen gestellt. „Wenn du in den Hunsrück als Auswärtige kommst, musst du 150 Prozent geben“, sagt sie.
Luftwaffe und Hobbyflieger: Alle kommen zu Helga
Mittlerweile ist Helga Rossmann hier jedoch nicht mehr wegzudenken. Das liegt wohl auch daran, dass die Piloten sie ins Herz geschlossen haben. „Wir sind wie eine große Familie“, sagt sie, und erzählt von Bundeswehr-Ausbildern, die mit ihren Flugschülern im Hubschrauber herkommen, von US-Soldaten, die hier die regionale Küche kennen und lieben gelernt haben, und von Hobby-Piloten aus ganz Deutschland, die Idar-Oberstein vor allem wegen des Spießbratens ansteuern. „Viele machen hier einen Zwischenhalt, wenn sie längere Strecken fliegen“, sagt sie. Idar-Oberstein ist auch so etwas wie eine Autobahnraststätte für Flugzeuge geworden.
Als es langsam Abend wird, ist etwas weniger los – und Helga Rossmann hat Zeit, ihre Vitrinen zu zeigen. Hier liegen Erinnerungen von Piloten, die mal da gewesen sind – und Schmuck. Denn auch dafür ist Idar-Oberstein bekannt. Eine Schmuckdesignerin hat sogar extra für die Wirtin Flugzeug-Schmuck hergestellt.
Schade, dass es langsam düster wird – und wir wieder zurück fliegen müssen. Über den Donnerberg bis zum Quirnheimer Berg zurück. Doch diesmal zehn Minuten schneller – trotz voller Mägen.