Rheinland-Pfalz Geheimnisse des Pfälzischen: Was es mit dem „Kannelwasser“ so auf sich hat
Wir gehen originellen Sprüchen, Redensarten und Wörtern aus der Pfalz auf den Grund – und zwar mithilfe der Pfälzerinnen und Pfälzer.
Es gibt keinen Grund zu glauben, der Dialekt der Pfälzer sei am Aussterben. Dafür ist er im Alltag zu gegenwärtig. Hören Sie einfach mal hin beim Metzger oder Bäcker oder im Baumarkt. Sie werden nicht lange warten, bis jemand „e Vertel Grieweworscht“ oder „e zwääpinder Schwarzbrot“ oder „so e Ding do halt“ bestellt. Allerdings verändert sich die Mundart merklich. Manche Wörter verschwinden zu recht, weil sie kein Mensch mehr braucht („de Botschamber“, „de Schwolleschee“, also der Nachttopf und der berittene Soldat). Andere drohen zu verschwinden, obwohl es dafür keinen vernünftigen Grund gibt. Die pfälzischen „Weck“ zum Beispiel sind nur deshalb gefährdet, weil aus irgendeinem seltsamen Grund auch die Pfälzer dem bundesweiten Marketing der „Schrippen“-Mafia erliegen.
Wichtig: der geregelte Abfluss
Unser heutiges Schüsselwort führt in die Vergangenheit – doch es wird wohl noch lange überleben (es sei denn, jemand erfindet was ganz Spektakuläres). In dieser Folge geht es um den „Kannel“ oder „Konnel“, der meist, aber eben nicht immer, als „Dachkannel“ oder „Dachkonnel“ daherkommt. Wir klären schon mal vorab, wo der Ursprung des Worts liegt: Es geht auf das lateinische „canalis“ zurück, das für „Röhre“, „Rinne“ oder „Wasserlauf“ stand, wie Alois Beck aus Hatzenbühl, Uta Müller aus Neustadt, Hermann Grundhöfer aus Harthausen und Inge Schornick aus Ludwigshafen herausgefunden haben. Wichtig für uns: Alle drei Begriffe haben eines gemeinsam: Es geht fast immer ums geregelte Abfließen von Wasser und gelegentlich ums geregelte Zurückführen anderer Dinge (auch an einer Kegelbahn findet sich ein „Kannel“, auf dem die Kugeln zurückrollen, schreibt Reinhard Hartmann aus Kaiserslautern).
Achtung, „Säächbrieh“!
Während der „Dachkannel“ in der Gegenwart mangels jeglicher Alternativen als Kupferrinne am unteren Ende des Dachs präsent ist wie eh und je, hat sich „de Stroße- oder Chausseekannel“, wie Uta Müller schreibt, zum Teil dramatisch verändert. Anders als in Viehställen, wo es bis heute noch „Säächkännel“ geben dürfte, wo „die Säächbrieh“, also Urin und Kot, abfließen, wird rechts und links der Straßen zum Glück nur noch Regenwasser gesammelt, das brav in den öffentlichen Kanal geleitet wird. Der übrige Mist führt mittlerweile über unterirdische Hausanschlüsse direkt in den Kanal.
Den „Schausseegraawe“ gibt es so nicht mehr
Früher war das anders. Da lief in Pfälzer Dörfern bis mindestens in die 1960er-Jahre hinein zumindest das Küchenwasser noch über eine Rinne außen am Haus direkt in den „Schausseegrawe“ – mit dem Ergebnis, dass sich dort an kalten Wintertagen wunderbar rutschen (oder „sääfe“) ließ und an allen anderen Tagen das Dorf nach exakt dem roch, was die Dörfler eben so „de Kannel nabb“ laufen ließen. Dass nebenbei mancher „Spätheimkehrer“, wie Rosemarie Mathes aus Germersheim die Spezies nennt, im Graben ausrutschte und wie ein begossener Pudel in der Brühe landete, gehörte halt auch zum Dorfleben.
Voll verschluckt
Leserin Hertha Wehr aus Kaiserslautern, Jahrgang 1926, führt uns mit ihrer Geschichte sogar noch etwas weiter in die Vergangenheit zurück. Sie erinnert sich an den Schneider in ihrer Straße, der sein Küchenwasser ebenfalls durch ein Außenrohr in den Straßengraben abließ. Und sie erinnert sich, dass sie und ihre Freunde als Kinder das Rohr frech als „Telefon“ nutzten: Sie legten sich in den Graben und riefen, inspiriert vun Wilhelm Busch, von unten das Kannelrohr hinauf: „Schneider, Schneider, meck, meck, meck, komm heraus du Ziegenbeck.“ Der Kampf endete unentschieden. Der Schneider war nämlich nicht auf den Kopf gefallen und schickte sein Abwasser schließlich genau dann ins Rohr, wenn die Spötter unten zum Schmähspruch ansetzten. „So kam es, dass man einen Schluck ,Kannelwasser gesoff’ hot“ , schreibt die Leserin.
„Mir frieher ...“
Damit sind wir bei einer berühmten Zeile des „Pfälzerlieds“ von Eduard Jost gelandet , in der es heißt (wie uns die Karin un die Elke vun de Haßlocher Sparkass’ und Heinrich Rudolphi aus Ramstein-Miesenbach erinnern): „Du hoscht jo in deim Lewe noch kä Kannelwasser g'soff, wann ich dich am Schlawitsche nemm, dann saufschte's awwer doch!“ Hinter der bekannten ersten Zeile verbergen sich zwei klare Botschaften: „Du weißt ja gar nicht, wie gut’s dir geht“ und „Mir frieher, ja, mir hänn noch ...“ Dass auch das harmloseste pfälzische Wort, sei es in der Vergangenheit verhaftet oder absolut zukunftsfest, in eine freche oder gar schmähende Redensart einfließen kann, gehört in der Pfalz bekanntlich zum guten Ton. Also: „Wann Dummheit groß mache deed, kinnscht du (kniend) aus’m Dachkannel saufe ...“
Die neue Frage
Bevor jetzt aber jemand den Kanal voll hat von dieser Folge (übrigens ein ernstes Problem, schreibt Helga Jungen aus Carlsberg, weil sich „im Dachkannel“ gerne alles Mögliche sammelt – von Blättern über Vogelnester bis hin zu allen Arten von Bällen und sonstigem Spielzeug), wollen wir nun die Frage für die nächste Folge stellen: Die soll dem pfälzischen Wort „anderscht“ oder „annerschter“ in all seinen Variationen gewidmet sein – gerade weil es sich so originell vom braven hochdeutschen „anders“ unterscheidet. Schreiben Sie uns, wie sie zu „annschert“ sagen, und bitte auch, wenn Ihnen Redensarten mit „annschert“ einfallen!
Mitmach-Infos
Bitte schreiben Sie unter dem Kennwort „Saach blooß“ an: RHEINPFALZ am SONNTAG, Ostbahnstraße 15, 76829 Landau, Fax: 06341/ 281-165, E-Mail: saachblooss@ rheinpfalz.de