Rheinland-Pfalz
Funkstille: Wenn Kinder nichts mehr von ihren Eltern wissen wollen
Heile Welt, das war einmal. Wenn erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, stehen Fragen im Raum, die schwer zu beantworten sind. Was haben wir falsch gemacht? Was können wir jetzt tun? Wie ist solch ein Verlust zu verkraften, wo doch vermeintlich immer alles gut war? Eine Südpfälzerin berichtet.
An Weihnachten ist die Zeit mit der Familie besonders wertvoll. Vor allem Eltern sehnen sich danach, bei Kerzenschein, Plätzchenduft und munteren Liedern unvergessliche Stunden mit dem Nachwuchs zu erleben. Wer Heiligabend mit gemischten Gefühlen entgegenblickt, ist Christiane Müller, die in Wirklichkeit anders heißt. Wir haben ihren Namen geändert, weil sie zwar ihre Geschichte erzählen, aber nicht gebrandmarkt sein will. Müller wird mit ihrem Ehemann den Weihnachtsbaum schmücken und den Tag genießen. Am Abend wird sich ihre Tochter nach ihrem Feiertagsdienst zu ihnen gesellen. Eigentlich ganz schön. Und doch wird das gemeinsame Essen für die Mutter emotional, denn ein Stuhl am Wohnzimmertisch bleibt leer. Der ihres Sohnes. Er hat sich aus ihrem Leben verabschiedet.
Das Namensschild ausgetauscht
Es war Heiligabend, als Christiane Müller erfuhr, dass ihr Sohn, nennen wir ihn Tobias, nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Das ist jetzt fünf Jahre her. Und doch hat sie die Erinnerung noch präsent, als wäre es gestern gewesen. Sie erzählt, wie sie zu Tobias gefahren sei, der in einem Mehrfamilienhaus in der Westpfalz lebte. Dann der Schock: „Das Namensschild an der Klingel war ausgetauscht, von meinem Sohn fehlte jede Spur.“ Sie klingelte bei Nachbarn, um zu erfahren, was los sei. „Sie berichteten mir, dass er vor drei Monaten ausgezogen war.“ Wohin, das wusste niemand.
Die Frage nach dem Warum
Müller erzählt: „Er hatte sich bereits einige Wochen zuvor nicht mehr gemeldet, was nicht unüblich bei uns war. Es gab oft Phasen, in denen wir nichts voneinander hörten.“ Der Kontakt sei jedoch nie abgebrochen. „Wie denn auch?“, fragt Christiane Müller. Eine Mutter müsse doch wissen, wie es ihren Kindern geht. Von ihrem Sohn weiß sie das allerdings seit fünf Jahren nicht mehr. Seither hat sie ihn weder gesehen noch mit ihm gesprochen. Was ist der Grund? „Das weiß ich nicht“, sagt die Mutter.
Gewalt, Sekte – oder irgendwas dazwischen
Warum sich Kinder abwenden, diese Frage bewegt alle verlassenen Eltern. Sie fragen sich, was sie falsch gemacht haben, welche Schuld sie auf sich geladen haben. Ihnen sei oft nicht klar, was schlecht gelaufen ist, sagt Jens Heider, Geschäftsführer der Psychotherapeutischen Universitätsambulanz in Landau. „Im Prinzip gibt es zwei Extreme. Zum einen kann es sein, dass es gewalttätige Auseinandersetzungen oder Missbrauch in der Familie gab.“ Zum anderen könnte eine Gemeinschaft, beispielsweise eine Sekte, oder der Partner die Kinder dazu bringen, sich nicht mehr zu melden. Wie so oft liege aber auch hier die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Die Mehrzahl der Fälle spiele sich im Raum zwischen diesen Extremen ab. Zumal es häufig nicht den einen offensichtlichen Grund gebe. Die Suche nach einer Erklärung komme dann dem Stochern im Dunkeln gleich. Haben die Eltern zu sehr geklammert? Haben sie zu viele Erwartungen in ihr Kind gesteckt, zu viel Druck aufgebaut, zu viel Stress gemacht?
Der Ex-Ehemann war Alkoholiker
Für die meisten Eltern komme der Kontaktabbruch aus heiterem Himmel, sagt Jens Heider. So auch bei Christiane Müller. Ihr Sohn habe bei ihr gelebt, bis er 25 Jahre alt war, berichtet die Mittfünzigerin, die nicht weit von Landau entfernt lebt. Ihre Beziehung sei nie so gestört gewesen, um sich nun auf ewig anzuschweigen, sagt die zweifache Mutter. Sie sei doch immer für ihre Kinder da gewesen, „auch wenn die Situation manchmal schwierig war und hoffnungslos erschien“. Tatsächlich ist das Familienleben nicht von Harmonie geprägt gewesen.
Ihr Ex-Mann, der Vater der beiden Kinder, sei Alkoholiker gewesen, erzählt Müller. Im Rausch habe er sich nicht kontrollieren können – mehr will sie nicht sagen. Irgendwann war Müller bereit, den Schlussstrich zu ziehen. Sie reichte die Scheidung ein, verkaufte das Haus und zahlte Schulden in Höhe von knapp 40.000 Euro ab, wie sie sagt. Dafür jobbte sie nebenberuflich in der Gastronomie und an der Supermarktkasse. „Ich wollte die Insolvenz vermeiden.“ Und dann folgte „dieser Schock“.
Das Gefühl ist: „Maximal gescheitert“
Der Stachel sitze tief, sagt Müller. Doch die Wunde bleibe ihren Mitmenschen verborgen, „zum Glück“. Betroffene Eltern schämten sich meist dafür, wenn sich ihr Kind von ihnen abwendet, sagt Jens Heider: „Es ist so, als ob sie maximal gescheitert wären. Sie haben schließlich einen nahestehenden Menschen verloren.“ Das ist auch der Grund, warum Christiane Müller ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie weiß aber auch, dass sie nicht alleine ist mit ihrer Situation: „Ich habe viele Menschen kennengelernt, denen es genauso geht, wenn nicht gar schlimmer. Ich habe zumindest noch ein Kind, mit dem ich noch Kontakt habe“, sagt sie.
Hohe Dunkelziffer
Verlässliche Zahlen darüber, wie häufig es zum radikalen Bruch kommt, gibt es nicht; nur wenige Betroffene offenbaren ihre Geschichte. Die Dunkelziffer dürfte dementsprechend hoch sein. „Es ist ein Tabuthema in der Gesellschaft“, sagt Heider. Bis zu zehn Menschen würden im Jahr in der ambulanten Psychotherapie betreut, zumeist aber erst dann, wenn der Leidensdruck so groß sei, dass sie depressiv werden. Heider sagt: „Der fehlende Kontakt zu den Kindern allein kann aber dafür nicht verantwortlich sein. Meist kommen andere Faktoren hinzu. Wenn beispielsweise Angehörige Depressionen hatten, ist die Gefahr umso größer, dass auch die Betroffenen an seelischen Belastungen leiden.“
Von Verzweiflung getrieben
Müller hat nichts unversucht gelassen, um ihren Sohn zu erreichen. Von der Verzweiflung getrieben, rief sie ihn an, schrieb SMS, sendete Karten an seinem Geburtstag. Nachdem sie vom Einwohnermeldeamt erfahren hatte, dass er innerhalb der Stadt umgezogen sei, fuhr sie alle zwei Monate dorthin. Um nicht aufzufallen, parkte sie das Fahrzeug auch mal weiter weg. „Ich habe ihn nie zu Gesicht bekommen.“ Sie würde sich so gerne mit ihm aussprechen. Um zumindest den Grund zu erfahren, weshalb er sich von ihr abgewendet hat, wie sie sagt.
„Habe vielleicht zu oft geklammert“
Wir hätten den Sohn gerne befragt, doch die Mutter wollte uns seine Adresse nicht nennen, auch um ihn zu schützen. Wenn er sich äußern würde, würde er das Verhältnis vermutlich anders beschreiben als die Mutter. Den Kontakt zu ihm haben wir jedoch nicht aufbauen können. Dafür zeigt sich Müller selbstkritisch: „Ich habe vielleicht zu oft geklammert, mich zu sehr in sein Leben eingemischt.“ Das habe sich aber gebessert, wie ihre Tochter ihr bestätigt habe. Andere Gründe könne sie nicht finden
Freunde hatten kein Verständnis
Christiane Müller hat in der Anfangszeit nach dem Abbruch des Kontakts noch Freunden vom Schweigen ihres Sohnes erzählt. Doch das habe ihr nicht geholfen. Im Gegenteil. „Sie hatten kein Verständnis für meine Situation. Sie dachten, ich bin selber schuld, dass es so weit gekommen ist.“ Sie habe sich aber selbst schon genug Vorwürfe gemacht und wollte sie nicht auch noch von Dritten hören.
Selbsthilfegruppe scheitert – zunächst
Die vom Sohn gemiedene Mutter suchte nach Gleichgesinnten. „Als ich im Internet recherchierte, stieß ich auf Selbsthilfegruppen, die es bundesweit gab“. In der Pfalz dagegen nicht. Müller wandte sich deshalb an die Beratungsstelle „Kiss“ in Edesheim. Carmen Ziegler, dort für die Gruppenberatung und -begleitung zuständig, erklärt: „Es hatte bis dahin an Betroffenen gefehlt, die bereit waren, darüber zu sprechen.“ Wenig später wurde dann aber doch die Gruppe „Funkstille – verlassene Eltern“ gegründet. Im Sommer 2018 war das erste Treffen in Edesheim, danach folgten monatliche Zusammenkünfte. Doch die Gruppe war nicht von Dauer. Carmen Ziegler erklärt, es habe sich „kein fester Kern“ gebildet: „Die Fluktuation war einfach zu hoch.“ Müller sagt: „Wir haben beschlossen, eine Pause einzulegen.“
Es fehlt der Abschluss
Davon ganz abgesehen, rät Müller anderen Betroffenen dazu, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, vor allem, um das beschädigte Selbstwertgefühl „wieder ein bisschen in Ordnung zu bringen“. Sie selbst ging zum Psychiater, um wieder nach vorne schauen zu können. Mit dem Bruch leben zu lernen, das ist vielleicht die schwierigste Aufgabe.
Heider sagt: „Die Betroffenen können nicht abschließen, wie sie das beispielsweise nach dem Tod eines Angehörigen tun können.“ Wie soll man auch abschließen, wenn alle entscheidenden Fragen offen sind, der fehlende Mensch noch lebt, aber sich nicht melden will. Offen ist die Frage nach dem Warum. Aber auch die vermeintlich Entscheidende: Renkt sich das wieder ein zwischen mir und ihm?
Mehr als ein Lebenszeichen?
Christiane Müller sagt: „Ich habe mittlerweile Bilder von uns an der Wand hängen. Mein Sohn ist schließlich ein wichtiger Teil meines Lebens.“ Sie wünscht sich von Herzen, dass ihr Kind eines Tages doch wieder vor ihrer Tür steht. Er sei ja nicht aus der Welt, deshalb bleibe nach wie vor ein Fünkchen Hoffnung. „Wenn er endgültig den Kontakt abbrechen wollte, würde er die Telefonnummer wechseln. Das hat er nicht getan, das gibt mir Mut.“
Ist die Sehnsucht zu groß, schreibe sie ihm wieder eine SMS oder spreche ihm auf den Anrufbeantworter. „Mein lieber Sohn, ich hoffe, dass es dir gut geht. Habe eben an dich gedacht und wünsche mir, dass wir uns vielleicht eines Tages auf neutralem Boden treffen und austauschen könnten.“ Die Nachrichten blieben unbeantwortet.
Im Frühjahr hat Müller ihren Sohn zu ihrer zweiten Hochzeit eingeladen. Sein Platz blieb leer. Ein paar Tage später aber erhielt sie Post. „Als ich gesehen habe, dass er der Absender ist, hat direkt mein Herz gerast.“ Der Brief sei maschinell geschrieben worden, ergänzt mit einer Unterschrift. „Er wünschte mir und meinem Mann viel Glück für unsere gemeinsame Zukunft.“ Das Fünkchen Hoffnung, es glimmt weiter.
Info
Betroffene Eltern wird unter anderem in der Psychotherapeutischen Universitätsambulanz in der Ostbahnstraße 10 in Landau geholfen. Das Sekretariat der Einrichtung ist telefonisch unter der Nummer 06341/28035600 erreichbar. Die Selbsthilfegruppe „Funkstille“ soll sich ab Anfang 2020 wieder in Edesheim treffen. Interessierte melden sich bei Carmen Ziegler von der Beratungsstelle Kiss, sie ist telefonisch unter der Nummer 06323-989924 oder info@kiss-pfalz.de erreichbar.