Rheinland-Pfalz Die Sterne im Boden

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Hahnstätten. Viele Menschen schauen gerne in den Himmel und manche greifen, zumindest symbolisch, auch selbstbewusst nach den Sternen. Dass dieser Griff nach den Sternen nicht immer in den Himmel, sondern auch in die Tiefe führen kann, zeigt das Beispiel von Johann Schaefer. Als der Advokat beginnt, sich um 1860 in Hahnstätten im heutigen Rhein-Lahn-Kreis eine Zukunft aufzubauen, ist seine Marschrichtung klar: ab nach unten. Nach ganz weit unten. Gemeinsam mit den Maurermeistern Georg und Wilhelm Baltzer erwirbt Schaefer ein Stück Land in Hahnstätten und fängt an, nach Kalk zu graben. Schon seit Jahrhunderten ist die Zukunft der Menschen in der Region eng mit dem weißen, staubigen Material verbunden, das dort in großen Mengen in der Erde ruht. Vor allem im Mittelalter war der Kalkstein aus der Gegend als Baumaterial beliebt. Der Limburger Dom aus dem Jahr 1235 ist bis heute sichtbarer Beweis. Das Stück Land, auf das Johann Schaefer und seine Kollegen ihre Zukunft setzen, ist nicht besonders groß, die Männer machen sich unverzüglich an die Arbeit. Ein altes Firmenfoto zeigt, wie viele Menschen damals beim Schürfen mit anpacken: Die Männer tragen Schnauzbart und Schiebermützen, die Arme sind vor dem Körper verschränkt. Der feine Kalkstaub sitzt überall – auf ihren Schuhen, ihren Hosen, ihren Händen. Sie haben Glück. Der Kalk, den sie der Erde entreißen, ist weiß wie Schnee und von sehr guter Qualität. Es ist Massenkalk aus dem Devon – rund 350 Millionen Jahre alt. Nach und nach erwirbt Schaefer immer mehr Land in der Umgebung. Doch die Fördermengen bleiben klein, es fehlt an geeigneten Transportwegen für das gewonnene Material. Das ändert sich mit dem Eisenbahnanschluss 1870: Nun stehen der jungen Firma die Absatzmärkte jenseits ihrer Haustür offen. Ende des 19. Jahrhunderts zählt unter anderen die Badische Anilin- und Sodafabrik – die heutige BASF – zu Schaefers Kunden. Der Kalk aus dem Rhein-Lahn-Kreis ist in vielen Bereichen begehrt – von der Eisen- und Stahlindustrie über das Baugewerbe bis zur Landwirtschaft. Auch aus dem Ausland kommen immer mehr Anfragen. Heute, nach über 150 Jahren, existiert die Firma Schaefer immer noch – und auch die Richtung, in die es für sie geht, ist noch dieselbe: nach unten. Ganz nebenbei hat die Firma damit einen Rekord aufgestellt: Seit 2009 ist ihr Kalksteinbruch in Hahnstätten nach Messungen des Landesamtes für Geologie und Bergbau der tiefste Punkt in ganz Rheinland-Pfalz. Der lag bis dahin auf der Rheininsel Nonnenwerth an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen, 52 Meter über Normalnull. Doch mit ihren Grabungen auf 28 Meter über Normalnull stellte die Firma Schaefer den Rekord 2009 ein. Zwar geht es in rheinland-pfälzischen Bergwerken weitaus tiefer nach unten als in Hahnstätten – die 25. Sohle der Grube Holzappel (Rhein-Lahn-Kreis) liegt nach Angaben des Landesamtes 789 Meter unter Normalnull. Im offenen Gelände aber, offiziell „offen zugängliche Geländeoberfläche“ genannt, hat die Firma Schaefer die Nase vorn. In Rheinland-Pfalz wird das wohl noch eine Weile so bleiben, denn aufgehört zu graben haben die Hahnstätter nicht, wie Stefanie Micke von Schaefer Kalk berichtet. Mittlerweile liege der Kalksteinbruch bei 17 Metern über Normalnull. Die Grube, die sich die Firma direkt neben der Bundesstraße 54 gegraben hat, ist riesig: An seiner oberen Kante hat der Kalksteinbruch einen Durchmesser von rund 500 Metern. Von dort aus winden sich etliche Terrassen über 120 Meter in die Tiefe. Am Fuß der Grube liegt ein See, der je nach Lichteinfall grün oder blau schillert. Auch wenn seine Form manchmal an ein Schwimmbad erinnert – mit Planschvergnügen hat das kühle Nass nichts zu tun. Es ist das Grundwasser, das aus der Erde nach oben drängt. Pro Jahr werden in der Grube laut Firmenangaben rund 1,4 Millionen Tonnen Material gewonnen. Es komme in vielen Bereichen zur Anwendung, in der Chemie, bei der Stahlherstellung, im Baugewerbe und der Baustoffindustrie, aber auch bei der Papierproduktion, im Umweltschutz oder in der Kunststoffindustrie und der Medikamentenherstellung, informiert Micke. Neben dem Werk in Hahnstätten betreibt Schaefer Kalk noch weitere Standorte weltweit, knapp 700 Mitarbeiter sind nach Firmenangaben an den Standorten in Europa und Asien beschäftigt. In Hahnstätten soll es in den kommenden Jahren noch weiter nach unten gehen, um weitere 50 Meter auf 30 Meter unter Normalnull. Wann genau das sein wird, steht allerdings noch in den Sternen. Und die befinden sich in Hahnstätten auch heute noch im Boden – zumindest, wenn sich einmal im Jahr, an Silvester, die Feuerwerksraketen im Grundwassersee der Grube spiegeln.

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