Rheinland-Pfalz Die Schule soll im Dorf bleiben

Bunter Appell: Plakat in der Grundschule in Esthal.
Bunter Appell: Plakat in der Grundschule in Esthal.

«MAINZ». 41 Grundschulen in Rheinland-Pfalz – darunter acht in der Pfalz – hatte die Landesregierung im Januar auf den Prüfstand gestellt: Sie haben nicht genug Schüler, um für jeden Jahrgang eine eigene Klasse bilden zu können, wie es das Schulgesetz vorschreibt. Bis Ende September müssen die Schulträger spätestens dem Bildungsministerium stichhaltige Gründe nennen, warum die Schule trotzdem erhalten bleiben soll. Erste Entscheidungen sind aber jetzt schon gefallen.

„Ich stehe mit dem Problem Grundschule auf und gehe mit ihm ins Bett“, stöhnt Manfred Kirr, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Lambrecht (Kreis Bad Dürkheim). So geht es ihm seit dem 31. Januar dieses Jahres. An diesem Tag hat das rheinland-pfälzische Bildungsministerium seine Leitlinien veröffentlicht, welche Grundschulen erhalten bleiben und welche auf den Prüfstand kommen. Unter den Kandidaten für eine mögliche Schließung war auch die Grundschule in Esthal, ein Ort in der Verbandsgemeinde Lambrecht. Zur Zeit besuchen diese Schule 29 Mädchen und Jungen. Jeweils zwei Jahrgänge sind in einer Klasse zusammengefasst. Unterrichtet werden sie von drei Lehrerinnen. Die einzige Vollzeitkraft ist die Rektorin Daniela Scholz. In den nächsten Jahren werden es nicht mehr Schüler werden. Es wird bei zwei Klassen bleiben. Das widerspricht dem rheinland-pfälzischen Schulgesetz, und damit ist Esthal ein klassischer Fall für den Prüfstand. Die Minischulen müssen ihre Existenz rechtfertigen. Denn schließlich binden sie Personal und Finanzmittel. Und es wird immer mehr schrumpfende Dörfer und damit auch Zwergschulen geben. Dafür sorgt schon die demografische Entwicklung. In den vergangenen 20 Jahren ist die Anzahl der Grundschüler in Rheinland-Pfalz von 180.000 auf 134.000 zurückgegangen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung könnte es sinnvoll sein, die eine oder andere Grundschule zu schließen oder mit andern zusammenzulegen, meint man im Bildungsministerium. Hinzu kommen pädagogische Argumente: In Zwergschulen fehle der Austausch innerhalb des Lehrerkollegiums und wenn eine Lehrerin krank werde, drohe sofort Unterrichtsausfall. In größeren Schulverbänden könne man das leichter auffangen. Aus der Sicht des Landesrechnungshofs (Speyer) ist die Schließung von Zwergschulen längst überfällig. Er erhofft sich ansehnliche Einsparungen. Die Landesregierung stellt das finanzielle Argument nicht in den Vordergrund, aber viele Lehrer vermuten, dass es letzten Endes doch genau darum geht. „Die Sparabsicht ist unverkennbar“, sagt Hjalmar Brandt, Landesgeschäftsführer des Verbandes Bildung und Erziehung VBE. Er befürchtet, dass dem Rotstift doch mehr Grundschulen zum Opfer fallen könnten, als es heute den Anschein hat. Die Landesregierung beschwichtigt. „Prüfen heißt nicht schließen“, erklärt Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) immer wieder. Sie hat den Betroffenen zugesagt, jeden Einzelfall zu untersuchen und abzuwägen. Das Ministerium hat den Gemeinden sogar Tipps gegeben, mit welchen Argumenten sie für den Erhalt ihrer Schulen kämpfen können. Wichtig sei zum Beispiel, ob überhaupt eine andere Schule in erreichbarer Nähe sei und ob dort genug Räume zur Verfügung stünden. Das spielt Esthal genau in die Karten. Denn dort gibt es in der Nachbarschaft nur zwei Schulen, welche die Kinder aus Esthal aufnehmen könnten, nämlich in Lambrecht und in Elmstein. „Lambrecht geht nicht“, meint Bürgermeister Kirr, „die platzen jetzt schon aus allen Nähten“: Da müsste man für viel Geld anbauen, das widerspreche dem Spargedanken. „Und Elmstein ist zu weit weg; da fährt der Bus im Sommer eine halbe Stunde, im Winter noch länger – das kann man den Kindern nicht zumuten“, sagt Kirr. Außerdem wüsste die Gemeinde Esthal nicht, was sie mit ihrem leerstehenden Schulgebäude anfangen sollte. „Das könnten wir höchstens abreißen“, meint Kirr: „Mehr fällt mir da nicht ein.“ Also wäre es das Beste, die Schule im Dorf zu lassen, meinen die Esthaler. Sie sei gut ausgestattet, mit zwei Schulküchen, einem Computerlabor und einem Waldspielplatz. Lehrer und Kinder fühlen sich wohl, alles funktioniert. So sehen es auch die Verbandsgemeinde und die Ortsgemeinde, die Rektorin und der Elternbeirat. Sie alle plädieren für den Erhalt der Schule. Ähnliche Unterstützung von allen Seiten genießen auch die andern sechs pfälzischen Grundschulen, die auf der Abschussliste stehen: Linden, Frankenstein (beide Kreis Kaiserslautern), Dannenfels (Donnersbergkreis), Busenberg (Kreis Südwestpfalz), Wörth-Büchelberg (Kreis Germersheim) und Wilgartswiesen (Kreis Südwestpfalz). Bisher stand auch die Grundschule Wernersberg (Kreis Südliche Weinstraße) auf der Streichliste, gestern aber erklärte das Ministerium, dieser Standort werde erhalten: Der benachbarte Schulstandort Annweiler verfüge nicht über die räumlichen Kapazitäten, um die Schüler aus Wernersberg aufnehmen zu können. Hinsichtlich der anderen Pfälzer Zwergschul-Standorte läuft die Prüfung noch. Dort kämpfen die Schulträger noch um ihre Einrichtungen. Grundsätzlich unterstützt der VBE diesen Kurs. Denn „der Erhalt kleiner Grundschulen verringert die Tendenz zur Landflucht und schafft ein kulturelles Umfeld, das auf die ganze Gemeinde ausstrahlt“, sagt Hjalmar Brandt. Er weiß aber auch: Nicht alle kleinen Grundschulen seien zu retten. Manfred Kirr hält es nicht für ausgeschlossen, dass es in absehbarer Zeit eine zweite Schließungswelle geben könnte, die auch seine Verbandsgemeinde betrifft: „Da wären dann vielleicht Neidenfels oder Lindenberg dabei, denn bei denen sieht es auch nicht viel besser aus. Und das heißt, dass unsere Dörfer weiter ausbluten.“

Verbandsbürgermeister Manfred Kirr.
Verbandsbürgermeister Manfred Kirr.
Grundschul-Rektorin Daniela Scholz.
Grundschul-Rektorin Daniela Scholz.
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