Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Die Postkarte feiert Geburtstag: Bebilderte Grüße aus der Pfalz seit 1870

Dieser Feldpost-Brief von1870 ist an den Speyerer Regierungsdirektor de Lamotte andressiert.
Dieser Feldpost-Brief von1870 ist an den Speyerer Regierungsdirektor de Lamotte andressiert. Foto: Linzmeier-Mehn

Die Postkarte feiert ihren 150. Geburtstag: 1869 hatte sie in Österreich Premiere. Die Pfälzer mussten sich nur wenig gedulden. Das Königreich Bayern – und damit auch seine Rheinprovinz – zog ein Jahr später mit eigenen „Correspondenz-Karten“ nach. Dafür, dass später auch bebilderte Ansichtskarten in der Pfalz Einzug hielten, sorgte ein Würzburger Verleger.

Die erste Karte im Titelbild trägt zwar das Datum 19. 9. des Jahres 1870. Der umseitige Text erfreut sich aber bis heute vor allem bei schreibfaulen Menschen großer Beliebtheit: „Mir geht es gut. Grüße an alle.“ Vielleicht hatte der Absender aber auch nur wenig Zeit. Schließlich befand sich der Oberleutnant de Lamotte im Kriegseinsatz gegen Frankreich und wollte vermutlich der Familie in Speyer nur rasch ein Lebenszeichen schicken. Diese bayerische Correspondenz-Karte des Deidesheimer Sammlers Ludwig Bauer ist in mehrfacher Hinsicht interessant. So zum Beispiel, weil mehr als ein Drittel ihrer Adressseite für eine aus sechs Punkten bestehende Gebrauchsanweisung reserviert ist. Laut Punkt 3 ist die Anschrift „möglichst vollständig und deutlich anzugeben“. Unter Punkt 4 heißt es: „Die Rückseite des Formulars kann in ihrer ganzen Ausdehnung zu brieflichen Mittheilungen jeder Art benützt werden, welche wie die Adresse mit Tinte, Bleistift etc geschrieben sein können“. Wen solche Selbstverständlichkeiten heute in Erstaunen versetzen, der sei daran erinnert dass die Postkarte in der damals bayerischen Pfalz erst zweieinhalb Monate zuvor, nämlich am 1. Juli 1870 eingeführt worden war. Davor konnten nur Briefe verschickt werden. In der Gebrauchsanweisung fehlt auch nicht der erhobene Zeigefinger an die Untertanen: „Mittheilungen, welchen offenbar die Absicht der Injurie oder einer sonst strafbaren Handlung zu Grunde liegt, oder welche gegen die Sittlichkeit verstoßen, sind von der Postbeförderung ausgeschlossen.“ Wird diese Mahnung nicht beachtet, dann werde die Sendung als „unbestellbar“ behandelt. Rechts oben ist der Stempel „K. Bayer. Feldpost“ zu erkennen. Eine Briefmarke ist damit aber nicht entwertet worden. Der Grund: Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 waren Sendungen von der Front zur Heimat und umgekehrt portofrei. Der Staat zeigte sich damit großzügig, schließlich sollten die Soldaten und ihre Lieben daheim nicht noch geschröpft werden. Entsprechend erlebte die Postkarte kurz nach ihrer Einführung im Deutschen Reich einen ersten Boom. Allein bis Dezember 1870 wurden rund zehn Millionen Feldpost-Karten verschickt.

Empfänger war ein „hohes Tier“

Interessant ist die Karte aber auch wegen ihres Empfängers: Hinter dem „Herrn Regierungsdirector M de Lamotte“ in Speyer verbarg sich ein „hohes Tier“ jener Zeit. Maximilian Joseph von Lamotte war der Sohn eines bayerischen Hofjuweliers, König Maximilian I. Joseph von Bayern war sein Taufpate. Lamotte machte Karriere in der bayerischen Verwaltung, brachte es bis zum Vize-Regierungspräsidenten der Pfalz. Zwischendurch hatte er zeitweise das Amt des ersten Direktors der Pfälzischen Ludwigsbahn-Gesellschaft inne, später gehörte er dem Verwaltungsrat der Pfälzischen Eisenbahnen an. Die zweite Karte (Pfeil nach rechts anlicken) steht für den Beginn der Ansichtskarten-Epoche in der Pfalz. Sie zeigt neben der Stadt Speyer einen auf einem Holzfass sitzenden trinkfreudigen Gesellen. Gedruckt wurde sie von dem Würzburger Verleger und Lithographen Franz Scheiner, der nach den Worten des Sammlers Ludwig Bauer zu den Ansichtskarten-Pionieren in Deutschland zählt. Aus Scheiners Verlag sind aus der Pfalz auch Grußkarten aus Dürkheim bekannt. Das abgebildete Speyerer Exemplar wurde nicht verschickt, folglich trägt es auch keinen Datumsstempel. Bauer schätzt, dass die Karte zwischen 1885 und 1890 gedruckt wurde. Das nächste Exemplar mit „Grüßen von der Madenburg“ ist wegen seiner beiden fotografischen Abbildungen besonders interessant. Handschriftlich ist auf der Bildseite die Jahreszahl 1891 vermerkt. Ludwig Bauer sind noch ältere Foto-Ansichtskarten aus der Pfalz bisher nicht bekannt geworden.

„Gruß aus den Bergen der Pfalz“

Ab etwa 1895 kam das Versenden von Ansichtskarten auch in der Pfalz so richtig in Mode. Ein Grund für die wachsende Beliebtheit war die Chromlithografie, die bunte Abbildungen ermöglichte. Die vierte Karte mit dem „Gruß aus den Bergen der Pfalz“ wurde 1897 verschickt. Mit ihrem Sammelsurium von kleinen Bildmotiven ist dieses Exemplar des Dürkheimer Rheinberger-Verlages typisch für die Zeit. Sie ist an ein „Wohlgeboren Fräulein“ im katholischen Pfarrhaus zu St. Ingbert adressiert. Die auf der Bildseite zu lesende Nachricht besteht aus nur drei Worten: „Warum keine Antwort?“ – Was mag da wohl die Frage gewesen sein? Und was sind solche Postkarten-Schätzchen heute wert? Die Scheiner-Karten aus der Pfalz sind für unter 100 Euro kaum zu bekommen, sagt Ludwig Bauer. Sollte mal ein bei der Post aufgegebenes Exemplar auftauchen, dürfte es noch teurer sein. So manche Karte aus der Zeit um die Jahrhundertwende ist aber nur wenige Euro wert. Um Gewissheit zu haben, sollte man sich an einen Briefmarken-Verein wenden, rät der Sammler. Bauer ist übrigens Mitglied im „Philatelistischen Arbeitskreis Pfalz“. Der trifft sich wieder am 23. November um 9.30 Uhr im Arens Hotel (früher Jugendhaus am Weinberg) in St. Martin. Gäste sind willkommen.

Zwischen 1885 und1890 hat der Scheiner-Verlag diese Ansichtskarte von Speyer gedruckt.
Zwischen 1885 und1890 hat der Scheiner-Verlag diese Ansichtskarte von Speyer gedruckt. Foto: Linzmeier-Mehn
Diese Ansichtskarte präsentiert zwei Ansichten der Madenburg beim südpfälzsichen Eschbach.
Diese Ansichtskarte präsentiert zwei Ansichten der Madenburg beim südpfälzsichen Eschbach. foto: stadtarchiv Kaiserslautern
„Gruß aus den Bergen der Pfalz“: Gleich sieben Motive zeigt diese Ansichtskarte, die 1897 verschickt wurde. Das ist typisch für
»Gruß aus den Bergen der Pfalz«: Gleich sieben Motive zeigt diese Ansichtskarte, die 1897 verschickt wurde. Das ist typisch für die Zeit. Foto: jüm
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