Rheinland-Pfalz Der Holz-Strichcode
«Mannheim». Die Klischees vom Herrn der Ringe oder dem Kellerkind kann Thorsten Westphal nicht mehr hören. Er ist Wissenschaftler und fürs Abgedroschene nicht zu haben. Auch wenn er jeden Tag zum Arbeiten in den Keller im Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim abtaucht und tatsächlich Ringe zählt. Westphal kann das Alter von Holz bestimmen. Dazu wird durch ein Auflichtmikroskop das Jahresringmuster bis auf ein Hundertstel Millimeter genau gemessen. Dieses Muster wird mit anderen Mustern derselben Holzsorte einer Region verglichen. Was Westphal in dieser Disziplin, für die es in Deutschland keinen Studiengang gibt, auszeichnet, ist die Datenbank, die er im Laufe seiner wissenschaftlichen Arbeit, und mit den, wie er schätzt, Millionen Messungen angelegt hat. Jeder Baum hat seinen eigenen Strichcode. Westphals Arbeitsreich liegt im Mannheimer Quadrat D6 unter der Kleinkunstbühne Klapsmühl. Auf den 15 Quadratmetern mit surrender Lüftungsanlage, Mikroskopen, Kettensäge, Imitat einer albanischen Ikone und Baumquerschnitten fühlt er sich wohl. Dem Besucher drückt er eine Kieferscheibe in die Hand. 14.500 Jahre alt – und doch so normal sieht sie aus. Nur mit sehr engen Jahresringen. Im Regal liegen mit Folie zusammengehaltene Holzkohle, teller- und wagenradgroße Baumscheiben. Doch was fängt er mit dem Holz an? Der promovierte Archäologe hat die Antworten darauf in einen 90-Minuten-Dia-Vortrag gepackt. Er hat gelernt, auch Laien seine Arbeit zu erklären: Er vergleicht den Baum mit Menschen. Beide legen an Umfang zu, wenn es ihnen gut geht, meint er. Der eine Holz, der andere Speck. Der eine im Winter womöglich mehr, der Baum dagegen weniger. Und wenn es mit Nährstoff- und Wassermangel oder Hitze ganz dicke kommt, herrscht Stillstand: kein Ring, eventuell eine Beule. Gibt es davon zu viele, scheitert die Altersdatierung. Auch Wurzel- oder Aststücke haben Tücken: Die Ringe sind verzerrt. Nur dank der jahreszeitlichen Schwankungen gibt es in unseren Breitengraden überhaupt dunklere und hellere Zeichnungen im Holz. Schon bei einer mediterranen Steineiche droht Westphals Methode zu scheitern mangels deutlicher Ringgrenzen. Funktioniert seine Methode, kann er auch Kunstfälschern auf die Schliche kommen. Bei Peter Paul Rubens’ „Die Lesende“ konnte er dagegen zeigen, dass die Holztafeln tatsächlich aus der Schaffenszeit des flämischen Malers stammen. Dazu schickte ihm das Museum die Computertomographie-Aufnahmen. So hochtechnisch muss es nicht immer zugehen. Eine Geige aus dem 18. Jahrhundert passte unters Mikroskop. Ihr Baujahr bestimmte er auf nach 1747 und damit zehn Jahre jünger als behauptet. Westphals über 28 Jahre gewachsenes Wissen hat sich in der Fachwelt herumgesprochen. Viele Anfragen muss er mittlerweile ablehnen: eine Bitte von den Osterinseln ebenso wie eine Anfrage zu Holzgriffen an tibetischen Waffen. Sein Arbeitgeber, das Mannheimer Zentrum für Archäometrie, ist ein Forschungsdienstleister im Kunst- und archäologischen Forschungsbereich sowie für Privatpersonen. Dort ist er wie bisher überall nur zeitlich befristet angestellt, was ihn sehr stört. Er überlegt, ob er ein Angebot aus der Autoindustrie annehmen soll – dann ginge es nicht mehr nur um den Holz-Strichcode, aber sicher raus aus dem Keller. Info Morgen, 14 Uhr, informieren Westphal und Archäologe Arno Braun im Haus der Nachhaltigkeit in Johanniskreuz, über ihre Arbeit in der Dendrochronologie. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich.