Rheinland-Pfalz Der digitale Patient
«Mainz». Gaston D’Aquino saß in einer Kirche in Hongkong, als ihm seine digitale Armbanduhr sagte, dass etwas mit seinem Herzen nicht stimmt. Der 76-Jährige war zunächst verwundert, ging daraufhin aber zum Arzt – obwohl er sich gut fühlte. Trotz Skepsis veranlasste der Arzt ein EKG und stellte fest, dass D’Aquino kurz vor dem Herzinfarkt stand. Über diese Geschichte berichtete die South China Morning Post aus Hongkong. Dass das teilweise schon Realität ist, davon erzählt Doktor Sebastian Kuhn, Unfallchirurg und Orthopäde sowie Privatdozent an der Universitätsmedizin Mainz. „Wir sind gerade am Anfang“, sagt er. Die Warnung, die die Uhr des Mannes aus Hongkong anzeigte, basiert auf dem Sammeln und Auswerten von Daten. Ähnliches gehört etwa bei Diabetikern schon heute zum Alltag. Patienten messen ihren Blutzuckerwert selbst, notieren ihn in einem Tagebuch und wählen die Menge an Insulin, die sie ihrem Körper verabreichen müssen, selbst. Es ist kein Arzt nötig. Eine App könnte das auch vollständig übernehmen, indem sie den Blutzuckerspiegel misst und einer Insulinpumpe mitteilt, wie viel injiziert werden soll. Wichtig ist, betont Kuhn, dass der Datenschutz beachtet wird. „Datenschutz ist ein essenzieller Bestandteil der Entwicklung“, sagt er. Wenn man alles beachte, könnten sowohl Ärzte als auch Patienten davon profitieren. Verbandswechsel in einer virtuellen Eislandschaft Mithilfe von Virtual Reality (VR) ist es möglich, das Gehirn auszutricksen, erzählt Kuhn. Etwa bei Menschen, die Verbrennungen erlitten haben. Über viele Wochen muss in diesen Fällen regelmäßig der Verband gewechselt werden, was jedes Mal schmerzhaft ist. So schmerzhaft, dass es anfangs oft unter Narkose passiert, später dann auf Schmerzmittel umgestiegen wird. Mithilfe von Technik geht das auch anders, sagt Kuhn: Der Patient bekommt eine VR-Brille aufgesetzt, durch die er eine virtuelle Eislandschaft sieht. Durch die visuellen Eindrücke denkt er nun, er sei in einer kalten Umgebung. Der Schmerz des Verbandswechsels fühle sich nicht mehr an wie eine Verbrennung, sondern sei erträglicher. Ein anderes Anwendungsbeispiel für VR kommt bei halbseitig gelähmten Patienten, etwa nach einem Schlaganfall, in Betracht. Dort setzt man schon heute auf die sogenannte Spiegeltherapie. Der Patient, bei dem etwa der linke Arm gelähmt ist, schaut in einen Spiegelkasten, bei dem die rechte Seite gespiegelt wird. Hebt er nun den rechten Arm, sieht es für ihn so aus, als hebe er auch den gelähmten linken Arm. Durch die visuellen Reize lernt das Gehirn, langsam die Motorik anzupassen und den kranken linken Arm zu trainieren. Das Problem dabei: Der Spiegel ist zu groß, um ihn überall mit hin zu nehmen. Die VR-Brille setzt man einfach auf und übt in einer virtuellen Umgebung. Mit VR üben können übrigens auch Ärzte. In einem virtuellen Operationssaal können angehende Mediziner Operationen trainieren – ohne Patient. Ähnlich funktioniert das bei Piloten, bei denen der Simulatorflug zum Standardprogramm der Ausbildung gehört. Genauso könnte es in Zukunft bei Ärzten aussehen. Medizinstudium müsste sich grundlegend verändern Im Medizinstudium muss ein Studierender oftmals reines Faktenwissen auswendig lernen, sagt Sebastian Kuhn. Diese „primitivste Denkleistung“ sorge jedoch dafür, dass im Studium zu wenig Zeit für die wesentlichen Dinge sei. Früher konnte jeder die Telefonnummern seiner besten Freunde auswendig, so Kuhn. Heute vielleicht noch die eigene. Denn: Wir haben digitale Telefonbücher. Mit wenigen Klicks können Kontakte angerufen werden, ohne die Nummer zu wissen. Warum also nicht auch in der Medizin? Statt Fakten auswendig zu lernen müsse man dazu übergehen, die Prinzipien zu verstehen, so Kuhn. Den Rest können Maschinen übernehmen – teilweise sogar besser als der Mensch. Für die Ärzte selbst würden dann wieder alte ärztliche Tugenden bedeutsamer. Es gehe mehr ums Hören, Tasten, Fühlen. Auch in anderen Bereichen, nicht nur in der Medizin, könne man von der Technik profitieren. Etwa die Rechtsprechung von Künstlicher Intelligenz (KI). Kleinere Streitigkeiten in erster Instanz könnten von KI-Algorithmen bearbeitet werden und die wiederum könnten von Menschen verfasste Gesetze anwenden.