Kolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Dem Virus einen Schritt voraus oder warum unsere Ausscheidungen so wertvoll sind

rheinpfalz_13_3_2021

Corona ist scheiße. Frau kann das sicher so deutlich sagen. Aber das, was wir ausscheiden, ist durchaus nützlich – Abwassermonitoring kann ein Element in der Bekämpfung der Pandemie sein. Während das Impfen stockt und Testen nicht alles ist, Ansteckungsherde länger unbemerkt bleiben und die Dunkelziffer vor allem bei asymptomatischen Krankheitsverläufen hoch ist, gibt es ein probates Frühwarnsystem: Viren-Fischen im Klärwerk. Günstig, schnell, anonym.

„Verheerende Trödelei“ oder Gründlichkeit

Doch wie schnell ist Deutschland, gar Rheinland-Pfalz damit? Der „Spiegel“ kommentierte im Januar eindeutig: „Verheerende Trödelei.“ Denn, so schrieb das Magazin, während Forscher in den Niederlanden Virenpartikel Tage vor den offiziellen Meldungen im Abwasser nachweisen können und in Österreich und der Schweiz die britische Virusvariante im Abwasser aufgespürt wurde, warte man hierzulande vergeblich auf solche Erfolgsmeldungen. Immerhin wird dazu auch in Deutschland geforscht.

Die Geschäftsführerin des in Mainz sitzenden Landesverbands der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA), Vera Heckeroth, beschwichtigt. „Wir sind nicht später als andere“, meint sie. Nur genauer. Wissenschaftliche Ergebnisse würden bei uns eben länger geprüft vor der Veröffentlichung. Gründlichkeit vor praktischem Nutzen?

Geld fürs Labor oder für den Lockdown

Schließlich blechen wir alle für Abwassergebühren – und wenn die wegen mehr Analytik und womöglich mehr Reinigungsstufen steigen – will jeder eine gute Begründung. Nicht erst im Nachhinein. Wobei: Wie sieht die Rechnung Labor gegen Lockdown aus? Das Virus jedenfalls wartet nicht...

Dem Virus einen Schritt voraus – das ist auch die Idee eines deutschen Forschungsprojekts von DWA, der TU Dresden und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Seit April 2020 wurde dazu im Wasser von zunächst 20, dann 50 Kläranlagen nach dem Coronavirus gesucht. In Rheinland-Pfalz waren Proben aus den Klärwerken in Koblenz und Mainz dabei. Mehr nicht. Umweltministerin Anne Spiegel (Grüne) hat just am Donnerstag erklärt, dass diese Art Abwasseranalytik langfristig zur Basis für ein Frühwarnsystem ausgebaut werden könnte. Das Land will sich einklinken.

Negatives Wasser

Schon jetzt sind Wissenschaftler sicher: „Wir können sagen, dass das Wasser positiv oder negativ ist“, so der Virologe René Kallies vom Helmholtz-Zentrum. „Und wir können sagen, ob es einen Anstieg oder Abfall gibt.“ Offenbar braucht es mehr Daten, auch um genauer die Geschwindigkeit vorauszusagen, mit der Hotspots größer werden, und wie stark der Anstieg ist.

Das Gute laut Forschern ist, dass das Virus in der Brühe nicht überlebt. Übrig bleiben Fragmente, von denen nach jetzigen Erkenntnissen keine Gefahr ausgeht.

Frust oder Lust

Aber, sagt frau in Mainz, es soll auch herausgefunden werden, wie viele Fragmente in der Umwelt landen. Schließlich fließt gereinigtes Abwasser in Flüsse und Bäche. Und die seien, so das Ministerium, aus anderen hygienischen Gründen gesundheitlich bedenklich. Also nicht zum Baden geeignet. Wann wird nicht nur die Scheiß-Corona-Zeit enden, sondern die Zeit kommen, in der ein Sprung in den See ausschließlich eine Frage der Lust ist?

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