Rheinland-Pfalz
Bloß nicht Marokkanisch!
Warum Sternekoch Faycal Bettioui mit der Küche seiner Heimat und der deutschen Sprache hadert.
Wie ein Meteorit ist der vom Guide Michelin vergebene Stern in dieser Woche im südpfälzischen Neupotz eingeschlagen. Das am Altrhein gelegene Dorf sonnt sich in seinem bundesweiten Ruhm. Neupotz ist sowieso ein Phänomen. Die sieben Wirtschaften im Ort können sich sehen lassen. Im Sommer gibt es sogar eine kulinarische Nacht, bei der sich Feinschmecker mit einem Schoppenbähnel von einer Spezialität zur nächsten gondeln lassen. Und jetzt die Sensation: Ein Stern für den Kronenwirt aus dem fernen Nordafrika. Kerstin Bettioui strahlt. Das Telefon im Restaurant „Krone“ steht nicht mehr still, seit Faycal Bettioui in die Liga der deutschen Spitzenköche aufgestiegen ist. Innerhalb weniger Stunden nach der Auszeichnung hagelte es über 50 Reservierungsanfragen und 150 E-Mails liefen auf. Der Anrufbeantworter spuckte satte 38 Nachrichten aus, als das Ehepaar in der vergangenen Woche aus Berlin in die Südpfalz zurückkehrte.
Aus Miami nach Neupotz
Während der 36-jährige Chefkoch über neuen Rezepten brütet, kann Kerstin Bettioui ihr Glück kaum fassen. All die Mühe der vergangenen Jahre wurde belohnt. „Wir sind begeistert“, sagt sie. „Und krempeln die Ärmel hoch.“ Die Südpfälzerin ist momentan noch das Sprachrohr ihres Mannes, denn der gebürtige Marokkaner wird in den nächsten Wochen sicher noch weniger Zeit zum Deutschlernen finden als bisher. 2015 hat er mit seiner Frau die „Krone“ übernommen. Zuvor hatten beide in Miami ihre Gäste verwöhnt. Kerstins familiäre Wurzeln in Neupotz gaben den Ausschlag, mit den beiden Kindern in die Pfalz zurückzukehren. Damit am Herd nichts schiefgeht, wird in der Küche ausschließlich Englisch gesprochen. Gekocht wird aber Französisch. Und zwar auf eine moderne, leichte Art. Das Elsass ist nah, die Produkte sind frisch: Fisch und Meeresfrüchte kommen aus Frankreich, Gemüse und Obst von Märkten in der Region, Kartoffeln und Möhren vom Hof des Schwagers in Hatzenbühl. Sechs Tische hat das Restaurant, 18 bis 20 Gäste können dort speisen.
Gehoben, aber nicht abgehoben
Allerdings keineswegs Marokkanisch! Bettioui hat zwar nichts gegen ein köstliches marokkanisches Couscous, doch wahre Essenskultur ist das für ihn nicht. Bettioui hat seine Heimat schon mit 18 Jahren verlassen, um in Amerika Medizin zu studieren. Bis ihn die Leidenschaft für gutes Essen einen anderen Weg einschlagen ließ. Seitdem hat er in vielen renommierten Etablissements zwischen New York und Miami gekocht, wo er eine internationale Küche schätzen lernte. Allenfalls orientalische Gewürze wie Safran oder Koriander lassen seine Herkunft noch erahnen. Seine Kochkunst ist puristisch, aber einfallsreich, setzt auf immer neue Kombinationen. Faycal Bettiouis Küche gilt als gehoben, aber nicht abgehoben. Anfangs fand Spitzenkoch Peter Steverding vom Knittelsheimer Gourmet-Lokal „Isenhof“ die Gerichte seines jungen Kollegen viel zu billig. Für solche Qualität müsse mehr bezahlt werden, sagte er immer, wenn er dessen Kochkunst rühmte. Steverding verzichtete übrigens 2016 auf seinen Stern, um wieder entspannt auf höchstem Niveau kochen zu können.
Saumagen macht Spaß
Die „Krone“ hat sich inzwischen in der Szene etabliert. Die Sternenküche hat ihren Preis. Das viergängige Tasting Menü kostet nun 69, das sechsgängige 99 Euro. Zur gebratenen Seezunge gibt es derzeit Muscheln und Lauchcreme, zum Milchkalb reicht der frisch gekürte Spitzenkoch Topinambur und Winterspargel. Dass Kerstin Bettioui ihren Mann in einem amerikanischen Restaurant kennenlernte, versteht sich von selbst. Und dass sie ihm und seiner Kochkunst erlag, ist nicht verwunderlich. Mit der Pfälzer Kost ist der Kronenwirt schon vertrauter als mit der schweren Sprache. Es macht ihm Spaß, Saumagen, Schweinebauch und Currywurst zu probieren. Für die „Krone“ hat er nun auch die schlichte Pfälzer Steckrübe wieder entdeckt und veredelt. Mit Hummer und Safran kombiniert, ist sie jetzt „nix mehr fer die arme Leit“…