Südwest
Bistum Speyer: Debatte um Reformkonzept läuft auf allen Ebenen
„Wir sind weniger und wir haben weniger.“ Generalvikar Markus Magin verdichtet in einem Satz das Kernproblem, mit dem die katholische Kirche (nicht nur) im Bistum Speyer zu kämpfen hat: einerseits viele Gläubige, die ihr aus unterschiedlichen Gründen den Rücken kehren, andererseits die geringere Anzahl an Hauptamtlichen in Seelsorge und Verwaltung sowie, ganz profan, schwindende finanzielle Möglichkeiten. Konkret heißt das: Die Diözese wird von rund 466.000 Katholiken in der Pfalz und Saarpfalz innerhalb von zehn Jahren auf eine Gemeinschaft von im ungünstigsten Fall 300.000 und, optimistisch gerechnet, um die 400.000 Menschen schrumpfen.
Das Kirchensteueraufkommen ist trotz vieler Austritte, gekoppelt an die boomende Konjunktur in Deutschland, seit der Jahrtausendwende bis zuletzt tendenziell gestiegen. Dieser Trend dreht sich nach Angaben von Domkapitular Peter Schappert nun: Nur mit einem Griff in die Rücklagen gelingt es in diesem Jahr bei rund 126 Millionen Euro Steueraufkommen, Einnahmen und Ausgaben auszugleichen. Künftig allerdings geht die Schere auseinander: Würde das Bistum weitermachen wie bisher, stünden schon 2035 schlimmstenfalls Kosten von rund 195 Millionen nur noch 106 Millionen Euro Kirchensteuereinnahmen gegenüber.
Verschiedene Formate
Wie kann es angesichts solcher Zahlen gelingen, gesellschaftliche Relevanz zu erhalten und den Bedürfnissen der Gläubigen vor Ort gerecht zu werden? Die Erkenntnis, dass die bisherigen Strukturen und Systeme im Bistum Speyer in naher Zukunft an ihre Grenzen stoßen, hat die Suche nach einer Antwort auf diese Frage zuletzt offenbar deutlich beschleunigt. Schon im vergangenen Herbst haben Generalvikar Magin und Thomas Kiefer, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge, der Diözesanversammlung einen auf der Gemeindepastoral 2015 basierenden Reformvorschlag präsentiert, der seitdem in verschiedenen Formaten und Kreisen diskutiert wird – am Dienstag erstmals als Videokonferenz.
Basis aller Überlegungen ist laut Markus Magin die Erkenntnis, dass es für Gestaltung und Verwaltung kirchlicher Arbeit einer höheren Strukturebene bedarf als die aktuell noch rund 70 Pfarreien. Um die dort hauptamtlich Tätigen zu entlasten, soll nach Vorstellung der Bistumsleitung eine Institution gestärkt werden, die in der katholischen Kirche im Gegensatz zu den Protestanten eher geringe Bedeutung hatte: das Dekanat. Zehn oder elf dieser Einheiten soll es geben: Speyer wäre mit fast 47.000 Katholiken das größte, Donnersberg mit rund 13.000 Gläubigen das kleinste Dekanat. Die Gemeindearbeit sollen Teams mit insgesamt rund 120 Vollzeitstellen leisten.
„Seelsorge braucht Nähe“
Für die Dekanate als Grundlage einer Reform spricht aus Sicht des Generalvikars, dass es diese Struktur schon gebe. „Wir können etwas nutzen, dass bereits vorhanden und bekannt ist.“ In größeren Räumen sei zudem besser abzufedern, dass anders als bisher „nicht überall alles angeboten werden kann“, sagt Magin. Weniger Stress durch Verwaltungsaufgaben, mehr Raum für die Seelsorge – das solle der langfristige Effekt sein. Denn: „Seelsorge braucht Nähe“, betont der Verwaltungschef des Bistums.
Weil Hauptamtliche ohnehin fehlen und es nach Magins Eindruck zunehmend schwerer geworden ist, Ehrenamtliche für feste Aufgaben zu gewinnen, müsse Führungsverantwortung unterhalb der Dekanate „neu gedacht“ werden. „Es ist eine große Vielfalt an Modellen möglich“, sagt der Generalvikar. Bei der Jahrespressekonferenz des Bistums vergangene Woche betont Magin mehrfach die Durchlässigkeit und Transparenz des Reformprozesses. Synodal – also gemeinsam und breit angelegt – solle die Debatte stattfinden: mit Besuchen in allen zehn Dekanaten, bei zusätzlichen Terminen mit Hauptamtlichen und den erwähnten offenen Formaten. Rückmeldungen seien auch per E-Mail möglich. Magin: „Der Entwurf ist noch kein geschlossenes Konzept.“
Beschluss im Herbst
Einen Zeitplan und ein Ziel gibt es Kiefer und Magin zufolge dennoch: Bis Ostern soll die Debatte laufen, dann wird die Diözesanversammlung den aktuellen Stand betrachten, es folgt eine Überarbeitung und eine zweite Beratungsrunde bis in den Herbst hinein. Im November sei das abschließende Votum der Gremien geplant, ehe die finale Fassung an Bischof Karl-Heinz Wiesemann weiterwandert. Dann geht’s in die Umsetzung, für die der Generalvikar rund ein Jahr veranschlagt. Insofern könnte Anfang 2027 starten, was Markus Magin und Thomas Kiefer mit dem Motto „Ein Segen sollt ihr sein“ versehen haben.
Für den früheren Frankenthaler Oberbürgermeister und ehemaligen Vorsitzenden des Bezirkstags Pfalz, Theo Wieder, der seit vergangenem November gemeinsam mit Isabelle Faul die Diözesanversammlung leitet, ist es für eine Bewertung des eingeschlagenen Weges noch zu früh. Die entscheidenden Faktoren benennt er wie Markus Magin: einerseits die Effizienz der Strukturen, andererseits die Nähe zu den Menschen. Es stehe harte Argumentationsarbeit bevor. Zwar müssten kirchliche Angebote bedarfsorientiert sein, die Gläubigen müssten aber auch den Angeboten folgen und lernen, „den eigenen Kirchturm zu ignorieren“. Isabelle Faul formuliert den Anspruch zukunftsgerechter Strukturen so: Es dürfe im Bistum nicht zur „Überforderung der Wenigen“ kommen.
Noch Fragen?
Gläubige aus dem Bistum Speyer können sich am Dienstag, 4. Februar, 18 bis 20 Uhr, an einer Videokonferenz über die Plattform Zoom beteiligen. Interessierte erhalten nach Anmeldung per E-Mail an einsegensolltihrsein@bistum-speyer.de einen Zugangslink. Das Bistum bittet um Angabe des Namens sowie der beruflichen und/oder ehrenamtlichen Tätigkeit. Der Entwurf des Reformkonzepts kann auf der Website des Bistums unter www.bistum-speyer.de/segensein eingesehen werden.