Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Bildungsministerin Hubig zum Schuljahr 2020/21: „Die Schulpflicht gilt“

Lehnt die Reihentestung von Lehrern ab: Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD).
Lehnt die Reihentestung von Lehrern ab: Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD).

Ohne Abstand und ohne Masken sollen Schüler in Rheinland-Pfalz nach den Sommerferien unterrichtet werden. Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) erklärt, warum sie das für verantwortbar hält, weshalb sie für Noten ist und wie sie die Gefahren eines Sommerurlaubs auf Mallorca einschätzt.

Frau Ministerin, nach den Sommerferien wird es kaum schon einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 geben. Dennoch wollen Sie, dass Schüler ohne Abstand und Maske unterrichtet werden. Ist das nicht zu gefährlich?
Wir haben diese und viele weiteren Fragen mit unseren Expertinnen und Experten aus den Bereichen Virologie, Epidemiologie, Kinderheilkunde, Erziehungswissenschaften und Kinder- und Jugendpsychiatrie besprochen. Sie sagen: Das ist verantwortbar, wenn man zusätzliche Maßnahmen ergreift. Es ist wichtig, dass Eltern keine Kinder mit Symptomen in die Schule schicken, dass der Klassenverband zusammenbleibt, wo dies möglich ist. Die allgemeinen Hygienebedingungen müssen befolgt werden, das Lüften ist ganz wichtig und wir müssen einen Plan haben, was passiert, wenn es zu einem Infektionsfall kommt. All das bereiten wir gerade vor.

Sollen die Abstandsregeln nur im Klassenraum aufgehoben werden oder gehen Sie davon aus, dass sie in zwei Monaten generell fallen?
Letzteres kann ich nicht beantworten, das müssen die Gesundheitsexperten tun. In den Kitas haben wir schon jetzt keine Abstandsregeln und in den Schulen ist das nach Auffassung unserer Experten ebenfalls möglich. Es gibt Erkenntnisse, wonach das Übertragungsrisiko bei Kindern unter zehn Jahren und wohl auch bei unter 14-Jährigen wahrscheinlich deutlich geringer ist als bei Erwachsenen. Das erlaubt es uns, auf die Abstandsregeln in unseren Bereichen zu verzichten. Ich habe die Verantwortung für die Gesundheit von Schülern, Lehrkräften und anderen Menschen an der Schule wie auch deren Angehörigen. Aber ich habe vor allem auch die Verantwortung dafür, dass Kinder und Jugendliche Zugang zu Bildung und dem sozialen Ort Schule bekommen. Deshalb ist das keine Schwarzweiß-Entscheidung sondern eine Abwägungsfrage. So lange die Abstandsregeln gelten, wird ein annähernd normaler Unterricht nicht möglich sein.

Was heißt „annähernd normal“?
Auch der Unterricht im neuen Schuljahr wird nicht zu 100 Prozent so sein wie vor Corona. Das liegt daran, dass wir Lehrkräfte haben, die der Risikogruppe angehören, und die von zu Hause arbeiten. Das liegt auch daran, dass wir uns auf Unterricht und Inhalte fokussieren werden. Das heißt zum Beispiel, es wird keine Klassenfahrten oder Schultheateraufführungen geben bis zum Herbst.

Ein 62-jähriger Lehrer einer Wormser Schule hat gegen seinen Einsatz im Präsenzunterricht geklagt und unterlag vor Gericht. Welchen Widerstand erwarten Sie von Lehrern?
Der Lehrer ist meines Wissens an einer privaten Schule angestellt. Denn im Landesdienst müsste er im Moment nicht unterrichten. Wir sind und waren zu diesen Fragen immer mit den Verbänden und Gewerkschaften im Gespräch. Die meisten gehen sehr verantwortungsvoll mit der Situation um. Es ist wichtig, dass Lehrkräfte geschützt sind so wie alle Menschen in der Schule. Aber es ist auch klar, dass sie nicht in dem Maß Sonderregeln in Anspruch nehmen können, wie sie jetzt noch gelten. In allen Bereichen begeben sich Menschen wieder an ihren Arbeitsplatz und treffen andere Menschen. Dort, wo es Gründe gibt, können Lehrkräfte auch nach den Ferien von zuhause aus unterrichten. Sie müssen dann allerdings per Attest nachweisen, dass sie zur Risikogruppe gehören.

Der Berliner Virologe Christian Drosten empfiehlt, Lehrer wöchentlich zu testen. In Rheinland-Pfalz unterrichten 41.000. Was halten Sie davon?
Das entspricht nicht den Empfehlungen, die wir von unseren Experten haben. Eine anlasslose Reihentestung jede Woche ist nur eine Momentaufnahme. Sie gaukelt eine falsche Sicherheit vor. Nach der rheinland-pfälzischen Teststrategie muss anlassbezogen sehr schnell getestet werden. In Schulen und Kitas nutzen wir zudem die Möglichkeit der Querschnittstests. Wir testen 35 Einrichtungen mit 1500 Menschen – Kinder, Jugendliche und Erwachsenen – vor und nach den Sommerferien.

Mallorca lockt wieder deutsche Urlauber, andere Ziele sind auch erreichbar. Fürchten Sie, dass danach die zweite Corona-Welle anrollt?
Diese Frage habe ich auch den Experten gestellt. Sie sagen, solange Menschen nur in Länder reisen, in denen das Infektionsgeschehen ähnlich niedrig ist wie in Deutschland, werden die Sommerferien wahrscheinlich keinen Unterschied machen. Wichtig ist, dass sich alle in den Ferien diszipliniert verhalten. Trotzdem müssen wir das genau beobachten.

Grundschüler in Sachsen und Sachsen-Anhalt gehen bereits alle wieder zur Schule. Hätten Sie sich als Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK) ein einheitliches Vorgehen gewünscht?
Die KMK arbeitet gut zusammen und entscheidet die großen Leitlinien gemeinsam. Da die Sommerferien unterschiedlich liegen, kehren einige kurz vorher, andere danach zum Regelbetrieb zurück. Im Kern gehen wir aber alle in die gleiche Richtung. Das fing bei den Abschlussprüfungen an und ging mit der stufenweisen Öffnung der Schulen bis hin zur Rückkehr zum Regelbetrieb weiter.

Nächste Woche konferiert die KMK erneut. Geht es dann auch um einen Plan B, wenn das Infektionsgeschehen doch weiter Abstandsregeln erfordert?
Die Sitzung wird vor allem deshalb wichtig sein, weil wir Bildungsforscher eingeladen haben, die uns beraten, was für das nächste Schuljahr kurz-, mittel- und langfristig wichtig ist. Das gilt besonders mit Blick auf die leistungsschwächeren Schüler und jene, denen es an Unterstützung zu Hause fehlt. Abgesehen davon: Alle Länder planen mit verschiedenen Szenarien.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung schlägt vor, dass auch nächstes Jahr Versetzungen und Abschlüsse unabhängig von Noten erfolgen sollen. Wie stehen Sie dazu, nachdem in diesem Schuljahr das Sitzenbleiben schon ausfällt?
Wir möchten da mehr leistungsorientiert vorgehen. In einem weitgehenden Normalbetrieb soll es Noten geben. Wir haben das Sitzenbleiben in diesem Jahr ausgesetzt, weil wir beim Fernunterricht nicht sicherstellen konnten, dass alle Schüler die gleichen Chancen hatten.

Einige Schüler waren nach der Schulschließung ganz abgetaucht, an manchen Schulen bis zu zehn oder 20 Prozent. Sind die inzwischen wieder da?
Ich höre von unseren Schulleitungen, dass sehr viel mehr wieder zurück sind. Die Schulen haben auch mit der Hilfe von Schulsozialarbeitern wieder mehr zurückgeholt. Wir wissen aber von einzelnen, die bisher noch nicht wieder erreicht werden konnten. Diese müssen und werden wir im neuen Schuljahr erreichen. Die Schulpflicht gilt.

Wie sieht der Präsenzunterricht im nächsten Schuljahr aus? Frontal, ohne Sport und Gesang und die Pausen werden im Klassensaal verbracht?
Er wird erst einmal ohne Singen sein, weil sonst eine Gefahr durch die Aerosolausstöße droht. Aber auch in diesem Punkt ist das Geschehen dynamisch. Schauen Sie mal drei Monate zurück, da hatte noch niemand von Abstandsregeln gehört. Wir arbeiten an einem Konzept, dass auch Sportunterricht wieder in Hallen stattfinden kann. Es ist einfach wichtig, dass sich Kinder und Jugendliche bewegen.

Ihr Plan B sieht den Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht vor. In einem Schreiben an die Schulleiter wird gefordert, die Stundentafel einzuhalten. Was bedeutet das?
Auch wenn wir in den eingeschränkten Regelbetrieb gehen müssten, wird weiter die Stundentafel gelten. Das bedeutet also, dass alle Fächer grundsätzlich so wie immer unterrichtet werden. Dann kann es dazu kommen, dass ein Teil der Schüler im Klassenzimmer unterrichtet und der Rest per Videokonferenz zugeschaltet wird. Es geht darum, dass der Stoff regulär vermittelt werden soll und kein Fach ausfallen muss.

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