Rheinland-Pfalz
BASF-Prozess: Zu schlechte Sicht auf Rohrgraben bemängelt
Was beim verheerenden Explosionsunglück im Oktober 2016 auf ihrem Ludwigshafener Werksgelände passiert ist, hatte die BASF ansatzweise schon ein knappes Jahr vorher durchgespielt. Und dabei hatte sich bereits abgezeichnet, was bei Rettungsversuchen zum Problem werden könnte. Doch in wenigstens einem Punkt hatte sich noch nichts geändert, als der Ernstfall tatsächlich eintrat.
Es ist ein brandgefährliches Szenario, das die BASF bei ihrer Großübung im November 2015 durchspielt: Aus einem Leck im Rohrsystem am Nordhafen ist eine Gaswolke ausgetreten, die sich prompt entzündet hat. Nun lodern Flammen unter einer Ethylen-Fernleitung, die sich dort neben Dutzenden weiteren Pipelines in einen Graben schmiegt und besonders empfindlich ist. Denn wenn sie sich erhitzt, kann sie in kürzester Zeit zerplatzen. Und dann drohen verheerende Folgen, die ein knappes Jahr später auch tatsächlich eingetreten sind.
Seit Februar steht in Frankenthal deshalb ein externer Arbeiter vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft macht ihn für das Inferno im Oktober 2016 verantwortlich, das fünf Menschenleben kostete und einen Millionenschaden anrichtete. Denn er soll mit seiner Flex versehentlich ein falsches Rohr angeschnitten und so ein Feuer entfacht haben, dessen Hitze nach wenigen Minuten die Ethylen-Leitung bersten ließ. Doch wenn demnächst das Urteil über ihn fällt, werden die Richter auch sagen, ob der Chemiekonzern genug getan hatte, um so eine Katastrophe zu verhindern.
Verwirrung um vermeintliches Test-Feuer
Dass die BASF im November 2015 das spätere Unglücksszenario in Teilen vorweggenommen hatte, schien in den vergangenen Prozess-Monaten kaum eine Rolle zu spielen. Grübeln ließ die Juristen zunächst nur ein Foto, das die Übung dokumentierte und echtes Feuer im Leitungsgraben zu zeigen schien. Woraufhin die Richter wissen wollten, ob der Konzern allen Ernstes einen Test-Brand angezündet hatte. Bis sie erfuhren, dass ein Bildbearbeitungsprogramm die Flammen in die Aufnahme hineingezaubert hatte.
Mittlerweile allerdings lässt sich aus Andeutungen und im Gerichtssaal gestellten Fragen erschließen, dass die Juristen der Übung doch mehr Bedeutung beimessen. Schließlich hat ihnen ein BASF-Meister im Februar berichtet, wie er kurz vor den verheerenden Explosionen an die Unglücksstelle geeilt war. Dort sah er dann, dass die Ethylen-Leitung sich schon dunkelrot verfärbt hatte und gleich darauf bersten würde. Von der nahen Leitwarte aus hingegen ließ sich Zeugen zufolge lediglich erspähen, dass es im Rohrgraben brannte.
Kritikpunkte in der Übungsbilanz
Wo genau die Flammen gerade wüteten und in welchem Zustand die Pipelines inzwischen waren, war von dem sicheren Ausguck aus nicht zu erkennen. Dass es deshalb im Ernstfall Probleme geben könnte, war allerdings schon bei der Übung im Vorjahr aufgefallen – und in der Abschlussbilanz zusammen mit weiteren Kritikpunkten bemängelt worden. Doch dass daraus dann auch Konsequenzen gezogen worden wären, hat keiner der im Prozess vernommenen BASF-Vertreter behauptet.