Rheinland-Pfalz
Alarmierende Zustände in den Kitas? Was eine Experten-Umfrage sagt
Der Verband Kita-Fachkräfte Rheinland-Pfalz schlägt einmal mehr Alarm. Seit dem vom Land initiierten und umstrittenen Kita-Gesetz im Sommer 2021 sei es „in keinem Bereich“ besser geworden: nicht für die Erzieher und Erzieherinnen, die Eltern und schon gar nicht für die Kinder. Der Verband sprach bei der Vorstellung einer Umfrage am Montag sogar davon, dass das Kindeswohl „permanent gefährdet“ sei.
Um welche Umfrage geht es?
Im Frühjahr nahmen 1021 rheinland-pfälzische Kita-Fachkräfte an der aus 137 Fragen bestehenden Online-Umfrage des Kita-Fachkräfteverbands Rheinland-Pfalz, der Lobby der Erzieher und Erzieherinnen, teil. Gefragt wurde unter anderem nach Arbeitsbedingungen, unbesetzten Stellen und der pädagogischen Arbeit. Herausgefunden werden sollte, was das neue Kita-Gesetz bisher gebracht hat.
Was ist das „Kita-Zukunftsgesetz“?
Es trat im Sommer 2021 in Kraft und verspricht Eltern, dass Kinder täglich sieben Stunden am Stück in einer Kita betreut werden können und ein warmes Essen bekommen. Die Eltern sollten mehr Mitspracherechte erhalten, dazu gab es Änderungen bei der Personalberechnung. Bis zur vollen Umsetzung des Gesetzes haben die Träger der Kitas bis 2028 Zeit.
Was hat sich seitdem geändert?
Das große Ziel des Gesetzes, die Sieben-Stunden-Betreuung, kann gemäß der Umfrage aktuell offenbar ein Viertel der befragten Kitas überhaupt nicht gewährleisten. Das Ergebnis der Studie sei „besorgniserregend“, hieß es bei der Präsentation. Das Gesetz habe weniger Qualität, weniger Kindeswohl und weniger Zeit für das einzelne Kind gebracht.
Was sind die Ergebnisse der Verbandsumfrage im Einzelnen?
Der Verband bewertet seine Umfrage als repräsentativ. Von den Befragten sagten demnach 93 Prozent, dass sie nicht allen Kindern von zwei bis sechs Jahren gute Betreuung und Bildung in ihrer Einrichtung bieten könnten. 81 Prozent könnten die Fürsorge- und Aufsichtspflicht nicht immer gewährleisten. Die große Mehrheit (88 Prozent) sagte, dass die Räumlichkeiten der Kita zu klein sind.
Dazu gebe es Personalmangel: 73 Prozent gaben an, dass die Kita allenfalls an ein oder zwei Tagen pro Woche personell voll besetzt war. Das alles habe Konsequenzen für die Arbeitsbelastung der Mitarbeitenden, aber auch für die Kinder. Fast 80 Prozent der Teilnehmenden fühlten sich „überfordert“. „Viele wollen ihren Job aufgeben“, sagte die Vorsitzende des Verbands, Claudia Theobald, die in der katholischen Kindertagesstätte St. Elisabeth in Haßloch (Kreis Bad Dürkheim) arbeitet.
Warum spricht der Verband von „permanent gefährdetem Kindeswohl“?
Im lauten und stressigen Alltag bleibe keine Zeit zu registrieren und nachzuforschen, wenn Kinder zu Hause Probleme hätten oder womöglich Schlimmeres erlitten. „Alle Kita-Akteure müssen sich ... die bange Frage stellen, welche körperlichen und psychischen Entwicklungsrisiken es birgt, wenn junge Kinder in unzureichenden Räumlichkeiten mit überfordertem Personal, das nicht die notwendige Zuwendung geben kann, ihren Tag verbringen“, so der Verband.
Was fordert der Verband?
Grundsätzlich befürwortet der Verband das Kita-Gesetz, kritisiert aber dessen Umsetzung. Gesetzgeber, Kommunen, Träger, Leitungen und Fachkräfte müssten jedoch Prioritäten setzen und ein Ziel nach dem anderen angehen statt „alles auf einmal“. Es brauche mehr Personal, größere Räume. Bei Unterbesetzung müssten aber auch die Kitas reagieren und Öffnungszeiten reduzieren und notfalls Kinder abweisen.
Was sagen Menschen, die Kitas in der Pfalz leiten?
Das neue Gesetz begrüßt man zwar weder im Haus des Kindes in Pirmasens noch bei den „Pfalzkitz“ in Grünstadt im Kreis Bad Dürkheim. Kita-Leiter Markus Schubert, 33, („Pfalzkitz“) und Susanne Schmechel, 55, (Haus des Kindes, Pirmasens) klagen zwar nicht über unbesetzte Stellen, wie sie auf RHEINPFALZ-Nachfrage sagen. Aber: „Das Gesetz ist totaler Quatsch“, meint Schmechel. Ihr Beispiel: Kinder, die mit zwei Jahren zu alt sind für die Krippe, könnten jetzt nur noch mit einer Ausnahmegenehmigung bleiben, blockierten so aber einen Platz für „neue“ Krippenkinder, während sie selbst auf einen Platz in der „Regelgruppe“ warten. Schubert kritisiert die neue Personalberechnung, die „Abschaffung der Fachkräfte für Sprachförderung und für Interkulturalität“. Zwischen vorher und nachher „klafft eine Lücke“. Für die Arbeit mit den Kindern sehe das Land schlicht nicht genügend Personal vor.
Was entgegnet die Ministerin?
Viele Kritikpunkte der Umfrage stehen Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) zufolge nicht im Zusammenhang mit dem Kita-Gesetz. „Richtig und wichtig ist aber, dass die Umfrage erneut aufzeigt, wo es Handlungsbedarf gibt.“ Mit dem Kita-Gesetz würden jedoch seit 2021 positive Impulse gesetzt, so Hubig.
