Rheinland-Pfalz „Überraschender als ein normaler Mann“

Waldfischbach-Burgalben. Für eine Wissenschaftlerin an einem BWL-Lehrstuhl hat sie ausgefallene Klamotten an: Zur Fachhochschule in Zweibrücken geht Mechthild Steiner seit zwei Jahren mit einem Schleier, denn sie lebt als Ordensschwester auf Maria Rosenberg. Am Sonntag geht für sie die Probezeit zu Ende, sie bindet sich mit einem Versprechen – der Profess – an diese Lebensform. Im Interview verrät die 29-Jährige, warum ihr beim vielen Beten nicht langweilig wird.
Ja, entsprechend freue ich mich auch drauf. Hat Ihre Entscheidung für diese Lebensform etwas damit zu tun, dass Sie Mathematikerin sind? Ist Jesus berechenbarer als ein normaler Mann? So würde ich das nicht sagen. Jesus hält deutlich mehr Überraschungen bereit, als das normale Männer tun – jedenfalls so weit ich das mit meiner eigenen Erfahrung mit Männern beurteilen kann. Aber ist er nicht manchmal doch ein bisschen abstrakt, so als Lebenspartner? Ich meine, richtig in den Arm nehmen wird er Sie nicht ... Vielleicht nicht im physischen Sinn. Kommen da ein bisschen auch Ihre Mitschwestern mit ins Spiel? Gemeinschaft ist mir jedenfalls sehr wichtig. Das ist etwas, was Menschen brauchen: Gemeinschaft mit anderen, die die gleiche Lebensform leben, die den gleichen Weg gehen. Und die die gleiche Liebe zu Jesus haben. Wie viele Mitschwestern haben Sie denn im Moment? Zwei. Schwester Theresia kommt aus der Hinterpfalz. Sie ist also die einzige von uns, die hier die Landessprache beherrscht. Und Schwester Lucia kommt ursprünglich aus Brasilien, ist daher mit einem entsprechenden Temperament gesegnet. Und Sie? Sie bringen da noch so ein trocken-norddeutsches Element rein? Ich komme ursprünglich aus der Nähe von Siegen, was für die Pfälzer Norddeutschland ist. Daher auch der norddeutsche Humor. Ich glaube, dass wir drei uns ganz gut ergänzen. Drei Frauen, die die ganze Zeit aufeinanderhocken – kann das gut gehen? Offensichtlich kann es das. Unser Verhältnis ist ziemlich eng und intensiv. Wir können alles untereinander besprechen. Das geht zu dritt wahrscheinlich auch besser als in einer großen Gruppe von 50 oder 100 Leuten. Das Entscheidende ist die Liebe zu Jesus, die uns zusammenhält. Bei aller Liebe zu Jesus: Gibt’s nicht manchmal auch Knatsch? Natürlich. Es gibt die kleinen Zwistigkeiten, die Missverständnisse im Alltag. Da reden wir dann halt drüber. Mit wem kommt man eigentlich leichter zurecht – mit Ordensschwestern oder mit Mathematikern? Kommt drauf an, ob man Mathematiker ist. Wenn man keiner ist, hat man es mit Ordensschwestern sicher leichter. Und wie kommen Mathematik-Studenten mit einer Ordensschwester zurecht, die sie mit Schleier unterrichtet? Das weiß ich nicht, wir haben an der FH nur Wirtschaftsstudenten. Am Anfang war es für sie schon, ja, ungewohnt. Aber mittlerweile ist es normal. Und außerdem meine ich immer noch: Wenn man seine Sache kann, dann wird man auch akzeptiert. Egal ob als Mann, Frau oder Schwester. Das merken die Studenten ganz schnell. Man muss eben auch ein bisschen von sich selbst überzeugt sein. Das klingt jetzt aber nicht wie die demütige Klischee-Nonne ... Falsche Demut ist keine Demut. Es ist schon in Ordnung, wenn ich weiß, was ich kann. Ich muss mir deshalb ja nicht gleich was darauf einbilden. Und was machen Sie so den ganzen Tag auf dem Rosenberg? Ja, morgens steht man hier erst einmal auf ... War es das, was Sie wissen wollten? Naja ... Vielleicht mehr die Punkte, in denen sich Ihr Leben von dem anderer Menschen unterscheidet. Ja, das kommt ja gleich danach: Morgengebet und Messe, dann Frühstück. Tagsüber geht jede von uns ihrer Arbeit nach. Mittags und abends beten und essen wir wieder. Danach haben wir noch einmal Zeit fürs ganz persönliche Gebet. Außerdem kommen auf den Rosenberg ja viele Menschen, die wir zum Teil auch betreuen: Exerzitiengruppen, Kommunionkinder, Wallfahrer. Sie bestimmen den Rhythmus mit. Wird die Beterei nicht irgendwann auch mal langweilig? Nein. Wirklich nicht? Nein. Wenn man bei seinem Geliebten ist, wird einem nicht langweilig. Und wenn einem doch langweilig wird, dann weiß man zumindest, dass man ihm durch seine Anwesenheit eine Freude macht.