Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Ärztin rät Eltern von magersüchtigen Kindern: „Keine Vorwürfe machen“

Es gibt viele Formen von Essstörungen wie Magersucht, Bulimie und unkontrollierte Essanfälle.
Es gibt viele Formen von Essstörungen wie Magersucht, Bulimie und unkontrollierte Essanfälle. ARCHIVFoto: DPA

An Magersucht erkranken Mädchen immer früher – teilweise schon mit zwölf Jahren. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Klingenmünster ist gut vernetzt mit niedergelassenen Psychotherapeuten, um betroffenen Familien zu helfen. Lena* hat ihre Magersucht seit eineinhalb Jahren im Griff. Die 17-Jährige erzählt, wie sie von der Essstörung Abstand gewonnen hat. Ein Erfahrungsbericht.

KLINGENMÜNSTER. Beklemmend und einengend war das Leben, als ihre Gedanken noch permanent ums Essen kreisten. Heute hat Lena mehr Abstand zu dem leidigen Thema Ernährung. „Jetzt ist Essen für mich etwas Natürliches, das ich nebenbei erledige“, erzählt die zierliche 17-Jährige bei einem Treffen in der Südpfalz. „Mein Fokus liegt mittlerweile mehr auf meinen Hobbys und anderen Dingen, die mir Spaß machen.“

Während ihrer schlimmsten Phase wog Lena nur noch 34 Kilogramm. In dieser Zeit konnte sie kaum noch etwas zu sich nehmen. Aus medizinischer Sicht war das so gefährlich wenig, dass sie sich ins Pfalzklinikum Klingenmünster einweisen lassen musste. Über ihre Magersucht spricht sie nicht gerne, tut es eigentlich nur, um andere Mädchen zu ermutigen, sich dem Problem zu stellen. „Es ist wichtig, sich Hilfe zu suchen“, sagt sie. „Allein kann man eine Essstörung nicht loswerden.“

Klischees über Magersucht ärgern sie

Seit vier Jahren bekämpft Lena ihre Krankheit. Inzwischen hat sie mit ihr Frieden geschlossen, lebt freundlich mit ihr zusammen, wie sie sagt. Alle zwei Wochen geht sie noch zur Psychotherapie, einmal wöchentlich lässt sie ihr Gewicht kontrollieren. Lena ist kein Mädchen, das sich in den Vordergrund drängt. Sie spricht leise, wirkt eher zurückhaltend, vertritt ihre Positionen aber eindringlich.

Nach dem Abitur würde die Zwölftklässlerin gerne Medizin studieren. Die Klischees, mit denen sie es beim Thema Magersucht zu tun hat, findet sie ärgerlich. „Mit der Krankheit wird man schnell abgestempelt“, sagt sie. „Die Leute beurteilen einem dann nur nach dem Gewicht, nicht nach dem Charakter. Das ist nicht so toll.“

Den ersten Aufenthalt in der Klinik bricht sie ab

Was ihre Essstörung ausgelöst hat, weiß Lena nicht. Mit Schönheitsidealen oder superschlanken Models hat sie jedenfalls nichts am Hut: „Es gibt viele Gründe, warum ich schon mit 13 so stark abgenommen habe. Es ging mir schlecht. Ich hatte Stress, war traurig und niedergedrückt“, erinnert sie sich. Ihre Eltern machten sich Sorgen, es gab endlose Diskussionen ums Essen. Bis sich die Familie psychologische Unterstützung holte. Rückblickend die richtige Entscheidung, auch wenn Lena ihren ersten Aufenthalt in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie nach einem halben Jahr abbrechen musste. Mit 14 sei sie noch sehr jung gewesen, meint sie. Anfangs habe die Therapie gut angeschlagen, aber gegen Ende habe sie sich schwer getan. „Es ging nicht mehr vorwärts, aber daheim hat es mit dem Essen auch nicht geklappt.“ Drei Monate später wurde sie wieder in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen, und diesmal lief alles besser. Nach einem halben Jahr hatten sich ihr Gewicht und ihr Allgemeinzustand so stabilisiert, dass sie entlassen werden konnte.

Besonders hilfreich fand Lena die Kreativtherapien: Meditationstechniken halfen ihr, wieder ein gutes Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln, und beim Malen konnte sie sich künstlerisch austoben. An den Klinikalltag hat sie sich schnell gewöhnt. „Anfangs ist man ängstlich“ erzählt sie. „Man hat Horrorvorstellungen von der Psychiatrie, denkt an eine Irrenanstalt mit Elektroschocks und solchen Sachen. Aber man sieht schnell, dass die Station nicht bedrohlich ist. Klingenmünster ist ein Krankenhaus wie jedes andere auch.“ Als Neuankömmling werde man von den anderen Patienten mit Essstörungen sofort nett aufgenommen. Täglich gibt es neben dem Therapieplan für Schüler zwei Stunden Unterricht in den Hauptfächern, um den Anschluss nicht zu verlieren. Die freie Zeit wird mit Spielen und Basteln gefüllt. Heimweh hatte Lena trotz der abendlichen Telefonate mit den Eltern. „Obwohl die Familie mittwochs und am Wochenende zu Besuch kommt, sehnt man sich nach Zuhause. Das motiviert aber auch, zuzunehmen.“

Ständig Angst und unter Druck

Inzwischen hat Lena wieder Appetit – ein Zustand, der ihr lange fremd war. Im Sommer isst sie gerne Eis. Und wenn sie mal keine Lust auf Essen hat, tut sie es halt trotzdem. Auch die Familie geht jetzt anders mit ihr um. „Wichtig ist, dass die Eltern für einen da sind, dass sie einem keine Vorwürfe machen und nicht drängen“, meint sie. „Sie dürfen die Essstörung nicht persönlich nehmen, sondern müssen die Balance halten.“ Die Magersucht sorge dafür, dass man ständig unter Druck stehe und vor vielen Dingen Angst habe.

Auch Susanne Lieb, stellvertretende Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie Klingenmünster, sieht die Familie in einer wichtigen Rolle. Mit Vernunft sei das Problem leider nicht zu lösen, erläutert sie. „Eltern sollten es auf der emotionalen Ebene angehen und ihrer Tochter sagen, dass sie sich sorgen, dass es sie trifft, wenn sie ihr Lieblingsgericht nicht mehr essen kann oder nicht mehr am Familienleben teilnimmt.“

Rat der Ärztin: „Nie aufgeben“

Lieb rät, auch mit der eigenen Hilflosigkeit offen umzugehen. „Wenn das Kind seinem Körper schadet, gibt es fast zwangsläufig Streit“, sagt sie. „Doch der schadet der Beziehung nur.“ Streit zu beenden, sei aber so schwierig, dass Eltern ebenfalls Unterstützung von Fachleuten bräuchten. Dann können sie sich gemeinsam mit der Tochter beraten lassen.“

Der Heilungsprozess erfordere einen langen Atem und viel Vertrauen, so Lieb. Manchmal seien mehrere stationäre Aufenthalte erforderlich. „Auch wenn der Weg schwierig ist, darf man nicht aufgeben“, sagt die Fachärztin. „Wenn die Mädchen wieder essen, ist die Störung leider noch nicht so vorbei, wie man es sich wünscht. Therapeuten brauchen spezifische Kenntnisse über Essstörungen und müssen sehr viel Verständnis zeigen, um eine gute Beziehung zur Patientin aufbauen zu können.“ *Name von der Redaktion geändert

Das Interview mit der Fachärztin lesen Sie hier; hier geht es zum Einwurf.

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