Tiere
Wenn der Tierarzt zum Tier kommt
Zuerst überprüft Mathias Beyer seinen Rucksack, wenn er in seine Dienststelle in München-Schwabing kommt. 17 Kilogramm wiegt er vollständig gepackt mit Kanülen, Spritzen Verbandsmaterialien, Spülungen, Wundgel, Klammergerät, Stethoskop und Thermometer. Dann kontrolliert Beyer den Notfallwagen vor der Tür. Nun ist er gerüstet, falls das Telefon klingelt und er gleich zu einem Einsatz fahren muss. Der 39-Jährige ist einer von neun Tierärzten und Tierärztinnen, die für den Verein Aktion Tier – Tierrettung München arbeiten.
24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr rücken die Helfer mit ihren Notfallwagen aus. Sie kümmern sich um verunglückte Tiere in München und den angrenzenden Gemeinden, fahren zu Tierbesitzern, die ihren Liebling nicht selbst zum Arzt bringen können oder die ganz einfach mit ihrem Tier überfordert sind und dringend Hilfe brauchen. „Es ist eine medizinische Rettung und Versorgung, die deutschlandweit ihresgleichen sucht“, sagt Beyer, der seit 2014 mit dabei ist.
Seinen spektakulärsten Einsatz erlebte er gleich in der Anfangsphase. Beyer erinnert sich noch ganz genau an den Tag, als er in ein Eineinhalb-Zimmer-Appartement im vierten Stock gerufen wurde, in dem sich sechs Erwachsene aufhielten. „Fünf der sechs Leute waren von einer Katze krankenhausreif gebissen worden“, erzählt Beyer. Das aggressiv gewordene Tier habe unter dem Sofa gesessen, sei dann hinter ein Möbelstück an der Wand gekrochen, aufs Sideboard gesprungen, über die Couch geflüchtet und habe diese Tour dreimal wiederholt.
Schließlich quetschte es sich durch ein gekipptes Fenster, landete auf dem Fenstersims und damit in höchster Lebensgefahr. Beyer gelang es, das panische Tier vor dem Sprung aus dem vierten Stock zu bewahren. „Ich habe die Katze regelrecht im Flug gefangen, und die Kollegin hat mich am Kragen gepackt, damit ich nicht selbst mit dem rund fünf Kilo schweren Tier zum Fenster hinausgestürzt bin“, berichtet der Tierarzt.
Bisswunden keine Seltenheit
Die Katze kam schließlich ins Tierheim. Sie habe einfach unter enormem Stress gelitten, weil in der kleinen Wohnung immer wieder verschiedene Menschen waren, von der Oma über die Tante bis hin zu Neffen. Eindeutig zu viel des Guten für das Tier. „Sie war in einer psychischen Notsituation und drehte durch“, sagt Beyer.
Für den gebürtigen Acherner (Baden-Württemberg) ist die Tierrettung München bis heute ein besonderer Arbeitsplatz. „Man weiß nie, was einen am Tag erwartet“, sagt der Mediziner, der zunächst Tierarzthelfer in einer Kleintierpraxis in der Nähe von Baden-Baden war. Danach studierte er Tiermedizin an der Ludwig-Maximilian-Universität München (LMU) und erhielt seine Approbation als Tierarzt. Anschließend machte Beyer ein 14-monatiges Internship an der Chirurgischen und Gynäkologischen Tierklinik der LMU.
Jetzt arbeitet er im Drei-Schicht-Dienst mit den anderen Tierärzten, darunter seine Frau Julia Diels. Heute ist Beyer für die 15 Uhr-Schicht eingeteilt. Ab 17 Uhr kommt noch eine Tierarztstudentin dazu, die zum Einsatz mitfährt, wenn beispielsweise ein Tier nicht vom Besitzer festgehalten werden kann, um es untersuchen und behandeln zu können. „Tierärzte sind die besten Kunden beim Handchirurgen mit ihren Bisswunden von Hunden oder Katzen“, so Beyer. Denn manchmal helfen auch Sicherheitshandschuhe nicht.
Schon klingelt das Telefon. Ein Mann hat einen Vogel gefunden, an dem irgendwelche „Tierchen“ herumkrabbeln. Beyer lässt sie sich beschreiben, identifiziert sie als parasitäre Hirschlausfliegen. Er bittet den Mann, den Vogel in eine Tierarztpraxis zu bringen oder vorbeizukommen. Sind Wildtiere nicht verletzt, ist die Tierrettung eigentlich nicht zuständig. Sie könnten diese auch nicht in ihren Räumlichkeiten unterbringen und weiterpflegen, sagt Beyer mit Blick auf die Regale, in denen Käfige unterschiedlicher Größe für den Transport von Tieren gestapelt sind. Für die kostenlose Bergung von Wildtieren sei die Feuerwehr zuständig.
Erst wenn das Tier verletzt sei, werden die Ärzte hinzugezogen. „Bei Wildtieren ist meist sehr viel Aufklärungsarbeit nötig“, sagt Beyer. Denn nicht immer ist zum Beispiel ein Jungvogel am Boden hilflos. Einmal sei er wegen Wildtieren innerhalb von zwei Stunden 102-mal angerufen worden, berichtet Beyer. Er führt dies darauf zurück, dass es immer mehr Wildtiere in der Stadt gebe und die Menschen unsicher auf sie reagierten.
Königspudel war der Anfang
Den Einsatz der Tierrettung München müssen Nicht-Mitglieder sofort bar oder per EC-Karte auf Grundlage der üblichen Gebührenordnung für Tierärzte bezahlen. Wer Mitglied des Vereins ist, kann sein Tier mit einem Zusatzbeitrag anmelden und hat dafür eine Behandlungspauschale frei. Die Tiere werden bei Bedarf auch kostenfrei abgeholt. Notwendige Wildtiereinsätze sind für Mitglieder ebenfalls kostenlos.
Typische Einsätze für die Tierrettung sind Verkehrsunfälle, Verletzungen und Traumata, Fensterstürze oder Kippfenster-Verletzungen bei Katzen, Bisswunden, Hitzschlag, Atemnot, allergische Reaktionen und Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts.
Gerufen wird die Tierrettung München in der Regel außerhalb der Sprechzeiten der Haustierärzte und vor allem an Wochenenden und Feiertagen. Vor 20 Jahren war dies in der bayerischen Landeshauptstadt noch nicht möglich. Damals erkrankte die sechs Monate alte Königspudelhündin von Evelyne Menges schwer. Der von Morbus Crohn geplagten Hündin konnte nicht in vertrauter Umgebung geholfen werden. Für Menges, heute Vorsitzende des Vereins, war dies der Grund, einen Verein zu gründen, um Haustierbesitzern zu helfen.
Waren es anfangs rund 500 Einsätze im Jahr, sind es mittlerweile 4000. Vier davon wird Mathias Beyer bis zum Ende seiner Schicht um 23 Uhr an diesem Tag gefahren sein.