Sicherheitskonferenz RHEINPFALZ Plus Artikel Vitali Klitschkos schwerster Kampf

Partner: Münchens OB Dieter Reiter und der Kiewer Amtskollege Vitali Klitschko bei der BMW-Stiftung.
Partner: Münchens OB Dieter Reiter und der Kiewer Amtskollege Vitali Klitschko bei der BMW-Stiftung.

Der Bürgermeister von Kiew klagt auf der Münchner Sicherheitskonferenz Russland als Terrorstaat an. Bei der BMW-Stiftung Herbert Quandt fasst der Ex-Boxweltmeister aber auch die Zukunft seines Landes ins Auge.

Als Vitali Klitschko noch Boxer war, gelang ihm in neun von zehn Kämpfen der K. O. Aber seit dem 24. Februar 2022 findet sich der 2,01 Meter große Ukrainer in einem Kampf wieder, der ihn Tag für Tag und Nacht für Nacht herausfordert: Wladimir Putins Militärstreitmacht feuert Rakete um Rakete auf Kiew ab, die ukrainische Hauptstadt, deren Bürgermeister der inzwischen 51 Jahre alte Klitschko seit 2014 ist.

Anders als sein Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich an diesem Freitag bei der Münchner Sicherheitskonferenz per Videoleitung zuschalten lässt, ist Klitschko nach München gereist. Die beiden Politiker sind Rivalen. Selenskyj versuchte 2020, den Ex-Boxweltmeister wegen Korruptionsvorwürfen aus dem Amt zu drängen. Nicht erst seit dieser Episode liebäugelt Klitschko damit, Selenskyj als Staatschef zu beerben. Klitschko steht Selenskyjs Amtsvorgänger Petro Poroschenko nahe.

Die Klitschko-Brüder – Vitali und Wladimir, der auch Boxer war – sind seit der Revolution auf dem Kiewer Maidanplatz 2013/2014 Dauergäste der Sicherheitskonferenz. Noch bevor der eigentliche Konferenzauftakt um 13.30 Uhr im Hotel Bayerischer Hof stattfindet, kommt Klitschko um kurz nach 9 Uhr in den lichtdurchfluteten Pavillon der BMW Stiftung Herbert Quandt am Lenbachplatz.

Wie beim Speed Dating

„Responsible Leaders Hub“ ist der offizielle Titel eines Veranstaltungsreigens der Stiftung – eine Tagung innerhalb der Sicherheitskonferenz MSC. Solche Nebenschauplätze gibt es im Münchner Zentrum bis zum Sonntag Hunderte. Es ist ein wenig wie Speed Dating: Die MSC-Teilnehmer aus aller Welt wandern hin und her, um das meiste aus der Fülle von Expertise zu machen, die sich hier bietet. Der Sicherheitsbegriff wird dabei weit über die Fragen von Panzerlieferungen und Munitionsnachschub hinaus diskutiert – die BMW-Tagung ist ein Paradebeispiel dafür.

„Städte als Hüter der Demokratie“ lautet der Titel des Podiums, bei dem Klitschko an diesem Morgen mit dem Münchner OB Dieter Reiter, moderiert von der renommierten US-Journalistin Anne Applebaum, über die Zukunft der Ukraine, aber eben nicht nur der Ukraine nachdenkt. Klitschkos Stadt Kiew gehört zu einer Initiative namens „Pakt freier Städte“, die 2019 von Bratislava, Budapest, Prag und Warschau aus der Taufe gehoben wurde.

München tritt Städtepakt bei

Nun ist auch München dabei: Reiter unterschreibt neben Klitschko die Beitrittsurkunde. Um danach darüber zu diskutieren, was Städte tun können, um einander durch konkrete Hilfe beizustehen. Sprich: nicht nur durch Solidaritätsbekundungen, von denen es an diesem Wochenende in München reichlich gibt. 60.000 Ukrainer sind seit Kriegsbeginn vor fast einem Jahr am Münchner Hauptbahnhof angekommen, erinnert OB Reiter. Dem SPD-Politiker zufolge leben aktuell 16.000 geflohene Ukrainer in der bayerischen Hauptstadt.

Journalistin Applebaum nennt ein einleuchtendes Beispiel dafür, wie Städte rund um die Welt sogar zur Niederlage Russlands beitragen könnten: indem sie ihren Immobilienmarkt transparenter verwalten. Könnten russische Oligarchen ihr Geld nicht seit Jahrzehnten in London oder New York durch Häuserkauf waschen, wäre es anders um die Milliarden aus Russland bestellt.

Kiews Immobilien liegen derweil unter Beschuss. In der Vier-Millionen-Stadt sind schon 156 Zivilisten durch die russischen Angriffe aus der Luft umgekommen. 650 Gebäude: einfach zerstört. In der Ukraine haben insgesamt schon 3,5 Millionen Menschen ihr Dach über dem Kopf verloren. „Das ist kein Krieg, was gerade in der Ukraine passiert, ist Terrorismus“, sagt Klitschko. Denn der Kreml treffe mit seinen Raketen absichtlich zivile Infrastruktur. Immer wieder Stromausfall, kein Wasser, kein Internet, keine Heizung.

Eine Ukraine als EU-Land

Beim Wiederaufbau wolle man Kiew helfen, verspricht OB Reiter. Klitschko, der sich immer wieder bei den Deutschen bedankt und die Hilfe „überlebenswichtig“ nennt, nickt ernst. Und betont: Gebäude seien nur ein Teil des Wiederaufbaus. Der entscheidende sei, „die Ukraine als Teil Europas“ aufzubauen. „Wir wollen nicht mehr Teil der UdSSR sein.“ Die Ukraine wolle auch der Korruption Herr werden, so Klitschko: „Wir haben viele Reformen vor uns. Wir müssen heute an übermorgen denken.“ Der Ex-Boxer wird diesen Kampf nicht nach Runde 12 beenden.

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