Politik
USA: Virtuelle Partei-Kongresse statt opulenter Hallenspektakel
Sie wirken wie aus einer anderen Zeit, die Bilder des Parteitagssommers 2016. In Cleveland huldigten die Republikaner einem Geschäftsmann, den sie noch zwölf Monate zuvor belächelt hatten als unterhaltsamen, gleichwohl chancenlosen Außenseiter. Und Donald Trump verstieg sich zu dem bizarren Satz, er allein sei in der Lage, Amerikas Probleme zu lösen. In Philadelphia inszenierten die Demokraten unter dem Allerweltsmotto „Strong Together“ eine perfekte Show, bevor Hillary Clinton in einer optimistischen Abschlussrede die grenzenlosen Möglichkeiten dieser Welt beschwor. Seit 1980 lassen amerikanische Parteitage an moderne Krönungsmessen denken. Es geht um das Spektakel, um die Gala, um Werbung in eigener Sache. Für ernsthafte Strategiedebatten bleibt kein Raum, jedenfalls nicht vor den Kulissen. Letzteres wird diesmal nicht anders sein, ansonsten aber erleben die Amerikaner zwei Parteitagswochen, wie es sie in ihrer jüngeren Geschichte noch nie gegeben hat.
Bei den Demokraten steht bereits fest: Dieser Kongress wird ein rein virtueller sein. Von Monat zu Monat, zuletzt von Woche zu Woche, waren die Pläne bescheidener geworden. Ursprünglich hatte man mit 50.000 Gästen in Milwaukee gerechne. Doch das Coronavirus zwingt die Regisseure nahezu komplett ins Digitale. Der akuten Ansteckungsgefahr in voll besetzten Hallen Rechnung tragend, fällt die Inszenierung vor großem Publikum aus. Immerhin hatte Joe Biden noch Anfang August vor, in die Stadt am Michigansee zu fliegen. Aber auch daraus wird nichts. Der 77-Jährige, der sich nur selten aus seinem Haus in Wilmington wagt, wendet sich aller Voraussicht nach von seinem Heimatstaat Delaware aus an die Delegierten, die vor Bildschirmen sitzen. Auch die übrige Parteiprominenz verzichtet auf die Reise nach Milwaukee. Michelle Obama, die den Reigen eröffnet, hat ihre Rede bereits im Urlaubsdomizil auf der Insel Martha’s Vineyard aufzeichnen lassen. Barack Obama kommt am Mittwoch dran, ob live oder nicht, bleibt abzuwarten. Ebenso Kamala Harris, die Bewerberin für die Vizepräsidentschaft. Zwischendurch sind die Bill und Hillary Clinton an der Reihe, außerdem Bernie Sanders, die Galionsfigur der Linken.
Wie es Trumps Republikaner in der Woche darauf halten, ist noch nicht restlos geklärt. Nach aktuellem Stand soll sich ein eher symbolisches Kontingent in Charlotte versammeln, der Metropole des Bundesstaats North Carolina, dessen demokratischer Gouverneur mahnte, bei Großveranstaltungen doch bitte auf Abstandsregeln zu achten. Trump, der die Vorschriften als Zumutung empfand, entschied daraufhin, seinen Auftritt in Jacksonville zu zelebrieren, in Florida, wo ihm ein loyaler, republikanischer Gouverneur freie Hand lassen würde. Weil aber Florida zum Corona-Hotspot geworden ist, musste er wohl oder übel einen Rückzieher machen. Nun soll ihm das Weiße Haus als Kulisse dienen, vielleicht auch Gettysburg.
Im Grunde dürfte Biden nichts dagegen haben, dass die Show im pandemiegeplagten Amerika um ein paar Nummern kleiner ausfällt als sonst. Er ist kein mitreißender Redner, eher ein Praktiker, 36 Jahre Senator, acht Jahre Vizepräsident, der Inbegriff von Regierungserfahrung. Ein Präsident Biden, macht er deutlich, wäre nur eine Übergangsfigur, die Brücke zur nächsten Generation. So wird der Fokus denn auch auf Kamala Harris liegen, der Senatorin aus Kalifornien, mit der er das Duell gegen Trump und dessen Vize Mike Pence bestreitet. Sollte er die Wahl gewinnen, könnte sie ihn dereinst im Oval Office ablösen.