Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Ukraine braucht Waffen, der Westen Geduld

Ein ukrainischer Soldat in einem zurückeroberten Dorf.
Ein ukrainischer Soldat in einem zurückeroberten Dorf.

Zwei Wochen nach den ersten ukrainischen Gegenstößen macht sich im Westen eine gewisse Skepsis breit. Aber nichts ist in diesem Konflikt weniger angebracht als Ungeduld.

Mehrere Ortschaften haben die Ukrainer in zwei Wochen freigekämpft und gut hundert Quadratkilometer Boden, also knapp die Grundfläche der Stadt Ulm. Russische, ukrainische und westliche Online-Strategen diskutieren, ob die Kämpfe im Frontvorsprung Wremjewka östlich von Saporischschja und bei Bachmut noch ukrainische Aufklärungsvorstöße darstellen oder schon eine Zermürbungsschlacht. Wladimir Putin persönlich trumpfte am vergangenen Freitag mit 186 vernichteten Feindpanzern auf, obwohl das westliche Recherche-Portal Ogyx am Vortag nur 19 gezählt hatte.

So oder so, von einem durchschlagenden Erfolg der Ukraine kann bisher nicht die Rede sein. Die von aller Welt zitierten Analytiker des US-Kriegsforschungsinstituts ISW denken schon laut darüber nach, ob die Probleme der Ukrainer bei ihren Angriffen im Raum Saporischschja möglicherweise mit einer verbesserten elektronischen Kriegsführung der Russen zusammenhängen.

Erwartungshaltung immer höher geschraubt

Im Westen macht sich angesichts der langsamen Fortschritte Nachdenklichkeit, wenn nicht Skepsis breit. Auch wenn sogar russische Militärblogger schreiben, dass von zwölf feindlichen Offensivbrigaden erst drei im Einsatz und keineswegs aufgerieben sind. Der Westen hat Kiews Gegenoffensive seit mehreren Monaten erwartet, diskutiert, vorab gewürdigt. Man hat über „Panzerkoalitionen“ für die Ukraine gestritten und sie am Ende gefeiert, die eigene Erwartungshaltung immer höher geschraubt.

Schon im Frühjahr riefen die Kolumnisten der großen amerikanischen Ostküstenblätter die neue Mainstream-Parole aus: Diese Offensive sei für die Ukraine das vielleicht letzte mögliche Zeitfenster, um auf dem Schlachtfeld entscheidende Fortschritte zu machen. Danach sollte man den Konflikt auf dem Verhandlungsweg einfrieren.

Die Defizite der Ukraine

Dabei zeigte sich der ukrainische David im Kampf gegen den Rohstoff- und Rüstungs-Goliath Russland vergangene Woche auch radioelektronisch auf der Höhe, Ukrainische Raketentreffer töteten bei Berdjansk einen russischen Generalmajor und bei Kreminna vermutlich an die hundert Infanteristen. Auch von dem Duma-Abgeordneten Adam Delimchanow gibt es kein überzeugendes Lebenszeichen, seit die Ukrainer am Mittwoch behaupteten, sie hätten seine Wagenkolonne bei Mariupol erwischt.

Das ändert aber nichts daran, dass die Ukrainer von Anfang an mit weniger Feuerkraft und fast ohne Luftwaffe kämpfen. Mit diesen Defiziten gehen sie auch in ihre neue Offensive, trotz aller Militärhilfe.

Keine Revolution in Russland zu erwarten

Die westliche Öffentlichkeit sollte ihre Erwartungen in einem realistischen Rahmen halten. Selenskyjs Soldaten mögen noch hundert oder tausend Quadratkilometer oder gar die von den Russen besetzte Landbrücke zur Krim zurückgewinnen. Aber Russlands Soldaten werden deshalb kaum an der gesamten 900 Kilometer-Front davonlaufen.

Und in Moskau wird es keine Revolution geben, eher eine neue Mobilmachung. Putin wird weiter genügend Ölrubel, Raketenchips und Kriegswillige haben, um Kiew weiter zu bekriegen. Jahrelang. Um am Ende zu siegen, braucht die Ukraine mehr Waffen. Und der Westen mehr Geduld.

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