Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Keine Hexenjagd auf russische Künstler!

Putins Hofkapellmeister Valery Gergiev hat seinen Job in München verloren.
Putins Hofkapellmeister Valery Gergiev hat seinen Job in München verloren.

Auch wenn es einzelne russische Künstler gibt, denen ihre Nähe zu Putin zurecht zum Verhängnis geworden ist, wäre eine pauschale Verurteilung fatal.

Es ist ja nicht so, dass man in München nicht hätte wissen können, wen man sich da 2015 als Chefdirigenten der Münchner Symphoniker in die Stadt geholt hat. Valery Gergiev hatte da gerade erst für Aufruhr gesorgt, und zwar eben nicht durch ein spektakuläres Dirigat, sondern durch einen von ihm mitunterzeichneten Brief, in dem die Annexion der Halbinsel Krim durch Russland nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu gefeiert wurde. Gergiev als Reichskapellmeister des Zaren Wladimir Putin zu bezeichnen, trifft es ziemlich gut. Der Mann sucht die Nähe der Macht, sonnt sich in ihr (das hat er übrigens mit Star-Sopranistin Anna Netrebko gemein). Und verkauft sich an sie. Auch, indem er offen Wahlkampf für Putin betrieben hat.

Im München, der Partnerstadt Kiews, hat das alles offensichtlich niemanden gestört. Im Gegenteil: Der Vertrag Gergievs, der 2018 auch in Deutschlands geweihter Opernstätte auf dem Bayreuther Grünen Hügel dirigieren durfte, wurde im selben Jahr bis 2025 verlängert. Weil er sich jetzt nicht offen gegen den brutalen und menschenverachtenden Krieg Putins gegen die Ukraine ausgesprochen hat, hat er sein Amt in München verloren. Spät, aber vielleicht noch nicht zu spät.

Der Dirigent Gergiev ist ein Einzelfall

Wer sich so eng mit der Macht des Bösen verbunden, ja sich ihr regelrecht angedient und damit ausgeliefert hat, der hat seine künstlerische Freiheit längst verspielt und sollte sich jetzt, wo er für sein Verhalten sanktioniert wird, auch nicht auf diese berufen. Gergievs Karriere im Westen ist beendet, und das ist gut so. Aber Gergiev ist ein Einzelfall, er ist nicht repräsentativ für die zahlreichen russischen Künstler, die überall in der Welt ihrer Berufung nachgehen und auf die derzeit zum Teil schon eine regelrechte Hexenjagd veranstaltet wird. Das muss aufhören, denn sonst verhalten wir uns genau so, wie es im Unrechtsstaat Putins schreckliche Normalität geworden ist.

Da wäre zum Beispiel der Fall des 44-jährigen russischen Dirigenten Tugan Sochijew, der seit 2014 Chef des Moskauer Bolschoi-Theaters war. Zugleich stand er aber auch an der Spitze des Nationalorchesters am Opernhaus Capitole im französischen Toulouse. Sochijew hat sich ganz anders als Gergiev nie etwas zuschulden kommen lassen, hat keine übertriebene Nähe zu Putin gezeigt. Trotzdem ist er von beiden Positionen zurückgetreten, quasi unter doppeltem Rechtfertigungsdruck stehend. In einer Erklärung hat er deutlich gemacht, wie groß dieser ist und wie sehr er ihn wie auch die vielen anderen Künstler belastet. Europa zwinge ihn, heißt es darin, „eine Wahl zu treffen und ein Mitglied meiner musikalischen Familie dem anderen vorzuziehen“.

Europa braucht russische Künstler

Man kann dies auch am Pfalztheater beobachten, wo natürlich ebenfalls russische Künstler beschäftigt sind, die im Gespräch mit der RHEINPFALZ sehr emotional diese Zerrissenheit schildern, aber auch das Entsetzen darüber, was gerade in der Ukraine passiert.

Wie weit soll diese Hysterie eigentlich noch gehen? Wollen wir künftig etwa Tschaikowsky und Schostakowitsch aus unseren Konzertsälen, Tolstoi und Dostojewski aus unseren Bibliotheken verbannen? Europa braucht die russische Kultur wie die russischen Künstler. Wen wir allerdings nicht brauchen, ist Putin.

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