Porträt
Karl Lauterbach und seine Fehler: Professor Ungeschickt
„Ach, der Karl.“ So hört es sich an, wenn man bei SPD-Abgeordneten nach Karl Lauterbach fragt. Dabei gibt es durchaus unterschiedliche Betonungen. Die einen seufzen nur, wenn sie den Namen hören, weil sie merken, wie sehr der Gesundheitsminister unter der Bürde seines Amtes leidet. Weil er Kompromisse eingehen muss, weil er Verbündete braucht und Mehrheiten. Die anderen sind richtig stinksauer, weil sie morgens im Radio Dinge hören, die tags zuvor mit Lauterbach völlig anders besprochen waren. Weil ihr Minister nicht mehr verlässlich ist und wie ein Getriebener wirkt. „Ach, der Karl“, der hat es gerade schwer. Bis weit in die SPD hinein hat er an Ansehen verloren.
Die SPD-Basis wollte ihn nicht
Ein kurzer Blick zurück: Karl Lauterbach schien sich zu Höherem berufen, als er sich 2019 um den Vorsitz der SPD bewarb. Im Reigen der zahlreichen Kandidaten in dieser Mitgliederbefragung schlug er sich wacker, doch die Basis wollte ihn nicht.
Aber man kannte ihn jetzt. Und das nutzte dem Mediziner, als die Corona-Krise begann. Ungezählt sind seine Twitter-Nachrichten, die er oft zu später Stunde versandte, was er heute noch tut. Lauterbach trat als Experte im Fernsehen bei Frank Plasberg, Markus Lanz und Anne Will auf. 2021 war der SPD-Politiker mit 29 Auftritten der am häufigsten eingeladene Gast in deutschen Talkshows. Lauterbach äußerte dort seine Ansichten zur Pandemie und erläuterte Harvard-Studien, warnte früh vor einer zweiten Welle, sprach sich für strenge Kontaktbeschränkungen aus und gehörte zu den scharfen Kritikern schneller Lockerungen.
Politiker mit Starkult
Der Rheinländer erlangte einen gewissen Starkult, und als Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) das Amt des Gesundheitsministers besetzen wollte, kam er am populären Lauterbach schlichtweg nicht vorbei. Scholz pries ihn sowohl als Mann der Wissenschaft als auch als einen Politiker mit klaren Überzeugungen. Der Karl, der kann es, das war die Botschaft des Kanzlers. Was Scholz wirklich von Lauterbach hält, ist nicht überliefert.
Das Amt des Gesundheitsministers ist hart und selten fair. Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft, braucht es gute Nerven. Lauterbach erkannte schnell, dass die Ampel an kaum einer anderen Stelle so weit auseinander ist wie in der Corona-Politik.
Die Freiheitswünsche der FDP
Besonders deutlich zeigte sich dies bei der Lockerung des Infektionsschutzgesetzes. Während der Epidemiologe Professor Lauterbach mahnte, weiter Masken zu tragen und Vorsicht walten zu lassen, verkündete der Minister Lauterbach das, was ihm die FDP an Freiheitswünschen in den Block diktiert hatte. Das Ziel, die Wissenschaft zum alleinigen Maßstab der Politik zu machen, zerschellte am Zwang, den kleinsten gemeinsamen Nenner in einer schwierigen Koalition zu finden. Aber das Machbare zu erreichen ist das eine. Das andere ist, Fehler zu vermeiden. Das gelang dem 59-Jährigen in seinen knapp vier Monaten als Minister nicht.
Am vergangenen Montag ging es mit dem Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, und den Gesundheitsministern der Länder um die Aufhebung der zwingenden Isolation bei einer Corona-Infektion. Man war sich einig. Am Dienstag erläuterte Lauterbach die Sache in der SPD-Fraktion – und am Abend rückte er unvermittelt davon ab.
„Kein Teamplayer“
Schon in der Fraktionssitzung redeten ihm die Abgeordneten ins Gewissen: Wenn die Botschaft laute, Corona ist nicht mehr so schlimm, wie kann man dann noch eine Impfpflicht glaubwürdig fordern? Lauterbach drehte bei, bekannte, dass er einen Fehler gemacht hatte und jetzt den Vorschlag wieder „einkassieren“ müsse. Allerdings nutzte er zur Bekanntgabe dieser Kehrtwende die Talkshow von Markus Lanz und schrieb nachts um halb drei noch eine erklärende Twitter-Nachricht. Dieser Kommunikationsstil ärgerte die Gesundheitspolitiker im Bundestag maßlos. „Kein Teamplayer“, ist noch eines der milderen Urteile. „Ist der Ministerposten eine Gewichtsklasse über ihm?“, spottete der Oppositionspolitiker Sepp Müller (CDU).
Schon einmal gab es eine gravierende Kommunikationspanne. Im Januar hatte das RKI den Genesenenstatus von sechs auf drei Monate verkürzt. Die Änderung wurde sofort wirksam, und Lauterbach schien das nicht gewusst zu haben. Viele Menschen verloren über Nacht ihren 3-G-Status. Lauterbach wurde vorgeworfen, das RKI nicht im Griff zu haben und es nicht wichtig zu nehmen. Der Minister versprach, das sich so etwas nicht wiederholen werde. Schon wurde spekuliert, ob RKI-Chef Wieler entlassen werde, was nicht geschah.
Eines seiner wichtigsten Ziele hat Lauterbach am Donnerstag verfehlt. Die Ablehnung im Bundestag der für ihn zwingend notwendigen Impfpflicht hat ihn hart getroffen. Schon im Vorfeld musste er zusehen, wie die Forderungen der Ampel-Abgeordneten in den Kompromissgesprächen immer kläglicher wurden: erst Pflicht ab 18, dann Pflicht ab 50, dann Pflicht ab 60 – und am Ende gar nichts. „Die Aufgabe ist viel härter, als ich mir das vorgestellt hatte“, gab Lauterbach jüngst zu. Ach, der Karl.