Porträt
Der Knallharte: Was treibt Claus Weselsky an?
Wenn von Claus Weselsky die Rede ist, kommen häufig Superlative ins Spiel. Wahlweise wird der 64-Jährige als „härtester“, „sturster“, „kompromisslosester“ Gewerkschafter vorgestellt. Und das nicht erst seit der Ankündigung vom Montag, den Bahnverkehr ab diesem Mittwoch sechs Tage lang weitgehend lahmlegen zu wollen. Weselsky, der seit 2008 an der Spitze der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) steht, kämpft schon seit Jahren mit allen zulässigen Mitteln für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen und geht dabei keinem Konflikt aus dem Weg. Eines muss man ihm dabei bescheinigen: Diese Politik mit der Brechstange ist aus Sicht der Mitglieder erfolgreich, die Tarifabschlüsse der GDL können sich sehen lassen. Und das allein ist es, was für Weselsky zählt. Dass tagelange Streiks „wirtschaftliche Kollateralschäden“ verursachen, sei nun einmal unvermeidlich, sagte er kürzlich in einem Interview.
Wer dem GDL-Chef unter vier Augen oder in geselliger Runde begegnet, erlebt einen Menschen, der gerne und ausführlich redet, auch amüsant erzählen kann. Kommt das Gespräch jedoch auf die Deutsche Bahn (DB) beziehungsweise deren Führungspersonal, sind Jovialität und Höflichkeit wie weggeblasen, wechseln Tonlage und Mimik, geht Weselsky in den Angriffsmodus über. Unfähig, raffgierig und bei Bedarf verlogen – auf diesen knappen Dreiklang lässt sich bringen, was Weselsky von den obersten DB-Managern hält. Im aktuellen Tarifkonflikt ging er am Montag, nicht zum ersten Mal, den Bahn-Personalvorstand Martin Seiler persönlich an. Der müsse sich die Frage stellen, ob er als Verhandlungsführer überhaupt geeignet sei, attackierte Weselsky den Mann, dem er in Tarifverhandlungen gegenübersitzt, mit dem er einen Kompromiss aushandeln soll. Von gegenseitiger Wertschätzung, die bei allen Unterschieden in der Sache in Tarifverhandlungen als wichtig für eine konstruktive Atmosphäre gilt, ist da nichts zu spüren. Stattdessen Konfrontation pur.
Seit 2008 GDL-Chef
Was von all dem gezielte Provokation und was tiefere Überzeugung ist, bleibt dahingestellt. Aber eines ist sicher: Schuld am in großen Teilen beklagenswerten Zustand nicht nur der DB, sondern auch des Schienensystems in Deutschland ist für Weselsky in allererster Linie fortwährendes Missmanagement in der DB-Zenrale, das von der Politik auch noch unterstützt oder zumindest geduldet wird.
Dabei kann man Weselsky eines nicht absprechen: Der Mann ist ein leidenschaftlicher Anhänger der Eisenbahn. Der 1959 geborene Weselsky wuchs im sächsischen Kreischa auf, ehe seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern nach Dresden zogen. Der gelernte Maschinenmotoren- und Schienenfahrzeugschlosser absolvierte in den 1970er-Jahren noch eine Ausbildung zum Lokführer. Zunächst saß Weselsky im Führerstand von Rangierloks, später auch von Güter- und Personenzügen. Der 1990 in den neuen Bundesländern wiedergegründeten GDL – die ursprünglich 1867 in Ludwigshafen gegründet worden war – trat Weselsky in deren Anfangsmonaten bei und machte dort rasch Karriere, die ihn 2008 schließlich an die Spitze der Organisation führte.
Machtkämpfe sind Claus Weselsky nicht fremd
Auch dort war Weselsky nicht unumstritten. Als sein Vorgänger Manfred Schell, auch nicht unbedingt als Mann der leisen Töne in Erinnerung, den Ehrenvorsitz in der Gewerkschaft niederlegte, begründete er diesen Schritt mit Protest gegen Weselskys Führungsstil.
Machtkämpfe sind Claus Weselsky also nicht fremd. In einem stecken er und die GDL schon seit Jahren; Kontrahent ist die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG. Die nennt Weselsky in der Regel nicht beim Namen, spricht stattdessen oft von der „Hausgewerkschaft“ der DB, die sich vom Konzern den Schneid abkaufen lasse und viel zu niedrige Tarifabschlüsse akzeptiere. Seit Jahren wirbt die GDL um EVG-Mitglieder und versucht, jenseits der Lokführer vermehrt auch Angehörige anderer Bahn-Berufe für sich zu gewinnen.
Tarifeinheitsgesetz als Konflikttreiber
Zugespitzt hat sich dieser Konkurrenzkampf durch das Tarifeinheitsgesetz. Dieses bis heute umstrittene Gesetz besagt, dass in einem Betrieb nur der Tarifvertrag jener Gewerkschaft gilt, die dort die Mehrheit der Mitglieder organisiert hat. In der Folge kommen nur in einer kleinen Zahl der rund 300 DB-Betriebe die Tarifverträge der GDL zum Tragen; in der Mehrzahl der Betriebe gelten EVG-Verträge. Aus Sicht der GDL wird durch dieses Gesetz ihre gewerkschaftliche Existenz gefährdet; entsprechend robust fällt Claus Weselskys Gegenwehr aus.
Im September ist Schluss
Viel Feind, viel Ehr – dieses Motto scheint wie maßgeschneidert für Weselsky. Als Gewerkschaftsvorsitzender versteht sich das CDU-Mitglied auch als Blitzableiter, der „seine“ Leute vor äußeren Unbilden schützt, alle Anwürfe auf sich zieht – und im Umgang damit durchaus auch Kreativität beweist: Als die „Bild“-Zeitung 2014 im damaligen Tarifkonflikt mit der DB seine Telefonnummer veröffentlichte, damit Fahrgäste ihren Ärger bei ihm abladen sollten, aktivierte Weselsky kurzerhand die Rufweiterleitung, und zwar auf den Apparat des damaligen Bahn-Chefs Rüdiger Grube …
Ansonsten prallen Kritik und Anwürfe scheinbar folgenlos an ihm ab, sein ohnehin ausgeprägtes Selbstbewusstsein scheint dadurch eher noch gestärkt zu werden. Dass manche ihn auch jetzt wieder zur Hassfigur stilisieren, nimmt er zumindest äußerlich eher ungerührt hin. „Mein Nimbus steht, bei Gewerkschaftern, Arbeitgebern und Politikern. Den muss ich weder aufpolieren noch wegmeißeln“, antwortete Weselsky im vergangenen September im RHEINPFALZ-Interview auf die Frage, ob er die Forderungen jetzt besonders hoch schraube, weil es sich um seine mutmaßlich letzte Tarifrunde handelt.
Denn nachdem sich sein ursprünglich geplanter Abgang von der GDL-Spitze zeitlich verschoben hat, soll Anfang September endgültig Schluss sein. Dann will Claus Weselsky – natürlich in Dresden – sein Amt an Mario Reiß übergeben und ins Privatleben überwechseln. Nicht nur bei der DB dürfte dann so mancher aufatmen.